Wer dem Popcast eine Zeit folgt, der kennt das Intro mit dem „Schlaglicht auf die Studios und Clubs zwischen Kiel und Weilheim“. Warum hier Kiel genannt wird, ist nicht klar, aber es gibt eine für die deutsche Musikszene unverzichtbar wichtige Band aus Weilheim in Oberbayern: The Notwist. Geerdeter Indie-Pop trifft auf ein beeindruckendes Talent für catchy Melodien und musikalischem Wagemut zu elektronischen Experimenten und ungewöhnlichen Arrangements. Erst wenige Monate nach der Veröffentlichung ihrer Sammlung obskurer Frickeleien Magnificent Fall erscheint jetzt ihr zehntes reguläres Album News From Planet Zombie. Bei aller Konsistenz ihrer in der Hauptsache analogen musikalischen Ausdrucksformen, bleiben sie unberechenbar in der Gestaltung des kreativen Kontexts. Mal wird aus dem Gerüst eines feinen Folksongswird eine gloriose Spacehymne, mal bäumt sich ihr smarter Gitarrenpop in ungezügelten Lärmkaskaden auf. Und überhaupt antwortet das Projekt um die Brüder Markus und Micha Acher auf eine chaotische Umwelt mit Wärme und Großherzigkeit, was vielleicht auch in der Produktionsweise begründet liegt: Das Album wurde zunächst gemeinsam erdacht und dann mit der gesamten Besetzung im eigenen Studio ausgearbeitet.
Immer vorwärts ist das Motto des Kölner Duos Urlaub in Polen, sie tragen dabei einen Koffer voller leicht verschwommener Erinnerungen an die Musik der Siebzigerjahre an ferne Gefilde, im Schlepptau. Sie haben einige Objects, Beings and Parrots eingesammelt, verwirbelt und neu gestapelt, und zeigen jetzt stolz das überzeugende Ergebnis: Ihr moderner Krautrock zelebriert nicht nur ihre kosmische Reise, sondern lädt auch die bekanntesten Wegelagerer aus Rock und Elektro ein mitzukommen. Sie haben aber die Weisheit, die nicht immer kurzen Songs nicht zu überfrachten. Es bleibt immer Raum für immer neue, gewiefte musikalische Refenzen, und die häufig repetitive Struktur der Tracks wird regelmäßig als kreativer Rahmen für intelligente kleine Einsprengsel, psychedelischen Folk oder trockenen Funk genutzt.
Zu Beginn seiner Karriere war Sascha Ring, Mitbegründer des Berliner Feier-Technolabels Shitkatapult, auf Clubmusik spezialisiert. Das ist aber schon einige Jahrzehnte her, und mit der Zeit entwickelte sich sein Interesse von Rhythmen und Beats weg in Richtung neuartiger Klänge und Sounddesign. Das prägt die Musik von Apparat, seinem Soloprojekt (man kennt ihn auch im Duo mit Modeselektor unter dem Namen Moderat), der inzwischen auch einige Filmmusiken zu seinem Katalog zählt. Sein Talent für großformatige Arrangements und über-lebensgroße Gesten zeigt sich auch auf seinem neuen Album. Verletzlicher Gesang, zarte Pianos und allerlei synthetische Tasteninstrumente –A Hum Of Maybe ist ein Meisterwerk der Popmusik geworden, es glitzert, strahlt und entfaltet vor allem in seinen ruhigeren Momenten eine überwältigende Kraft.
Die Stärke der Sufi Dub Brothers Ashraf Sharif Khan & Viktor Marek waren immer ihre unglaublich dynamischen Live-Sets, und so brauchen sie für Aufnahmen immer ein Weilchen. Im Vergleich zu ihrem Debut, das nach zehnjähriger Arbeit im Jahre 2020 pünktlich zur Pandemie erschien, haben sie ihre Arbeitsgeschwindigkeit jedoch locker verdoppelt. Man möchte hier Routine vermuten, die sich glücklicherweise in den zehn neuen Tracks überhaupt nicht niederschlägt. Die weitgehend improvisiert wirkenden Tracks, im Vordergrund stets Ashraf Sharif Khans Sitar undViktor Mareks Beatsund diverse Samples aus der Box, wirken energisch und frisch. The Return of The Sufi Dub Brothers trägt damit einen großen Beitrag dazu bei, ihreHeimatstadt Hamburg als Epizentrum des elektronischen Indo-Pop zu etablieren, der für neugierige westliche Ohren zwar kulturell interessant, aber mitunter gewöhnungsbedürftig ist.
Rapperinnen waren der große Hype des vergangenen Jahres. Mit expliziten Texten, dünnen, schnellen Technobeats und aggressivem Selbstbewusstsein kehrten sie den Spieß um und hatten ihren Spaß mit bislang den Männern vorbehaltenen sexuellen Klischees. Diese jüngste Gestalt des in die Jahre gekommenen Feminismus schafft endlich den Dialog auf Augenhöhe, und das nach den Regeln der Frauen. Das jetzt ihrer Zügel beraubte Patriarchat hatte musikalisch nur wenig zu erwidern – der F-Wort-Rap ist ganz Frauensache und die vereinzelten Versuche männlicher Kopien wirkten nur noch entlarvender. Das Berliner Duo 6Euro90( der Preis eines Cocktails zur Happyhour, so die Entstehungsgeschichte des Namens) gehören zu den erfolgreichsten Vertreterinnen des Genres, nicht zuletzt weil ihr Weltbild weit mehr bietet als Feiern und Sex.