Deutsche Serien in Nordamerika  „Alphamännchen“ - Wann ist ein Mann kein Mann?

Standbild aus der Netflix Deutschland Original Serie „Alphamännchen“: Die vier „Alphamännchen“ – David Rott, Moritz Führmann, Serkan Kaya und Tom Beck – stehen in voller Skiausrüstung bis zur Brust in einem See in einer winterlicher Landschaft. © Stephan Rabold / Netflix

Wer eine Pause braucht vom Krieg der Geschlechter, ist bei Netflix falsch. In “Alphamännchen” verlieren vier Männer ihre alten Privilegien und suchen die Rolle im Neuen. Der Kulturkampf fängt beim Händchenhalten mit dem besten Freund an, hört auf der Kinky Party mit den Rentner-Eltern aber längst nicht auf. Schön, wenn das Schmunzeln die Empörung ersetzt.

Früher war wirklich alles besser! Um nicht als ewiggestriger Macho gebrandmarkt zu werden – canceln war noch nicht erfunden –, war's in den Neunzigern schon genug, sich mitzumokieren über Brusthaartoupés, Manta-Fahren und Sonnenöl mit Kokosduft. Grönemeyer quetschte noch ein “Wann ist ein Mann ein Mann?" durchs Gaumensegel. Und gut.

An die dampfenden Privilegien-Töpfe wurden Frauen natürlich trotzdem nicht gelassen. Die Alpha-Linken Gerhard Schröder und Joschka Fischer heirateten zum vierten, aber nicht zum letzten Mal. Und Thomas Heinze brachte uns mit "Allein unter Frauen" bei, dass Macho-Allüren out sein mögen, aber am Ende selbst die verklemmteste (!) Emanzen-WG (!!) nur das eine will. Motto: Kein "Feminist Cowboy" hat je ein Mammut erlegt! Das ist lange her. Heute kriegt Heinz-Rudolf Kunze Schnappatmung vom Gendern. Canceln ist nicht nur erfunden, sondern zur Serienreife gebracht. Im Rangeln der Geschlechter geht es nicht mehr nur um Fairness, sondern um Gerechtigkeit. Doch nicht einmal auf die Zahl der Geschlechter, die zu möglichen Friedensverhandlungen einzuladen wären, können sich die Kulturkämpfenden einigen. Mann Mensch, es ist kompliziert!

Zu dieser gruseligen Zeitgeisterstunde also lässt Netflix die achtteilige Serie "Alphamännchen" auf uns Eskapisten los, die wir doch eigentlich eine Pause vom Gezänk suchen. Die deutsche Adaption eines spanischen Originals erzählt von vier besten Freunden Mitte vierzig. Deren Verortung im Geschlechterdings lieferte bis gerade eben verlässlich brustbehaarte Dominanz. Doch plötzlich ist's damit vorbei. Verlagsmanager Ulf (Tom Beck), oder besser: sein angeknackstes Ego schmeißt den Job hin, als ihm eine Frau vor die Nase gesetzt wird. Der treulose Gastronom Erik (David Rott) entdeckt ausgerechnet seinen Nesttrieb, als Langzeitpartnerin Kim auf eine offene Beziehung umsteigen will. Spießer Andi (Moritz Führmann) sieht zu, wie seine ansonsten mitspießige Frau ganz unspießig den Spaß am Sex neuentdeckt – allerdings außerhalb der gemeinsamen Ehe. Und Therapeut Cem (Serkan Kaya) wagt sich nach zweijähriger Scheidungstrauer wieder ins Dating-Getümmel, muss allerdings feststellen, dass die Welt nicht mehr dieselbe ist wie 1997. So weit, so realistisch: Keiner der Vier hat sich im engeren Sinne cancelwürdiges zuschulden kommen lassen. Die einstigen Insignien der Männer-Macht sind einfach nichts mehr wert. Der Reichsadamsapfel hat schon länger Patina angesetzt, Ulf und die anderen hatten’s nur nicht mitgekriegt. Neulich erst hing Anerkennung einfach zwischen den Beinen. Plötzlich sollen die Vier sie sich verdienen durch wohlgefälliges Tun.

Es ist schon mehr als ein Schmunzeln wert, den vier besten Freunden dabei zuzusehen, wie sie versuchen aufzuholen, was sie 25 Jahre verpennt haben. Jeder für sich, aber alle gemeinsam auf der Suche nach der Antwort auf die Frage: Wann war jetzt nochmal ein Mann kein guter Mann?
Netflix
Die gelegentlichen Cringe-wärts-Aussetzer (Analplug-Slapstick!) seien der Writer’s Room-Besatzung aus Arne Nolting, Jan-Martin Scharf, Tanja Bubbel und Fabienne Hurst verziehen. Auch da sind wir mal nicht päpstlicher als die Passmann: Wenn über allzu tief hängende Genre-Stöckchen gesprungen wird (die Frau vom Andi hat eine Affäre – Pass uff, keen Witz! – mit dem Fit-ness-trai-ner). Die eigentliche Leistung der “Alphamännchen” liegt darin, dass die Serie ohne Selbstgerechtigkeit auskommt. Das will was heißen, wenn hinter jeder Ecke die Empörung lauert. Als etwa Ulf kurzzeitig auf Andrew-Tate-Abwege gerät und Tschakka-Seminare für heulsusige Maskulinisten gibt, wäre es ein Leichtes gewesen, die Figur vor den Bus der moralischen Besserwisserei zu werfen. Ulf aber wird gelten gelassen.

Auch wohltuend: Anders sind nur Ulf und Erik, Andi und Cem. Den Schuss nicht gehört haben sie, der Rest der Welt ist okay. Noch gar nicht lange her – Herr, vergib uns! –, da musste sich im Fernsehen zuerst die an allem selbst schuld gewesene Frau “einkriegen”, damit alles wieder in Ordnung gerät.

Schlaue Menschen verzweifeln jeden Tag an der Suche nach einem Weg, wie die globale Familie vor der Zerrüttung gerettet werden könnte. Die “Alphamännchen” zeigen: locker-flockige Schmunzelserien an die vorderste Front des Kulturkampfes zu schicken, kann zumindest nicht schaden.

ALPHAMÄNNCHEN
Acht Folgen à 35 Minuten
Mit: Tom Beck, Moritz Führmann, Serkan Kaya, David Rott, Mona Pirzad, Franziska Machens, Marleen Lohse, Jaëla Probst, Valentina Leone
Regie: Jan-Martin Scharf, Tobi Baumann
Drehbuch: Arne Nolting, Jan-Martin Scharf, Tanja Bubbel, Fabienne Hurst
Executive Producer: Hana Geißendörfer, Jan-Martin Scharf, Arne Nolting
Produktion: Hana Geißendörfer, Geißendörfer Pictures GmbH

 

Stream "Alphamännchen"

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