Joseph-Beuys-Stipendium
Ein Objektiv auf Joseph Beuys

Düsseldorf
Düsseldorf | Foto (Ausschnitt): © Pixabay

2021 wurde der hundertste Geburtstag von Joseph Beuys gefeiert, dessen künstlerische Praxis die Nachkriegskunst in Deutschland und in der ganzen Welt maßgeblich beeinflusste. Joseph Beuys ist auch in Polen bekannt, unter anderem durch die Aktion „Polentransport“, in deren Rahmen der Künstler in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts, als in Polen das Kriegsrecht herrschte, eine große Zahl seiner Arbeiten dem Kunstmuseum Łódź schenkte.

Von Paulina Olszewska

Im Rahmen ihrer Städtepartnerschaft mit Warschau schrieb die Stadt Düsseldorf ein Joseph-Beuys-Stipendium in Form eines Forschungsaufenthaltes aus, an dem zwei Warschauer Künstler*innen teilnahmen: Kornelia Dzikowska und Jan Domicz. Im Gespräch mit Paulina Olszewska berichten sie über ihre Erfahrungen mit der künstlerischen Praxis von Joseph Beuys, über den Verlauf des Forschungsaufenthaltes und darüber wie man in Düsseldorf mit dem Erbe des Künstlers umgeht.

Wie kam es dazu, dass ihr das Joseph-Beuys-Stipendium erhalten habt?

Kornelia Dzikowska: Ich erfuhr über eine Bekannte von dem Auswahlverfahren, das von dem Düsseldorfer Kuratorinnenduo Curated Affairs durchgeführt wurde. Sie dachte, es könnte mich vielleicht interessieren, weil es mit dem Thema meiner Doktorarbeit zusammenhängt. Meine Forschungsidee gefiel den Kuratorinnen, und sie luden mich ein, an dem Projekt teilzunehmen.

Jan Domicz: Ich verfolge schon seit einiger Zeit die Tätigkeit von Kasia Lorenc und Angelika J. Trojnarski im Rahmen von Curated Affairs und entdeckte die Ausschreibung auf ihrer Website. Das Stipendium wurde im Rahmen der Städtepartnerschaft zwischen Düsseldorf und Warschau geschaffen und war, glaube ich, das erste Stipendium, das die Stadt Düsseldorf nach der Lockerung der Corona-Maßnahmen ausschrieb.

Worum ging es genau bei dem Stipendium?

Jan Domicz: Der Ausgangspunkt war das Joseph-Beuys-Jahr, das anlässlich des hundertsten Geburtstags des Künstlers begangen wurde. Es ging um die Frage, wie heutige Künstlerinnen und Künstler sich mit Joseph Beuys und seinem Schaffen auseinandersetzen können. Meine Forschungsidee, die bereits zuvor, unabhängig von dem Open Call entstanden war, bestand darin, eine Art Objektiv auf das Schaffen von Joseph Beuys zu richten und seine Werke als eine Art Wiederholung zu betrachten, sowohl in materieller Hinsicht, in Form seiner Skulpturen und räumlichen Installationen, als auch in Form von bestimmten Geschichten und Anekdoten, auf die Beuys in seinen Performances und temporären Arbeiten immer wieder zurückgriff.

Kornelia Dzikowska: Ich habe untersucht, wie die Werke von Joseph Beuys in wissenschaftlichen Abhandlungen interpretiert werden und welche Theorien zum Thema seines Schaffens und der Entstehung bestimmter Arbeiten entwickelt wurden. Ich analysiere, wie der Künstler den um seine Person entstandenen Mythos als ein Werkzeug verwendete. Ich wollte unbedingt erfahren, wie dieser Mythos aus der lokalen Perspektive – von den Einwohnern Düsseldorfs – wahrgenommen wird.

Wie kam es dazu, dass ihr begonnen habt, euch für Joseph Beuys und seine künstlerische Praxis zu interessieren?

Kornelia Dzikowska: Vor zwei Jahren begann ich, mich für das Thema der subjektiven Auffassung von Wahrheit zu interessieren. Joseph Beuys war der Erste, der sich bewusst der Wahrheit bediente und auf dieser Basis sein eigenes Image kreierte. Ich interessierte mich dafür, wie Beuys, als Künstler, Kunst schafft, indem er sich selbst erfindet. Wenn wir heute über die Neuen Medien nachdenken und darüber, wie sie zur Erzeugung von Images genutzt werden, erkennen wir, dass Beuys auf diesem Gebiet ein echter Vorreiter war. Aus diesem Grund beschloss ich, mich näher mit diesem Thema zu beschäftigen und mir die Person Beuys genauer anzusehen.

Jan Domicz: In meinem Fall müssen wir sehr weit in die Vergangenheit zurückgehen. Ich begann bereits in meiner Schulzeit, mich für die Ausweitung des Gegenstandsbereichs der Kunst und die Einbettung von Kunst in einen politischen und gesellschaftlichen Kontext zu interessieren. Das resultierte auch aus meinem Interesse für all das, was in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts geschah: die Idee des Fluxus und das Arbeiten in künstlerischen Gruppen. Soweit ich mich erinnere, stieß ich in diesem Kontext zum ersten Mal auf das Schaffen von Joseph Beuys.

Für welche Aspekte der Kunst von Joseph Beuys interessiert ihr euch am meisten?

Jan Domicz: Mich fasziniert am meisten seine Effizienz und sein Gespür dafür, wie er erzählt und wie er ein vermittelndes Element in die Geschichten, die er erzählt, und in die Fakten, auf die er sich bezieht, einbringt.

Kornelia Dzikowska: Ich würde gerne weiter darauf eingehen, was Jan gesagt hat. Das Eindrucksvollste an Beuys' Kunst ist seine Effizienz, die auch mit der Missachtung von Grenzen zusammenhängt. Beuys kümmerte sich nicht um von außen aufgezwungene gesellschaftliche Regeln, er sprengte in bahnbrechender Weise den Rahmen des gesellschaftlich Anerkannten. Das ist beeindruckend, insbesondere wenn man es aus der zeitlichen Perspektive betrachtet. Erst aus dieser Perspektive wird sichtbar, welche Revolution und welchen künstlerischen Wandel Joseph Beuys in Gang setzte.

Der Forschungsaufenthalt dauerte lediglich zwei Wochen und setzte keine konkreten Ergebnisse voraus. Was hat dieser Aufenthalt für euch bedeutet?

Kornelia Dzikowska: Ich war zum ersten Mal in Düsseldorf und war für alles offen, was mir begegnete. Ich habe mir kein konkretes Ziel gesetzt, doch ich wollte die Zeit gerne für etwas nutzen, das ich in Polen nicht hätte tun können. Ich weiß, dass es mir nicht möglich sein wird, sämtliche Meinungen über Joseph Beuys und sämtliche Legenden, die sich um ihn ranken, kennenzulernen. Doch gerade durch das Forschungsstipendium wurde mir bewusst, dass die Beschäftigung mit Joseph Beuys ein solches Fass ohne Boden ist. Eben dieser Mechanismus der Mythenbildung ist auch ein wichtiges Thema meiner Doktorarbeit. Der Forschungsaufenthalt hat mir gezeigt, dass ich gewisse Informationen in meiner Arbeit aktualisieren muss.

Jan Domicz: Das Stipendium hatte keinen festen Rahmen. Es sollte uns dabei helfen, uns näher mit dem Schaffen von Joseph Beuys zu beschäftigen, es ließ uns viele Freiheiten und bot uns Unterstützung, sowohl vonseiten der Organisatorinnen als auch vonseiten des Polnischen Instituts. Sie vermittelten uns Kontakte zu von aus ausgewählten Personen und Institutionen. Dadurch, dass es keinen festgelegten Ablauf gab, hatte ich wesentlich mehr Bewegungsspielraum. Überraschenderweise gelang es mir während meines Aufenthalts sogar, ein Werk zu realisieren. Selbstverständlich war dies mit mehreren Tagen intensiver Arbeit verbunden, denn ich wollte das fertige Werk gerne im Rahmen der Diskussion im Polnischen Institut präsentieren. So etwas wäre nicht möglich gewesen, wenn der Forschungsaufenthalt einen festeren Rahmen gehabt hätte.

Jan Domicz & Kornelia Dzikowska in Düsseldorf
Jan Domicz & Kornelia Dzikowska in Düsseldorf | Foto (Ausschnitt): © Andreas Hübsch / Curated Affairs
Ist der Geist von Joseph Beuys in Düsseldorf noch immer spürbar?

Jan Domicz: Ich denke, ja. Diesen Eindruck habe ich jedenfalls gewonnen. Mich persönlich erinnert die Figur Joseph Beuys jedoch an die Figur des Klassikers bei Witold Gombrowicz. Innerhalb der Künstlerszene ist Beuys nach wie vor ein Name, an dem man nur schwer vorbeikommt, doch die Auseinandersetzung mit ihm erfolgt mit einer gewissen Distanz. Das ist eine gute Herangehensweise bei Künstlern, die auf ein Podest gestellt wurden und die im gesellschaftlichen Bewusstsein sehr präsent sind. Deshalb denke ich, dass man den Ansatz der Düsseldorfer Künstler ungefähr so beschreiben kann: „Ja, Beuys war ein großer Künstler, das wissen wir, aber wir wollen weitergehen.“

Kornelia Dzikowska: Mich hat am meisten interessiert, wie Beuys, als ein Vertreter der Kunstszene, zu einem Prominenten wurde. Jeder in Düsseldorf kennt Joseph Beuys, auch wenn er vielleicht nicht weiß, womit er sich genau beschäftigt hat. Sogar jene, denen vielleicht gar nicht klar ist, was seine konkreten Verdienste sind. Ich würde mir wünschen, dass es in Polen einen solchen Künstler gäbe.
Ich habe mich jedoch auch mit einem ehemaligen Studenten von Joseph Beuys unterhalten, der mir davon erzählte, wie schwierig die Zeit war, in der Beuys an der Kunstakademie Düsseldorf lehrte, weil er diesen Ort mit seinen zahlreichen Aktionen geradezu lahmlegte. Er war ein unglaublich intensiver Mensch, der sämtliche Energie in sich aufsog und dadurch die Institutionen, in denen er tätig war, auf organisatorischer und logistischer Ebene geradezu blockierte. Deshalb kann ich auch verstehen, warum ihn viele als eine problematische Gestalt empfanden.

Wir haben jetzt über Joseph Beuys im Kontext der Stadt Düsseldorf gesprochen. Aber wie wird Beuys eurer Meinung nach in Polen wahrgenommen?

Kornelia Dzikowska: Ich denke, dass er einerseits ein Idol für junge polnische Künstler ist, andererseits aber auch viel Widerspruch erregt. Ich habe auch den Eindruck, dass die Begeisterung für Joseph Beuys oft in einer bloßen Nachahmung seiner künstlerischen Praxis endet. Viele Künstler, die versuchen, seinen Spuren zu folgen, neigen dazu, seine künstlerische Praxis einfach zu kopieren.

Jan Domicz: Ich wiederum sehe, dass Beuys ein Teil der Kunstgeschichte ist und auch aus dieser Perspektive wahrgenommen wird. Er ist ein wichtiger Ausgangspunkt für Künstler, die sich mit Performances beschäftigen, die mit ihrem Körper oder mit der Zeit arbeiten oder die sich auf das gesellschaftliche Engagement der Kunst und die Rolle der Kunst im politischen Diskurs beziehen. Darüber hinaus gibt es auch einen historischen Kontext, der sich aus Ausstellung der Werke von Joseph Beuys im Kunstmuseum Łódź und der Aktion „Polentransport“ im Jahr 1981 ergibt. Dies ist aus polnischer Sicht der nahe liegendste Bezugspunkt.

Denkt ihr, dass Joseph Beuys eine Inspiration für nachfolgende Generationen von Künstlerinnen und Künstlern sein kann?

Kornelia Dzikowska: Ich denke, auf jeden Fall. Man sollte sich jedoch bewusst sein, dass Beuys bereits Geschichte ist. Seit seinem Tod hat sich in der Kunst vieles verändert. Man kann sein künstlerisches Schaffen nicht ausschließlich auf der Erfahrung von Joseph Beuys aufbauen. Selbstverständlich sollte man Beuys' Werke kennen und sich ihrer bewusst sein. Doch ich denke, man sollte sein Schaffen in einem weiteren Kontext betrachten und nicht außer Acht lassen, was nach ihm geschah.

Jan Domicz: Für mich ist Joseph Beuys auch aufgrund der Vielzahl von Themen, mit denen er sich beschäftigte, und der Vielzahl von Strategien, die er einsetzte, interessant. Wir haben einen Künstler vor uns, den wir durch das Prisma anderer Kunstströmungen betrachten können. Zum Beispiel der Arte Povera oder auch der Idee des Fluxus. In diesem Kontext kann die Kunst von Joseph Beuys eine Inspiration sein. Sie öffnet eine Tür zu neuen Fragestellungen, auch zu den aktuellsten.

Wie beurteilt ihr nach eurem Aufenthalt in Düsseldorf das Programm des Joseph-Beuys-Jahres?

Jan Domicz: Für viele Veranstaltungen im Rahmen des Joseph-Beuys-Jahres war die Person des Künstlers nur ein Ausgangspunkt, ein Bezugspunkt, eine Art Vorwand. Beuys' Werke, insbesondere die bekanntesten, dienten einfach als ein Moment, auf den man sich beziehen konnte. Vor allem in den bedeutendsten Institutionen wie dem K21 in Düsseldorf und dem Museum Morsbroich in Leverkusen wurden seine Werke als eine Art Trampolin genutzt, um über die Praxis des Künstlers – in Abwesenheit seiner Person oder seiner Werke – zu diskutieren. In diesem Kontext war Beuys für mich gewissermaßen ein Sockel, auf dem andere Werke präsentiert wurden.
Was mir fehlte, war vielleicht eine formalere Betrachtung von Beuys' Werken, losgelöst von dem gesellschaftlichen und politischen Kontext, von dem immer geredet wird. Ich hätte mir gerne die frühen Arbeiten von Joseph Beuys angesehen, als eine sich aus der Materialität ergebende Praxis. Möglicherweise wurde auch dieses Thema angesprochen, doch wenn überhaupt, dann wurde es meiner Meinung nach zu oberflächlich abgehandelt.

Kornelia Dzikowska: Ich kann nicht sagen, dass mir irgendetwas in dem Programm gefehlt hätte. Ich hätte einzig und allein gern – aber das resultiert sicherlich aus meinem persönlichen Interesse – eine Ausstellung zur Rezeption von Joseph Beuys gesehen, die sämtliche kritischen Aussagen über sein Schaffen versammelt hätte. Eben, um ihn nicht nur auf ein Podest zu heben und als ideale Person darzustellen, sondern um ihn aus der Distanz zu betrachten und um zu verstehen, welche Probleme Rezipienten möglicherweise mit seinen Werken hatten.

Ich danke euch vielmals für dieses Gespräch!
 

Die Fragen stellte Paulina Olszewska.


 

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