Urban Gardening: Öffentlicher Raum für die Gemeinschaft

Urban Gardening: Öffentlicher Raum für die Gemeinschaft
© Goethe-Institut

Die zweite Online-Gesprächsrunde im Rahmen von „Goethe is(s)t scharf“ widmete sich dem Thema „Urban Gardening: Wie funktioniert Gärtnern in der Stadt?“. Reger Austausch von Ideen fand darüber statt, wie Stadtbewohner*innen öffentliche und private Gärten und andere Grünräume im städtischen Umfeld nutzen.

Die Veranstaltung wurde von den Bibliotheken der Goethe-Institute in Bangkok, Jakarta, Bandung und Yangon organisiert, die gemeinsam eine beeindruckende Bandbreite an Referent*innen versammelten. Darunter waren Tim Schumann und Jens A. Geissler, zwei deutsche Bibliotheksleiter, die wesentlich dazu beigetragen haben, die Rolle von Bibliotheken zu erweitern, nämlich von Orten, an denen gelesen wird und Bücher geliehen werden, hin zu Zentren des Umweltbewusstseins. Aus Indonesien waren der Architekt Sigit Kusumawijaya und Winartania dabei, die beide erfolgreich Menschen vernetzt und diese Netzwerke zu gemeinnützigen Umweltorganisationen aufgebaut haben. Die Bauunternehmerin Veerawan Katanyuvivad nahm aus Bangkok teil, wo sie viele Hürden überwinden musste, um Gemüse mitten in Sathorn auf Dachterrassen anzubauen. Moderiert wurde das Gespräch von Pattarasuda Anuman Rajadhon, eine von Thailands führenden Bühnenkünstler*innen und überzeugte Naturliebhaberin, die ebenfalls aus Bangkok zugeschaltet war.

Die ersten Gärten: draußen und geschützt

Hohe Preise und die begrenzte Verfügbarkeit von Biogemüse in Indonesien waren Grund genug für Winartania, um ihren eigenen biologischen Gemüsegarten anzulegen, wenn auch ihre ersten Versuche nicht sehr erfolgsversprechend waren. Nachdem sie sich eine Weile auf eigene Faust damit herumschlug, schloss sie sich mit anderen Gärtner*innen zusammen, um zu lernen und ihr Wissen über Gemüseanbau, Bodendüngung, die Bedeutung von Erde und Sonnenlicht, richtiges Samenziehen und über das Wachstum und die Entwicklung verschiedener Gemüsesorten zu vertiefen. Aus dem privaten Interesse entstand dann „Indonesia Berkebun“, ein Urban-Farming-Netzwerk, das Menschen und Gemeinschaften verbindet und sie dabei unterstützt, verlassene Grundstücke in urbane Grünräume zu verwandeln, um Indonesier*innen mit Bio-Gemüse versorgen.

Veerawan Katanyuvivad verriet uns die Entstehungsgeschichte ihres Dachgartens. Ursprünglich baute ihre nunmehr verstorbene Tante im 4. Stock des Gebäudes Gemüse an. Sie zeigte den Sicherheitskräften des Gebäudes, wie man Gemüse anbaute und daraufhin bat Veerawan ihren Vater, ein Ingenieur mit Expertise auf dem Gebiet Bewässerungssysteme, ihren Garten auf das Gebäudedach zu verlegen und zu vergrößern. Was – genauso wie bei Winartania – ursprünglich als Küchengarten für ihre Familie gedacht war, sprach sich schnell herum und die Nachbar*innen begannen zu fragen, ob sie einen Teil der Ernte auch kaufen könnten.
Baanrim Rooftop © © Goethe-Institut Thailand Baanrim Rooftop © Goethe-Institut Thailand
In beiden Fällen bestand der Anreiz Gemüse anzubauen darin, die eigene Familie damit zu versorgen. Daraus entwickelte sich dann ein für Erzeuger*innen und Verbraucher*innen gleichermaßen wichtiges Projekt. Diese beiden Beispiele verdeutlichen, dass es eigentlich sehr viel verfügbaren Raum gibt, der genutzt werden könnte. Was jedoch fehlt, ist jemand, der Gemüse pflanzt und so Gebäude und leerstehende Flächen zu lebendigen Naturräumen macht, die zur Lebensmittelversorgung beitragen. Winartania fügte auch hinzu, dass viele Indonesier*innen während der Covid-19-Pandemie Küchengärten angelegt hätten, um sich gesünder zu ernähren.

Grüne Designer*innen und Architekt*innen

Egal ob er Häuser, Bürogebäude, Hotels, Restaurants oder andere Räume entwirft, Sigit Kusumawijaya achtet stets darauf, möglichst viele Grünflächen in das fertige Projekt zu integrieren. Sigit betonte, dass Architekt*innen aufgrund ihrer Arbeit selbst eine große Rolle bei der Erhaltung und Förderung einer gesunden Umwelt spielen. Durch ihre berufliche Praxis können sie als Kanäle wirken, durch die gesunde Grünräume von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Architekt*innen sollten daher ein Verständnis dafür entwickeln, wie Design mit systemischen Aspekten interagiert. Diese Erkenntnis ermutigte Sigit, sein Wissen über die Prinzipien der Architektur in die Gestaltung nachnachhaltiger urbaner Landwirtschaft in Indonesien einfließen zu lassen, besonders durch die Mitgründung von „Indonesia Berkebun“. Im Rahmen dieser Organisation arbeitet Sigit mit einem Netzwerk von Aktivist*innen daran, leerstehende und brachliegende Flächen zu nutzbaren Räumen zu machen, um ungenutzte Grundstücke in ganz Indonesien in Gemüsefelder, Gärten und Obstgärten zu verwandeln. Wie Sigit sagte, sind Menschen nicht losgelöst von der Umwelt und der Natur, daher ist die Gestaltung von Grünräumen eine Art, Gleichheit zu schaffen und unsere Verbindung mit der Natur umzusetzen.

Bibliotheken sind Orte der Gemeinschaft

Tim Schumann und Jens A. Geissler sind Bibliotheksleiter in Deutschland und sehr darum bemüht, die Rolle der modernen Bibliothek als ein Ort, an dem Bücher geliehen und gelesen werden, zu erweitern. Sie stellten sich daher die folgende Frage: „Warum haben Bibliotheken keine Grünflächen und was kann man dagegen tun?“ Um diese Frage zu beantworten, riefen sie eine Reihe von Aktivitäten ins Leben, um ihre Bibliotheken grüner und lebendiger zu gestalten. Eine grünere Bibliothek heißt für sie jedoch nicht nur, einfach Bäume zu pflanzen oder einen Garten anzulegen. Vielmehr sollten Grünräume die Komplexität der Umgebung verkörpern, in der wir leben, und so bauten sie als eine ihrer Aktivitäten Insektenhotels, die als Unterschlupf und „Kinderstuben“ dienen. Diese veranschaulichen dann die Schlüsselrolle, die Insekten bei der Erhaltung einer gesunden Umgebung spielen, und welchen Schaden Pflanzenschutzmittel anrichten können – diese können sogar zum großflächigen Aussterben von Insekten führen. Manche Bibliotheken haben auch seltene Wildblumen als Teil von Erhaltungsmaßnahmen neu gepflanzt und tragen so dazu bei, Wissen über den Anbau von Lebensmitteln zu verbreiten, damit die Menschen besser dafür ausgerüstet sind, Gemeinschaftsbauernhöfe zu gründen. Andere Bibliotheken haben es Interessierten ermöglicht, Büffel in freier Wildbahn zu erleben, und die Öffentlichkeit über Probleme bei der Lebensmittelproduktion und über Lebensmittelverschwendung aufgeklärt. Bibliotheken können nun also mit einer Vielzahl von Gruppen arbeiten, von landwirtschaftlichen Organisationen bis hin zu jungen oder älteren Bibliotheksnutzer*innen, und spielen eine wichtige Rolle, um die Neugier der Bevölkerung und das Interesse an diesen Themen zu wecken.
Chilipflanze © © Goethe-Institut Chilipflanze in der Bibliothek © Goethe-Institut

Den Garten unseres Herzens pflegen

Die Diskussionsteilnehmer*innen und die Moderatorin zeigten viele verschieden Wege auf, wie man die Begriffe „Garten“ und „gärtnern“ verstehen kann. Gärten sind Orte, an denen wir mehr über die Umwelt, Tiere und Natur lernen können, an denen aber auch Interaktionen stattfinden und wir unserer Kreativität freien Raum lassen können. Außerdem sind sie ein Treffpunkt für die Gemeinschaft. Das Gärtnern hilft uns dabei, Pflanzen und Gemüsesorten kennenzulernen, die auf gewisse Art beinahe so etwas wie Seelenverwandte sind, da jede einzelne Pflanze individuelle Pflege und Aufmerksamkeit braucht. Sich um diese Bedürfnisse zu kümmern kann uns lehren, zu warten, uns geduldig damit zu befassen, was bei uns wächst, und mutig genug zu sein, um unsere Fehler einzusehen und neu anzufangen. Mehr noch, unsere Hände in Erde einzutauchen und Schmutz unter den Fingernägeln zu haben hilft uns dabei, uns vom Gedanken zu verabschieden, dass sich das Universum um uns dreht. Die Zeit, die wir beim Graben in Erde und beim Pflanzengießen verbringen, ist eigentlich Zeit, in der wir den Garten unseres Herzens pflegen.

Sehen Sie sich hier die Aufnahme der Veranstaltung an

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