Aktuelle Musik aus Deutschland  Popcast #2/2026

Popcast #2/2026 © Lea Greub

Diesen Monat mit Musik von:

Die Sterne | Pias
Extrawelt | Cocoon Recordings
Jeff Clarke | Bretford Records
Jisr | Enja Records
Von wegen Lisbeth | Columbia Records
Autorin und Sprecherin (Deutsch): Angie Portmann

 
Schick mir ne Karte vom Mars
Ich wünsch viel Spaß
Und außerdem viel Glück
Ich bleibe hier zurück
Von Wegen Lisbeth, „Mars“

Die Sterne © Stefan Braunbarth

Hamburgs schnoddriges Quartett Die Sterne sind seit den Tagen der „Hamburger Schule“, eine kreative Explosion der Musikszene der Stadt Anfang der Neunzigerjahre, fester Bestandteil des Geschehens in der deutschen Musiklandschaft. Jedes der alle paar Jahre regelmäßg erscheinenden neuen Alben ist wieder ein Ereignis, voller ironischer Kommentare aus dem Leben als deutscher Bohemian, immer catchy, kurzweilig und smart, und meistens finden sich auch ein oder zwei kleine Hits darauf. Musikalisch wurzelt ihr sparsamer Sound im Garagenrock der Sechzigerjahre, den sie elegant mit ihrer eigenen Version von lässig-polterndem Funk vermischen. Die zehn kleinen Pophits auf Wenn es Liebe ist, dem zehnten Album der Band, ändern nichts an diesem Rezept und zeigen Sänger Frank Spilker und seine Mitstreiter*innen in bester Form.

Jisr © A. Alghernoughi

Jisr, das bereits im Jahre 2016 in München gegründete Ensemble um den marokkanischen Musiker, Sänger und Linguisten Mohcine Ramdan, versteht Musik als verbindende Instanz. Musikalisch findet das Niederschlang in einer Mischung traditioneller arabischer Musik, polyrhythmischen Klängen aus Nordafrika, Jazz, Rock und klassischen Einflüssen. So vielfältige Instrumente wie Gembri (ein dreisaitiges, mit Haut bespanntes Bassinstrument), Akkordeon, Trompete, Schlagzeug, Vibrafon und Violine gestalten eine eigenständige musikalische Sprache. Die Stücke auf Hasrar, dem neuen Album, stellen Groove und Melodie gleichberechtigt nebeneinander, Improvisation trifft auf präzise Ensemblearbeit. Auch jenseits des Studios bleibt Jisr dem Austausch verpflichtet. In Konzerten arbeitet die Gruppe grundsätzlich auch mit lokalen Musiker*innen zusammen und versteht ihre Musik als globale, bewegliche Sprache – eine Welt, viele Wege, ein gemeinsamer Klang.

Jeff Clarke © Bretford Records

Jeff Clarke ist ein in Berlin lebender Singer-Songwriter mit kanadischen Wurzeln, seit den frühen Zweitausenderjahren in der alternativen Musikszene aktiv. Vom wilden Garage-Rock fand er den Weg zu intimen Folk-Songs, in denen er Alltagsrealitäten und innere Konflikte verhandelt. Seine Einfälle hält er mit seinem ihn stets begleitenden alten 4-Track-Recorder dort fest, wo sie in treffen. Nachdem die Produktion des letzten Albums Locust noch in einer einzigen Waldsession unter freiem Himmel nördlich von Berlin stattfand, entstand das neue Werk Miracle after Miracle after … (2025) ganz gesittet im Studio, allerdings in nur zehn Tagen. Das ist sein abstrakter Beitrag zur Gospel-Welt – melancholisch, schmerzhaft und getragen von der optimistischen Hoffnung auf immer neue Wunder.

Extrawelt © Helena Majewska

Das Hamburger Duo Extrawelt, bei Fans minimaler Clubmusik weltweit bekannt durch ihren unsterblichen Soopertrack aus dem Jahre 2005, liefern mit dem gerade erschienenen Dystortion ein reifes, konzentriertes Album ab, dessen detailverliebter, teilweise großspuriger Techno nicht nur im Club funktioniert. An die alten Tage des Minimaltechno, den sie vor 20 Jahren maßgeblich mitgestaltet hatten, erinnern vor allem noch die (fast immer) gerade durchlaufenden Basslinien, ansonsten ist der Sound breiter und reicher, mit düsteren, verzerrten Synthie-Sprengseln und allerlei spannenden wie verspielten Details, die sich in ausufernden Tracks in lichte Höhen schrauben. Es ist aber keine Musik für den Hintergrund: Es gibt viel zu entdecken, das Album erfordert Aufmerksamkeit, die es mit atmosphärischer Tiefe belohnt.

Von Wegen Lisbeth © Lea Greub

Die Berliner Von Wegen Lisbeth veredeln auf ihrem neuen Album Strandbad Eldena ihren organischen, smarten Pop mit präzisen Alltagsbetrachtungen und melancholischen Rückblicken. Textlich bleibt immer eine ironische Distanz zu ihren Subjekten, sie sind Beobachter einer feindseligen Welt, unangreifbar wegen ihrem guten Gespür für kleine Melodien, griffige Songs und makellose Produktion. Laute Statements sind nicht ihre Sache, sie bleiben geschmeidig und subtil, charmant und zurückhaltend, und auch musikalisch bleiben allzu laute Töne und Alleingänge aus, die fünf Musiker stellen sich stets in den Dienst der Sache. So bleibt die Hörerfahrung eine durchweg wohlige, aber auch leicht distanzierte Erfahrung, wie ein sonniger Sonntagnachmittag nach einer langen, tollen Nacht.

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