Reisetrends Mit gutem Gewissen?

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Illustration: Tymek Piotrowski © Goethe-Institut Polen

Von Pionieren, neuen Strategien und einer großen Kluft: Wie die Deutschen zum nachhaltigen Reisen stehen.

Ein Bio-Apfel und eine Urlaubsreise – haben auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun. Doch bei genauerem Hinsehen erzählen beide viel darüber, wie die Deutschen über fairen Konsum denken. Biologisch angebaute Produkte liegen im Trend, für viele Menschen sind sie fast schon ein Statussymbol. 2015 stieg der Bio-Anteil unter den verkauften Lebensmitteln um elf Prozent.
 
Beim Thema Urlaub klafft zwischen Wunsch und Wirklichkeit hingegen eine gewaltige Lücke: Laut einer Umfrage der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) möchten 61 Prozent der Bevölkerung gerne nachhaltige Ferien machen. Doch nur für zwei Prozent ist dieser Aspekt tatsächlich ausschlaggebend, wenn sie sich für ein Angebot entscheiden.
 
Wie lässt sich diese Lücke zwischen Theorie und Wirklichkeit schließen? Die FUR setzt auf immaterielle Belohnung: Die Urlauber sollen die Erfahrung machen, dass eine nachhaltige Reise attraktiv ist – weil man einen Beitrag zum Umweltschutz leistet, ein gutes Gewissen hat und auch von seinem sozialen Umfeld Anerkennung bekommt.
 
Bis Urlauber derart belohnt werden, dürfte es allerdings noch eine Weile dauern. Denn momentan fragt man in Deutschland zwar, welche Produktions- und Arbeitsschritte der Kaffee hinter sich hat, den man sich aufbrüht, oder unter welche Umständen die Hose gefertigt wurde, die man trägt. Ob man „bio und fair verreist“ sei, will dagegen kaum einer wissen – sondern eher, wie viel der Urlaub gekostet, ob man ein „Schnäppchen“ gemacht habe.

In den schönsten Wochen des  Jahres  wollen die Deutschen keine Abstriche machen

Der Evangelische Entwicklungsdienst Brot für die Welt hat für den nachhaltigen Tourismus eine eigene Arbeitsstelle eingerichtet: Tourism Watch. Deren Leiterin Antje Monshausen sieht die Sache so: „Die Deutschen haben einen hohen Anspruch an ihr eigenes nachhaltiges Verhalten. Doch die Häufigkeit, mit der sie reisen, ist wenig nachhaltig – und die Bereitschaft, in den schönsten Wochen im Jahr auch an Nachhaltigkeit zu denken, ist noch nicht stark genug ausgeprägt." Zudem gebe es in diesem Bereich noch nicht genügend Angebote. Verantwortungsbewusst unterwegs zu sein bedeutet für Monshausen zum Beispiel, „seltener Fernreisen zu unternehmen, dann aber länger zu bleiben und mit den Menschen vor Ort tatsächlich in Kontakt zu treten“.
 
Bereits seit 1998 aktiv sind die Mitglieder des Vereins „Forum anders Reisen“. Die 130 kleinen und mittelständischen Reiseveranstalter haben sich in ihren Leitlinien auf eine Tourismusform geeinigt, die „langfristig ökologisch tragbar, wirtschaftlich machbar sowie ethisch und sozial gerecht für ortsansässige Gemeinschaften sein soll“. Konkret heißt das: Die Reisen sollen umweltschonend und sozial verträglich sein. Die Veranstalter respektieren die Menschenrechte und achten insbesondere darauf, dass Kinder vor sexueller und wirtschaftlicher Ausbeutung geschützt werden.
 
Viele Mitglieder des Forums entwickelen neue Konzepte, die es den Gästen leicht machen, mit Land und Leuten wirklich in Kontakt zu kommen – zum Beispiel auf einer 90 (!)-tägigen Radtour zum „Mythos Mekong“, die dem Fluss von Tibet bis nach Vietnam folgt.

Wanderer sind die Veteranen des verantwortungsbewussten Reisens

Eine andere nachhaltige Bewegungsform hat in Deutschland eine lange Tradition: Das Wandern ist laut einer Studie des Wanderverbands und des Bundeswirtschaftsministeriums die liebste „Outdoor-Beschäftigung“ der Deutschen, mit ihr sympathisieren fast 40 Millionen Menschen.
 
Beim Unternehmen Wikinger Reisen hat man sich schon vor 45 Jahren auf Wandertouren spezialisiert. Für Christian Schröder, der das Reiseleiter-Referat und das Qualitäts- und Nachhaltigkeitsmanagement betreut, ist diese Art der Freizeitgestaltung von Natur aus nachhaltig. „Die Gäste wollten draußen sein, intakte Landschaften erleben – und verhalten sich entsprechend verantwortungsbewusst.“ Mit zunehmendem Alter würden die Kunden allerdings auch anspruchsvoller und übernachteten lieber im  nachhaltigen Hotel als im Zelt. Außerdem legten sie mehr Wert auf Genuss: gutes Essen aus der jeweiligen Region.
 
Das Bundesland Brandenburg setzt ebenfalls schon seit Jahren auf naturnahe und ressourcenschonende Ferienangebote. 2013 hat die Region Uckermark den „Bundeswettbewerb nachhaltige Tourismusregionen“ gewonnen, der vom deutschen Tourismusverband, dem Bundesumweltministerium und dem Bundesamt für Naturschutz ausgeschrieben wurde.

Brandenburg ist nachhaltig vernetzt

Ein paar Auszüge aus dem Konzept: 60 Prozent der Fläche Brandenburgs stehen als „nationale Naturlandschaften“ unter besonderem Schutz. Die Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde hat einen Kriterienkatalog entwickelt, der von den beteiligten Akteuren zu 75 Prozent erfüllt werden muss. Dazu zählen Mitarbeiterschulungen zum Klimaschutz und die Nutzung von Ökostrom. Touristiker und Naturschützer arbeiten in der Region besonders eng zusammen. Der sogenannte Uckermark-Shuttle soll es den Gästen leichter machen, ohne Auto unterwegs zu sein. Ein besonderes Angebot ist das „Eselwandern“, eine dreitägige Reise für zwei bis fünf Personen, die in familiengeführten Unterkünften übernachten.
 
Um die Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit allerdings langfristig zu verringern, sieht Antje Monshausen von Tourism Watch auch die Politik in der Pflicht. Denn bislang gibt es in der Branche sehr viele unterschiedliche Nachhaltigkeits-Siegel. Die Politik könne durch ein Co-Branding, etwa ein mit dem nationales Bio-Siegel vergleichbares Nachhaltigkeits-Zertifikat „dazu beitragen, dass qualitativ hochwertige und verlässliche Zertifikate besonders hervorgehoben werden“.