Bauhaus-Architektur in Polen
Der Einfluss des Bauhauses in Polen

Die Wohnsiedlung „Osiedle na Kole“, Warschau, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1940er-Jahre
Die Wohnsiedlung „Osiedle na Kole“, Warschau, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1940er-Jahre | Foto (Ausschnitt): Anna Cymer

Mit der Gründung des Bauhauses wollte Walter Gropius die Vorstellung von Architektur und Design revolutionieren. Doch viele seiner Nachfolger interpretierten seine Ideen auf ihre eigene Weise und nach ihren eigenen Bedürfnissen.

Von Anna Cymer

„(…) sind wir dank der Fachpresse laufend über Eure Tätigkeit informiert. Das bereitet uns große Freude. Wenn man die neueren Jahrgänge der Architectural Reviews und Records mit den älteren vergleicht, wundert man sich manchmal, wie stark der Einfluss der CIAM allmählich wird“, schrieb Helena Syrkus im Januar 1939 an Walter Gropius. Dieses kurze Zitat, das einer 2019 vom Nationalen Institut für Architektur und Urbanistik herausgegebenen Sammlung von Briefen zwischen der polnischen Architektin und dem Gründer des Bauhauses entstammt, ist einer von vielen Beweisen dafür, dass polnische Architekten den bedeutendsten Wandel in der europäischen Architektur des 20. Jahrhunderts aktiv mitgestalteten.

  • Die Wohnsiedlung „Osiedle na Rakowcu“, Warschau, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1930er-Jahre Foto: Anna Cymer

    Die Wohnsiedlung „Osiedle na Rakowcu“, Warschau, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1930er-Jahre

  • Die Wohnsiedlung „Osiedle na Rakowcu“, Warschau, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1930er-Jahre Foto: Anna Cymer

    Die Wohnsiedlung „Osiedle na Rakowcu“, Warschau, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1930er-Jahre

  • Die Wohnsiedlung „Osiedle na Rakowcu“, Warschau, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1930er-Jahre Foto: Anna Cymer

    Die Wohnsiedlung „Osiedle na Rakowcu“, Warschau, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1930er-Jahre

  • Die Wohnsiedlung „Osiedle na Rakowcu“, Warschau, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1930er-Jahre Foto: Anna Cymer

    Die Wohnsiedlung „Osiedle na Rakowcu“, Warschau, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1930er-Jahre

  • Die Wohnsiedlung „Osiedle na Rakowcu“, Warschau, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1930er-Jahre Foto: Anna Cymer

    Die Wohnsiedlung „Osiedle na Rakowcu“, Warschau, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1930er-Jahre

Die im obigen Zitat erwähnten CIAM, die Congrès Internationaux d'Architecture Moderne (dt.: Internationale Kongresse Moderner Architektur) waren eine Reihe von Kongressen für Architekten, Stadtplaner, Designer und Gesellschaftstheoretiker, die gemeinsam nach Formen suchten, die den Anforderungen der neuen Zeit entsprachen. Der polnische Architekt Szymon Syrkus nahm von Beginn an, also seit 1928, an diesen Kongressen teil (ebenso wie Hannes Meyer, der zwischen 1928 und 1930 als Direktor des Bauhauses fungierte). Walter Gropius selbst nahm erst im folgenden Jahr erstmals an den Kongressen teil. 1933 schufen die Kongressteilnehmer – unter Federführung von Le Corbusier – ein Dokument, das einen gewaltigen Einfluss auf die Architektur und den Städtebau in der ganzen Welt ausüben sollte: die Charta von Athen. Die CIAM waren ein wichtiger Ort für den Austausch von Ideen und Konzepten, eine wichtige Rolle spielten die Ideen des Bauhauses.

Die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts waren eine außergewöhnlich fruchtbare Zeit für die Entwicklung der Architektur, des Städtebaus und des Designs in Europa. Die durch die industrielle Revolution angestoßenen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Veränderungen fanden in all diesen Bereichen ihren Ausdruck. Sie zogen eine Flut von neuartigen Ideen, bahnbrechenden Konzepten und kühnen Visionen nach sich, die das Gesicht der Städte und damit auch die Lebenswirklichkeit der Menschen für alle Zeit verändern sollten. Das Bauhaus war nicht der einzige Ort, an dem innovative Konzepte entwickelt wurden. Es war jedoch insofern wichtig, als es – in seiner Funktion als Schule – die Anschauungen und den Stil der jungen und nachfolgenden Generationen von Architekten, Städteplanern und Designern prägte. Zudem war das Bauhaus, um einen heutigen Begriff zu verwenden, eine interdisziplinäre Schule. Es war ein Ort, an dem nicht nur Architekten, Städteplaner und Designer, sondern auch Maler, Bildhauer und Handwerker zusammenkamen. Das Ziel des Bauhauses war ein harmonisches Zusammenspiel von Industrie, Wissenschaft und Kunst.
  • Die Wohnsiedlung „Osiedle na Kole“, Warschau, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1940er-Jahre Foto: Anna Cymer

    Die Wohnsiedlung „Osiedle na Kole“, Warschau, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1940er-Jahre

  • Die Wohnsiedlung „Osiedle na Kole“, Warschau, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1940er-Jahre Foto: Anna Cymer

    Die Wohnsiedlung „Osiedle na Kole“, Warschau, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1940er-Jahre

  • Die Wohnsiedlung „Osiedle na Kole“, Warschau, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1940er-Jahre Foto: Anna Cymer

    Die Wohnsiedlung „Osiedle na Kole“, Warschau, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1940er-Jahre

Als Walter Gropius 1919 das Staatliche Bauhaus in Weimar gründete, war Polen erst seit wenigen Monaten ein souveräner Staat. Doch die polnischen Architekten, Städteplaner und Designer hinkten den bedeutenden Veränderungen auf dem europäischen Kontinent keineswegs hinterher. Viele von ihnen unterhielten Kontakte ins Ausland und beteiligten sich aktiv an der Suche nach einer neuen Formgebung – einer Vision, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs auch in Polen schon bald in die Praxis umgesetzt wurde. Das Bauhaus war eines der Zentren, deren Theorien als Vorbild und Inspiration dienten. Welch hohe Wertschätzung die von Walter Gropius gegründete Schule in Polen genoss, zeigt allein schon die Tatsache, dass sich auch der polnische Architekt Szymon Syrkus am Bauhaus bewarb (seine Bewerbung wurde jedoch abgelehnt, da die Schule jüngere Kandidaten bevorzugte). Seine Frau Helena Syrkus unterhielt – wie die oben erwähnte Sammlung von Briefen belegt – bis in die Siebzigerjahre hinein regen Kontakt mit Walter Gropius. Das Engagement von Szymon und Helena Syrkus und anderer gleichgesinnter Architekten führte dazu, dass sich die Ideen des Bauhauses auch in Polen rasch verbreiteten.

Im Bereich der Architektur postulierten Walter Gropius und seine Mitstreiter weitreichende Veränderungen: eine radikale Vereinfachung der Form, die Verwendung von Fertigbauteilen, eine Verkleinerung der Wohnflächen und ein Verzicht auf Ornamente. Die Architektur sollte einfacher und erschwinglicher werden. Die Verheerungen des Ersten Weltkriegs, aber vor allem auch die durch die industrielle Revolution in Gang gesetzten demografischen und sozialen Veränderungen hatten deutlich gemacht, dass das bisherige Modell der Architektur und Stadtplanung (und somit auch der Lebenswirklichkeit der Menschen) sich erschöpft hatte und dass es nun in erster Linie darum ging, möglichst schnell günstigen Wohnraum zu schaffen. Diese Ideen waren auch für polnische Architekten von Bedeutung. Die Architekten aus dem Umfeld der Warschauer Wohnungsgenossenschaft WSM (poln.: Warszawska Spółdzielnia Mieszkaniowa) suchten ebenso aktiv nach entsprechenden Wohnraumlösungen wie die Studenten des Bauhauses in Weimar. Die Wohnsiedlungen der WSM in den Warschauer Stadtvierteln Żoliborz, Rakowiec, Praga und Koło waren – wenn auch nicht in allen Fällen gelungen oder zur Gänze realisiert – wichtige Schritte auf dem Weg zu einer neuen, effizienteren Architektur. Viele progressive Architekten, wie Barbara und Stanisław Brukalski, Bohdan Lachert und Józef Szanajca, aber auch manche ihrer „konservativeren“ Kollegen, wie Juliusz Żórawski und Romuald Gutt, experimentierten mit der Verwendung von Fertigbauteilen und einer weitestgehenden Vereinfachung der Formen, sowohl im Bezug auf Wohnsiedlungen als auch auf einzelne Gebäude.
Das Mehrfamilienhaus der Familie Krzymuski, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1936, ul. Walecznych 12, Warschau
Das Mehrfamilienhaus der Familie Krzymuski, Entwurf: Helena und Szymon Syrkus, 1936, ul. Walecznych 12, Warschau | Foto: Anna Cymer
Oft wird die moderne Architektur im Zeichen des Bauhauses auf rein formale Lösungen reduziert. Am Beispiel des Bauhausgebäudes Dessau – mit seiner für jene Zeit revolutionären „Kisten-Architektur“, in der die Form der Funktion untergeordnet ist – wird demonstriert, wie die Ideen des Bauhauses das Gesicht der Architektur in Europa und später in der ganzen Welt veränderten. Walter Gropius selbst wäre mit dieser Auslegung sicherlich nicht zufrieden gewesen. Für ihn standen soziale und ökonomische Aspekte im Vordergrund, und die geometrischen Gebäudeformen waren lediglich Ausdruck eines ideellen Wandels. Der Einfluss, den die von den Mitarbeitern und Schülern des Bauhauses entworfenen minimalistischen Blöcke schon bald in ganz Europa ausübten, lässt sich jedoch kaum verleugnen. Dieser Einfluss wurde noch dadurch verstärkt, dass auch Le Corbusier und viele andere Architekten in ganz Europa ähnliche Ideen entwickelten. Diese Ideen dominierten die zeitgenössische Architektur und übten über viele Jahrzehnte hinweg – und im Grunde bis in die Gegenwart hinein – einen großen Einfluss aus. Die kantigen, ornamentlosen Blöcke des Bauhausgebäudes Dessau und die stromlinienförmigen Konturen des Prellerhauses wurden schon bald zum Architektur-„Mainstream“. Ihnen haben wir es unter anderem zu verdanken, dass wir uns bis heute an den Spuren der Moderne in der polnischen Architektur erfreuen können: den Mietshäusern in Katowice, den Bürogebäuden in Gdynia und vielen öffentlichen Gebäuden in Warschau und Krakau, die trotz aller gebotenen Monumentalität mit der Zeit schlichtere, geometrischere Formen annahmen. Die Grundprinzipien des Bauhauses – Pragmatismus, Rationalismus und Funktionalität – fanden Eingang in die europäische (und somit auch die polnische) Architektur und führten zu einem weitgehenden Verzicht auf architektonische Details und Ornamente. Die klaren geometrischen Formen des Bauhauses wurden zum Trend, weil sie als Quintessenz von Modernität und Fortschritt angesehen wurden.

Das Bauhaus war eines der wichtigsten Zentren für die Entwicklung der modernen Architektur, und seine kurze Lebensdauer trug paradoxerweise zur Popularisierung der in ihm entwickelten Ideen bei. Nachdem das Bauhaus 1933 geschlossen wurde, verteilten sich viele seiner Mitarbeiter und Studenten über die ganze Welt und passten die Ideen der Schule an die lokalen Gegebenheiten an. Auf diese Weise blieben die Ideen des Bauhauses lebendig und wurden zu einem Fundament der Entwicklung der modernen Architektur. Sowohl die Plattenbausiedlungen der Nachkriegszeit als auch die heutigen, modernen Appartmentgebäude mit ihren geometrischen, minimalistischen und eleganten Formen sind deutlich vom Bauhaus geprägt.
   

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