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Die verschiedenen Arten der Krise

Suchte man in der Presse nach Informationen über den Zustand der mittelgroßen Städte Polens, fand sich leicht eine Reihe von Texten, in denen das Wort „Krise“ im Vordergrund stand. Die Städte selbst wurden meist als „problematisch“, „stagnierend“ oder „marginalisiert“ beurteilt. Doch sind Gegenwart und Zukunft der polnischen mittelgroßen Städte wirklich nur in dunklen Farben zu malen? 

Schauen Sie sich eine Infografik zum Bevölkerungsrückgang an

122 polnische Städte befinden sich in der Krise – diese einfache Meldung hat die Debatte über den Zustand polnischer Städte erneut angefacht. Sie entspringt den Thesen einer Forschungsarbeit über die Delimitation derjenigen Mittelstädte, die im Begriff sind, ihre gesellschaftlichen und ökonomischen Funktionen zu verlieren. Formuliert hat diese Thesen Przemysław Śleszyński, ein Mitarbeiter des Instituts für Geographie und Raumbewirtschaftung der Polnischen Akademie der Wissenschaften, in einem Bericht, der für die Strategie für eine verantwortliche Entwicklung [1] entstanden ist. In seiner Analyse hat der Forscher eine Reihe negativer Prozesse aufgezeigt, mit denen die mittelgroßen Städte in Polen ringen. Darunter werden under anderem der Rückgang der Bevölkerung genannt (worüber hier mehr zu lesen ist), der Verlust ökonomischer Funktionen, soziale Probleme oder auch schlechte Verkehrsanbindungen.
 
Überdies wurde nach dieser Analyse unter dem Aspekt des Marginalisierungsgrades eine Typologie der mittelgroßen Städte erstellt. Auf der Liste standen 122 Zentren, und dieses besondere Fragment des Berichts hat den größten medialen Sturm ausgelöst. „Krisenstädte. Der Zustand polnischer Städte in der Analyse der Polnischen Akademie der Wissenschaften“, „Bericht der Akademie der Wissenschaften: 122 Städten in Polen drohen Kollaps und Marginalisierung“ oder „Die Krise der mittelgroßen Stadt“ lauteten nur einige der Titel unter mehreren Dutzend Pressepublikationen, die um die Jahreswende 2017/18 erschienen sind. Eine klare Mehrheit der Artikel war in einem ähnlichen Ton gehalten. Am häufigsten wurden die mittelgroßen Städte als Krisengebiete oder Problemzonen, als stagnierende oder marginalisierte Areale beschrieben. In den meisten Texten kam das Wort „Krise“ vor. Natürlich folgt eine Mediendebatte ihren eigenen Gesetzen. Eines davon besagt, dass Eindruck mit starken Worten gemacht werden muss, und „Krise“ ist ganz sicher eines davon. Das bedeutet aber nicht, dass dieses Wort richtig gewählt ist. Was ist überhaupt eine Krise, und gibt es rationale Voraussetzungen dafür, diesen Begriff in Bezug auf die mittelgroßen Städte zu verwenden?
 
Die große Mehrheit der Autoren beruft sich zur Begründung der These von den „Krisenstädten“ allein auf die Daten, die in dem Bericht von Przemysław Śleszyński aufgeführt sind, lassen dabei aber den größeren Kontext außer Betracht und ignorieren andere Daten. Lässt sich auf dieser Grundlage schlussfolgern, dass die mittleren Städte sich in einer Krise befinden? Und sind es ausschließlich Zentren dieser Größenordnung, die von Problemen wie Entvölkerung und Strukturverschlechterung betroffen sind?
 
Es ist zu betonen, dass unter den Städten, die Professor Śleszyński tatsächlich als Krisenorte beschrieben hat, lediglich fünf derjenigen Zentren waren, für die sich das Projekt „Ortsgespräche“ interessiert, also nur wenig über zehn Prozent. Auf der anderen Seite muss man beachten, dass fast die Hälfte der Städte, in denen wir unser Projekt realisieren wollen, auf dieser unrühmlichen Liste stand.
 
Indessen zeigt die Lektüre diverser Städterankings, dass die Lage der mittelgroßen Städte gar nicht so eindeutig „problematisch“ ist, wie es die Autoren einer Reihe der zuletzt publizierten Texte dargestellt haben. Ein Beispiel hierfür ist die Zusammenstellung, die das Wochenblatt Wprost im Jahr 2016 veröffentlicht hat [2] und die anhand von Kriterien wie Freundlichkeit gegenüber den Bewohnern, Offenheit für Unternehmen und rationale Finanzwirtschaft erstellt wurde. In diesem Ranking wurden 66 Städte mit Kreisrechten berücksichtigt. Den Spitzenplatz nahm Danzig ein, und unter den Städten, die von unserer Untersuchung erfasst sind, besetzte Jaworzno mit Rang 15 den höchsten Platz. Unter dem Aspekt Lebensqualität erreichte Zamość mit Rang 4 eine hohe Platzierung, ebenso Siedlce mit Rang 6. Unter den Städten mit der geringsten Verschuldung befanden sich Jastrzębie Zdrój (Platz 2) und Nowy Sącz (Platz 3). Bei der Gesundheitsversorgung führte Ostrołęka, aber auch Zamość war mit Platz 4 unter diesem Aspekt weit vorn. Als die sichersten Städte erwiesen sich – in dieser Reihenfolge – Łomża, Zamość und Siedlce.
 
Indes hat Filip Springer im Jahr 2016 als Ergebnis eines monatelang laufenden Projekts das Buch Miasto Archipelag (Stadtarchipel) veröffentlicht. Dieses Projekt war auf 33 Städte fokussiert, die infolge der Selbstverwaltungsreform von 1999 den Status der Wojewodschaftshauptstadt verloren haben. Dabei beschreibt Springer auf der einen Seite gewisse unerfreuliche Tendenzen, unter anderem den Wegzug junger Leute in die Metropolen, aber auf der anderen Seite bemerkt er auch gewisse Ansätze zu einer Belebung. Springer betont, dass er sich der harten Daten bewusst ist, bemüht sich aber, gewisse Potenziale zu entdecken, welche die Lebensqualität in den kleineren Städten erhöhen. Er weist auch darauf hin, dass die geschlossene Bebauung ein Plus der kleineren Städte ist, weil sie es erlaubt, sich leicht durch diese Orte zu bewegen. Er weiß zu schätzen, dass die kleineren Zentren es gestatten, eine bessere Work-Life-Balance zu erreichen. Überdies hebt er hervor, dass die Bewohner der kleineren Zentren soziale Netzwerke stärker pflegen und lobt den Zugang zu Erholungsmöglichkeiten und zur Natur. Springer bemerkt ferner, dass in den kleineren Städten auch interessante architektonische Ansätze anzutreffen sind und stellt zugleich fest, dass die Ungleichheit in diesem Bereich langsam schwindet.
 
In einem ähnlichen Ton äußern sich auch die Teilnehmer der Workshops, die im Rahmen des Projekts „Ortsgespräche“ organisiert werden. Repräsentanten der mittelgroßen Städte weisen natürlich auf eine Reihe negativer Tendenzen hin, die in diesem Text schon beschrieben wurden. Zugleich sagen sie aber, dass das Wort „Krise“ viel zu stark sei und ihre Erfahrungen, die sich aus ihrem Leben und ihrer Arbeit in ihren Städten speisen, nicht gut beschreiben. Sie betonen auch, dass viele Probleme, mit denen sie zu tun haben – von Schwierigkeiten bei der Realisierung ehrgeiziger Projekt bis hin zum Zugang zu Jugendlichen, die sich am kulturellen Leben beteiligen wollen – in großen städtischen Zentren ebenfalls auftreten.
 
In den nächsten Artikeln, die im Rahmen unseres Projekts erscheinen, werden wir Potenziale und Vorteile erörtern, welche die Bewohner der mittelgroßen Städte bemerken. Denn es ist eines der Hauptziele der „Ortsgespräche“, Personen eine Stimme zu geben, die Tag für Tag in solchen Städten arbeiten und aktiv sind. Unser Projekt zeigt nämlich, dass man nicht zu kurz – und schon gar nicht zu abfälligen Verallgemeinerungen – greifen sollte, wenn man die Lage der mittelgroßen Städte in Polen oder ihre Potenziale beschreibt.

[1] Das Dokument unter diesem Titel hat der Ministerrat am 14. Februar 2017 als mittelfristige, sog. „Strategie zur Entwicklung des Landes 2020“ (mit einer Perspektive bis 2030) angenommen. Es formuliert eine Vision und ein Modell für die Entwicklung Polens und ist damit eine Antwort auf die Herausforderungen, vor die sich die polnische Wirtschaft gestellt sieht. Diese Herausforderungen sind mit der Formel von den fünf Entwicklungsfallen beschrieben: diese bestehen im mittleren Einkommen, in fehlender Nachhaltigkeit, in durchschnittlichen Erzeugnissen, im Bevölkerungsrückgang und in institutioneller Schwäche. Einer der fünf tragenden Pfeiler dieser Entwicklungsstrategie ist die soziale und regionale Entwicklung, die den Effekt haben soll, ländliche Gebiete und kleine Städte in die Entwicklungsprozesse einzubinden.
[2] http://rankingi.wprost.pl/ranking-miast (Zugriff: April 2018)
 

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