Judith Schalansky Abgelegene Inseln

Auschnitt aus der polnischen Ausgabe vom „Atlas der abgelegenen Inseln“ von Judith Schalansky
Auschnitt aus der polnischen Ausgabe vom „Atlas der abgelegenen Inseln“ von Judith Schalansky | © Dwie Siostry Verlag

Der „Atlas der abgelegenen Inseln“ entstand aus der Liebe zu Landkarten und aus der Freude an virtuellen Reisen über Linien auf dem Papier.

Judith Schalansky hat für ihren Atlas Inseln ausgewählt, die auf „normalen“ Landkarten keinen Platz finden, weil sie zu weit entfernt vom Festland sind. Aus diesem Grund platzieren die Kartografen sie für gewöhnlich in einem kleinen Rahmen am Rand der Landkarte. Für solche abgelegenen Inseln gelten andere Regeln als für die Hauptkarte: Sie haben einen eigenen Maßstab, werden also im Verhältnis zum Festland unproportional groß oder klein dargestellt. Selbst ihre geografische Lage ist unklar: Wir finden nirgendwo ihren geografischen Längen- und Breitengrad. Judith Schalansky hat diese abgelegenen Inseln in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt.

Herzen, Mohnhörnchen oder Pantoffeltierchen

Jeder noch so kleinen Insel widmet Judith Schalansky in ihrem Atlas zwei eigene Seiten mit einer schön gestalteten, topografischen Karte. Zu politischen Karten hat die Autorin kein Vertrauen, da sie zu schnell an Aktualität verlieren. Ihrer Meinung nach sehen wir auf „unpolitischen“ Karten mehr: Ohne die Unzahl von Namen und die Fülle an Farben treten die Konturen der Inseln wesentlich besser zutage. Ihre Formen erinnern an Herzen, Mohnhörnchen oder an die Pantoffeltierchen aus dem Biologie-Unterricht. Sie sind von einem Netz aus Flüssen überzogen, hier und da sehen wir auch etwas größere Flecken, die Seen darstellen. Die am nördlichsten oder südlichsten gelegenen Inseln sind fast völlig weiß, bedeckt vom ewigen Eis. Neben der Landkarte finden wir Informationen über die genaue geografische Lage der Insel, ihre offizielle Bezeichnung und ihre historischen Namen, ihre Fläche und (sofern vorhanden) ihre Einwohnerzahl. Außerdem gibt die Autorin die Entfernung zur nächstgelegenen Insel oder zum Festland an. Und auf einer Zeitachse sind die wichtigsten Ereignisse aus der Geschichte der Insel festgehalten.

Auch wenn die Zeit der großen geografischen Entdeckungen längst vorbei ist, beflügeln Inseln nach wie vor die Vorstellungskraft von Globetrottern und Stubenhockern. Diese kleinen Fleckchen Erde, die Hunderte oder gar Tausende Kilometer vom Festland entfernt sind, gelten auch heute noch als irdische Paradiese, verheißen Abenteuer und Reichtum. Weißer Sand und türkisfarbenes Meer, dazu Milch aus Kokosnüssen – wer würde nicht gerne wenigstens einige Wochen an einem solchen Ort verbringen? In kurzen Essays über die einzelnen Inseln schreibt Judith Schalansky unter anderem über die Kraft dieser Vorstellungen und über ihre Konfrontation mit der Wirklichkeit. Nicht selten endete der Traum vom Inselparadies in einer Katastrophe, in vielen Reisenden brachten diese fernen Orte weitab der Zivilisation nur das Schlechteste hervor. Die Autorin berichtet von wahnsinnigen Schatzsuchern und schildert Fälle von Mord und Kannibalismus unter den Ansiedlern, die auf der Insel ein neues Leben beginnen wollten oder dazu gezwungen waren. Der Trieb des weißen Mannes, auf jedem noch so kleinen Fleckchen Erde seine Fahne zu hissen, führte in nicht wenigen Fällen zur Ausrottung der Urbevölkerung oder zum Aussterben ganzer Tierarten.

Dekonstruktion imaginärer Paradiese

Doch Judith Schalanskys Inseln sind mehr als nur Schauplätze der Dekonstruktion imaginärer Paradiese. Diese kleinen Fragmente unserer Welt sind auch eine Quelle faszinierender Geschichten. Es sind Orte, an denen Menschen leben, deren Lebensgewohnheiten und Sitten selbst die größten Freigeister vor den Kopf stoßen würden. Es sind Orte, an denen Überreste vorzeitlicher Drachen gefunden und unidentifizierte Flugobjekte gesichtet wurden. Auf einer der Inseln arbeiten ausschließlich Spione und Telegrafisten, auf einer anderen leben aggressive Pinguine. Außerdem beschreibt Schalansky Inseln, die aufgrund ihrer unzugänglichen Küste oder ihres rauen Klimas lange Zeit vor Entdeckern geschützt waren. Eine dieser Inseln ist uns ausschließlich aus der Analyse von 175 an ihrer Küste gesammelten Gesteinsproben bekannt. Geben wir uns mit einem solchen Wissen zufrieden?

Judith Schalansky selbst war nie auf einer der von ihr beschriebenen Inseln und erklärt, auch nie dort hinfahren zu wollen. Das Ergebnis ihrer Reisen durch Landkarten und Atlanten ist ein schönes, grafisch äußerst ansprechend gestaltetes Buch, das man stundenlang durchblättern kann und das ideal zu gemütlichen Sonntagnachmittagen passt.
 

Taschenatlas der abgelegenen Inseln
Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde

Autorin: Judith Schalansky
ISBN 978-3-86648-117-6
mare Verlag