Was ist los mit... Deutschland in der Corona-Zeit?
Stunde der Experten

#Bleibzuhause
#Bleibzuhause | Quelle: pixabay.com; Foto (Ausschnitt): congerdesign

Gibt die aktuelle Corona-Krise uns Zeit zum Entschleunigen und Nachdenken? Dürfen die Nicht-Experten die Entscheidungen den Experten überlassen? Wie die Deutschen im Kampf gegen die Corona-Pandemie vorgehen, erklärt Christoph Bartmann, Direktor des Goethe-Instituts in Warschau.

Drei Wochen sitze ich jetzt schon in meiner Hamburger Corona-Isolation und ich stelle fest: So besinnlich, wie manche behaupten, ist diese Zwangsklausur nicht. Ich muss ja schließlich auch arbeiten. Eine Videokonferenz jagt die nächste. Dann die Einkäufe, der Hausputz, die sportliche Ertüchtigung, das alles frisst viel Zeit.

Schon deshalb schaue ich mir ganz selten eine der inzwischen zahllosen Streaming-Aktionen von Künstlern oder Entertainern an. Und ich lese auch nicht plötzlich Bücher, die ich schon immer mal lesen wollte. Die verordnete Isolation ist keine Zeit der Muße, aber sie bringt auch Positives hervor: Ich stehe jetzt intensiver im Kontakt mit meinen Freunden und Angehörigen, wenn auch nur digital. Ich trinke jetzt auch schon mal Skype-Kaffee mit ihnen. Wir spielen jetzt öfter zu Hause Scrabble. Wir schauen alle Serien, die wir immer schon mal schauen wollten. Vor allem aber folge ich den Nachrichten, und zwar denen, denen ich immer folge: Deutschlandfunk, ARD und ZDF, FAZ, Guardian, New York Times.

Beim Dauer-Beobachten vor allem der deutschen Corona-Lage fällt mir auf: Die Welt zerfällt jetzt in Experten und Nicht-Experten, politische Profis und Amateure, Leute mit „systemrelevanten“ Aufgaben und Leute wie mich, die bloß zuschauen. Fangen wir an mit den Experten. Wer wusste vor acht Wochen etwas von der stillen, aber äußerst verdienstvollen Arbeit der Virologen und Epidemiologen? Jetzt aber hängen wir an ihren Lippen. Besonders ein Podcast ist in der jetzigen Lage unentbehrlich geworden: Christian Drostens täglicher „Corona Virus Update“ auf NDR Info. Jeden Tag spricht der Virologe von der Berliner Charité, einer der Entdecker des SARS-Virus 2003, eine gute halbe Stunde lang über Antikörpertests, die Wirksamkeit von Handy-Überwachung, den Sinn oder Unsinn von Atemschutzmasken und anderes mehr, und er tut das so unaufgeregt und kompetent, dass man ihm ewig zuhören möchte. Nicht alle Virologen, die sich jetzt hier in den Medien tummeln, sind ähnlich überzeugend. Aber in Christian Drosten erkennen und schätzen wir aktuell eine Stimme der öffentlichen und wissenschaftlichen Vernunft, von der wir uns wünschen, dass sie auch von der Politik gehört wird.

Wer in diesen Tagen mit Ärzten spricht, hört von Dramen, die für unsereinen erschreckend weit entfernt liegen.

Nach den letzten Umfragen wird die Regierung von der großen Mehrheit für ihr Handeln in der Corona-Krise gelobt. Das ist bemerkenswert, weil zuvor die Mehrheit sich eine andere Regierung gewünscht hatte. Wie immer in Krisen und Katastrophen, schlägt jetzt die Stunde der Macher und Pragmatiker, während die Zauderer und die Ideologen keine gute Zeit haben. Konkret heißt das: Angela Merkel finden gerade auch die wieder gut, die sie zuletzt nicht so gut fanden. Jens Spahn, der Gesundheitsminister, gibt ebenfalls eine gute Figur ab. Markus Söder, der bayerische Ministerpräsident, wird von vielen für seine robuste Führung gelobt, von anderen für seine bayerischen Alleingänge getadelt. Armin Laschet, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, der auch gerne Merkels Nachfolger werden möchte, muss aufpassen, dass er im Corona-Strudel nicht untergeht. Am meisten überzeugt, wer persönliche Führungskraft mit dem richtigen Amt verbindet. Olaf Scholz etwa, der Finanzminister, ist gerade sehr populär, weil er täglich weitreichende Maßnahmen zur Rettung der Wirtschaft verkünden kann. Schwierig ist es für Parteien, die derzeit nicht mitregieren. Für die Grünen etwa. Die Öffentlichkeit, die sich eben noch für nichts so sehr interessiert hat wie für den Klimaschutz, interessiert sich im Augenblick ausschließlich für Corona. Man kann der Corona-Krise ideologisch nicht viel abgewinnen. Das ist gerade auch das Problem der rechtspopulistischen AfD, auf deren politische Themen keiner mehr achtet. Insgesamt drängt sich in Deutschland gerade der ungewohnte Eindruck auf, dass wir eigentlich ganz gut regiert werden. Aber man darf sicher sein, dass sich mit dem „Exit“ aus der Krise, wann immer er kommt, auch hieran etwas ändern wird.

Am Abend um 21.00 Uhr wird neuerdings von unseren Balkonen herunter Beifall geklatscht, zum Dank an die unsichtbare Armee der „systemrelevanten“ Menschen in den Krankenhäusern, den Pflegeheimen, in den Supermärkten und Apotheken, bei der Feuerwehr und der Polizei. Ein bisschen schämen wir uns, selbst nicht systemrelevant zu sein. Wir würden ja gerne helfen, aber unser einziger Beitrag besteht darin, dass wir brav zu Hause bleiben. Wer schulpflichtige Kinder hat, erprobt sich derzeit im „Home Schooling“. Sonst aber besteht der Hauptbeitrag zur Krisenbewältigung darin, dass wir uns nicht infizieren (lassen). Wer in diesen Tagen mit Ärzten spricht, hört von Dramen, die für unsereinen erschreckend weit entfernt liegen. So hat das „Social Distancing“ auch unsere Erfahrungen strikt separiert: Manche erleben viel, oft viel zu viel, andere allzu wenig. Man möchte helfen, stellt aber fest: Man wird nicht gebraucht, und man kann auch nichts, was gebraucht wird. Immerhin kann man etwas spenden, solange noch Geld übrig ist. Und man kann dafür sorgen, dass die Menschen in einfachen Dienstleistungsberufen künftig besser bezahlt werden.
 

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