Was ist los mit... Arbeit in der Coronakrise?
Ein Land im „Home Office“?

Home Office
Home Office | Quelle: Unsplash; Foto (Ausschnitt): Nathan Riley

In der Coronakrise arbeiten viele Menschen von Zuhause aus. Die Situation zwingt uns, nach neuen Wegen der Kommunikation und der Trennung von Privat- und Berufsleben zu suchen. Handelt es sich um Übergangslösungen oder ist es schon die neue Realität?

Wir sind jetzt alle im „Home Office“ – diesen Eindruck vermitteln einem jedenfalls die Medien und manchmal auch die Politik. Home Office? Früher sprach man eher von „Telearbeit“ oder auch von „mobilem Arbeiten“, aber das bedeutete im Normalfall: man arbeitete beispielsweise einen Tag pro Woche von zuhause, und man tat dort was, was man besser in Ruhe und natürlich am Computer erledigen kann, Texte schreiben, rechnen, planen und so weiter. Ich erinnere mich, ich war dankbar für diese Möglichkeit, aber auch deshalb, weil die Heimarbeit einen angenehmen Kontrast bot zum Normalbetrieb. Ein Tag pro Woche also ohne Kantine, Flurgespräche, Meetings, das war gar nicht schlecht.

Nun aber sitzen wir die ganze Arbeitswoche hindurch im erzwungenen Home Office, aber Moment: tun wir das wirklich? Statistiken zeigen, dass auch im Corona-Modus nur 21 Prozent der deutschen Erwerbstätigen im Home Office sind. Was tun die anderen? Sie haben Berufe, könnte man leicht boshaft sagen. Krankenschwestern, Altenpfleger, Orchestermusiker, Köche oder Busfahrerinnen haben im Home Office wenig oder nichts zu tun. Für wen ist dann das Home Office ein vollwertiger Ersatz für die „normale“ Tätigkeit? Vielleicht am Ehesten für Menschen in Berufen, bei denen regelmäßig Akten bearbeitet werden. Also etwa für das Finanzamt, abgesehen von den Sprechstunden, die sich aber wahrscheinlich auch teil-digitalisieren lassen. Wer jeden Tag im Büro eine bestimmte Zahl von „Fällen“ zu bearbeiten hat, kann das wahrscheinlich auch ganz gut aus dem Home Office tun.

Für die meisten anderen, mich eingeschlossen gilt: Home Office ist kein gleichwertiger Einsatz für die eigentliche Tätigkeit. Unsere Arbeit beschränkt sich ja üblicherweise nicht aufs Verwalten und Kommunizieren. Aber bestimmt wäre ohne Home Office alles derzeit noch viel schwieriger. Dank Heimarbeit können wir im Stundentakt Arbeitsbesprechungen abhalten, manchmal laden wir selbst ein, manchmal werden wir eingeladen. Dank der Coronakrise gehen wir jetzt souverän mit Zoom (vor dem uns alle warnen), Skype for Business, Microsoft Teams und einem halben Dutzend anderer Anwendungen um. Die Krise macht uns erfinderisch und wir lernen unablässig Neues. Unerwartet verwandelt sich unser Home Office in ein Labor des Neuen, von dem wir noch nicht wissen, ob das nun schon die neue Realität ist oder ob wir das Erlernte nach Rückkehr in die alte Realität gründlich vergessen werden.

Was wir aktuell ... erleben, ist eine neue Kultur der Rücksichtnahme, unter Familienmitgliedern in derselben Wohnung, im Umgang mit Nachbarn.

Von Vielen hört man: Home Office ist anstrengend, und ich stimme zu. Das eigene Heim war nicht dazu gedacht, hier unter Ausschluss von Angehörigen und Haustieren eine Videokonferenz nach der anderen abzuhalten. Wir haben auch immer den räumlichen Abstand zwischen der privaten Sphäre und der des Broterwerbs geschätzt (für viele Berufe, Architekten etwa oder Schriftsteller, galt das freilich so nie). Wir wollen gerne im Büro ein anderer Mensch sein als zuhause. Aber die gegenwärtige Vermischung der Sphären führt dazu, dass wir uns entweder in der eigenen Wohnung professioneller verhalten oder dass wir in den professionellen Bereich gewisse Sitten oder Unsitten unseres privaten Selbst einfließen lassen. In der Regel entscheiden wir uns für einen Mittelweg: ein bisschen lässiger als am Arbeitsplatz, aber auch deutlich disziplinierter als in der privaten Kommunikation.

Was wir aktuell auch erleben, ist eine neue Kultur der Rücksichtnahme, unter Familienmitgliedern in derselben Wohnung, im Umgang mit Nachbarn, mit alten Menschen und auch mit unseren ArbeitskollegInnen. Wir gehen schonender miteinander um, sind höflicher, toleranter, dämpfen unsere Aggressionen. In x Videokonferenzen der letzten Wochen habe ich selten wahrgenommen, dass jemand sich unangemessen verhalten hätte. Wir hören uns zu, wir lassen uns ausreden, wir tun nicht wichtiger, als wir sind, ja wir sind insgesamt gerade recht angenehme Zeitgenossen. Die Frage wird sein, wie lange dieser neue, zivilisiertere Umgang miteinander anhält. So ungeduldig wir auf den Exit aus den Corona-Beschränkungen warten: manche unserer neuen Etikette sollten nicht wieder verschwinden.
 

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