Aktuelle Musik aus Deutschland   Popcast #8/2026

Popcast #8/2026 _Weird & Eerie
Weird & Eerie © Fun in the Church

 

Mit Musik von: 

DJ Plead | Smalltown Supersound
Fatoni | LOL Records
Paula Paula | Listenrecords
Weird & Eerie | Fun in the Church
Brockhoff | Pias
Autor und Sprecher (Deutsch): Ralf Summer

© Fun in the Church
 
Halbtot lieg ich auf dem Sofa
scroll mich von Bali nach Hannover
Atem flach, Kiefer blockiert, jeder Muskel kontrahiert
und werde immer doofer
Paula Paula, „4fck40"
DJ Plead

DJ Plead | © Disconnect

Das Markenzeichen des in Berlin lebenden libanesisch-australischen Produzenten Jarred Beeler aka DJ Plead, ist die Mischung arabischer Musiktraditionen und zeitgenössischer Elektronikmusik. Besonders herausstechend ist die Verwendung von sogenannten Maquam-Modes, in der die in der westlichen Tonleiter geltenden Intervalle um geringere, dazwischenliegende Töne ergänzt werden. Please, sein zweites Album, markiert eine Abkehr vom harten Clubsound des Debuts hin zu introspektiven Reflexionen, in denen weitläufige Percussion, an Holzblasinstrumente erinnernde Synthesizer, Dub-beeinflusste Grooves sich um sanfte spiralförmige Melodien drehen, um eine warme, melancholische und zutiefst nachdenkliche Stimmung zu erzeugen. Aus über 100 Demos wurde das zarte, intime Album kompiliert, das in dieser auf das Notwendigste reduzierten Form umso beunruhigender wirkt.
Fatoni

Fatoni | © Stephie Braun

Der Münchner Rapper und Schauspieler Fatoni ist schon seit Jahren einer der profiliertesten und reflektiertesten Rappern des deutschsprachigen Rap. Dem Netflix-Publikum in letzter Zeit als trotteliger Protagonist in der Comedy-Serie Kacken in Hameln bekannt, stimmt er auf Drama endet nie kritischere, aber auch persönlichere Töne an. Von breiter Kapitalismuskritik bis zum Verarbeiten von Trennungsschmerz spannt er ein weites Spektrum an relevanten Themen auf, während er musikalisch eher wenig Risiken eingeht. Sein von melancholischem Indipop beeinflusster Hip-Hop ist Stoff für ein breites Publikum, das er weniger mit revolutionärem Rap als mit einem schlauen und vielseitigen Stimmungsbild einer von politischer Ernüchterung und persönlichen Krisen geprägten Gegenwart zu erreichen versucht.
Paula Paula

Paula Paula | © Tina Jülicher

Marlène Colle formuliert auf dem Album Heilige Scheiße ihres Projektes Paula Paula gewitzte, oft schnippisch-humorvolle Abrechnungen mit gesellschaftlichen Missständen, seien es neoliberale Selbstoptimierungszwänge oder das Patriarchat. In der Tradition deutscher Singer-Songwriterinnen wie zum Beispiel Dota Kehr mischt sie dabei traditionellen Chanson mit Pop, in leiseren Momenten auch balladeskem Folk. Bei aller Ironie und Schärfe treibt sie aber nie in die Verbitterung oder Zynismus ab, der humanistische Kern ihrer Texte bleibt das vorherrschende Element. Durch diese eigene und äußerst gelungene Mischung aus kluger Formulierung und berührendem Ausdruck ist sie zum Liebling des etablierten deutschen Feuilletons, vom bildungsbürgerlichen Der Spiegel bis zum Deutschlandfunk geworden, wo sie als politisch engagiertes, aber auch literarisch geprägtes Projekt beschrieben wird.
The world wide web
does not exist
no
Weird & Eerie, „The www does not exist“
Weird & Eerie

Weird & Eerie | © Fun in the Church

Wer vor ein paar Monaten hier im Popcast vom letzten Album der Schweizer Band Ja, Panik begeistert wurde, kann sich freuen. Mastermind Andreas Spechtl hat mit Weird & Eerie ein neues, äußerst deskriptiv benanntes Projekt geschaffen, dessen Name dem 2016 erschienenen Werk The Weird and the Eerie des legendären “k-punk”-Blogger Mark Fisher entliehen ist. Und so wie das Buch untersucht, inwiefern das „Unheimliche“ die Wahrnehmung der Realität erschüttern kann, kreisen auch die Stücke auf Folksongs from the www um das Thema der Entfremdung in einer vernetzten, aber leeren Gegenwart. Eigentlich entstanden als musikalische Begleitung zu einer Installation, in der die Band von Avataren ersetzt wurde, stellt es die Frage nach Doubles und dem Verhältnis ihrer Originale zu ihnen. Die eigentümliche Melancholie des Albums wirkt denn auch bei aller Lautstärke unheimlich, distanziert und befremdlich kühl. Anders als bei den im Vergleich fast konventionellen Ja Panik übernehmen experimentelle Tendenzen, nebelhafte Elektronik, und sakrale Flächen das Geschehen. Beschrieben wird in verhuschten Skizzen in Anlehnung an Mark Fishers Werk das Bild eines spätkapitalistischen Zeitalters erschaffen, in dem Geister weniger aus dem Jenseits kommen als aus verdrängten Möglichkeiten der Vergangenheit und verlorenen Zukunftsvorstellungen. Eine Produktion aus einer tiefen Ebene der Backrooms.
Brockhoff

Brockhoff | © Konrad Laukoff

Fast zu perfekt, um wahr zu sein. Experimente gibt es zumindest nicht bei Brockhoff, dem Bandprojekt der Hamburgerin Lina Brockhoff. Die treffsicheren, englisch vorgetragenen Indiepop-Hymnen glänzen in schierer Perfektion vor ihren Vorbildern aus den Neunzigerjahren. Das Debutalbum Easy Peeler, eine Metapher für persönliche Verletzlichkeit, dem zentralen Thema des Albums, ist ein ernsthaftes, aufrechtes Werk, das sich elegant aus Genres wie Grunge, Folk, Shoegaze und Indie Rock bedient.  

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