Metropolis von Fritz Lang: Eine Stadt, die weiterlebt

Metropolis von Fritz Lang: Eine Stadt, die weiterlebt © Horst von Harbou, Public domain, via Wikimedia Commons

Metropolis (1927) entwirft das Bild einer futuristischen Stadt, die von sozialer Ungleichheit und der Herrschaft der Maschinen geprägt ist. Seine visionären Bilder haben das Science-Fiction-Genre nachhaltig beeinflusst. Bis heute gilt der Film als eines der bedeutendsten und einflussreichsten Werke der Filmgeschichte.

Bei der Analyse eines Filmes gibt es eine Vielzahl von Perspektiven und Ansatzpunkten, die in Betracht gezogen werden können, so auch bei Metropolis (1927). Allerdings ist das “Metropolis” von heute nicht genau derselbe Film, den Fritz Lang einst geschaffen hat. Mehr als 80 Jahre lang kannten wir nur die unvollständige Version: Sowohl die Zensur als auch die Montage veränderten die Gestalt des Filmes bereits sehr früh und hinterließen eine gekürzte Fassung, die scheinbar für immer unvollständig bleiben sollte. Das änderte sich im Jahr 2008 grundlegend, als eine 16-mm-Kopie auftauchte, die es ermöglichte, einen Großteil der ursprünglichen Fassung wiederherzustellen.

Metropolis ist jedoch weit mehr als ein Film, der aus seinen Einzelteilen wieder zusammengesetzt wurde. Denn trotz aller Eingriffe in seine ursprüngliche Form verloren seine Bilder nie ihre Wirkung. Der Filmhistoriker David Kalat erklärte in einem Audiokommentar zur Masters of Cinema-DVD-Ausgabe von Metropolis, dass gerade die visuellen Elemente des Films die vielen Kürzungen und Veränderungen überstanden hätten. Ihre Kraft blieb bestehen, selbst als die Erzählung durch die unterschiedlichen Fassungen immer bruchstückhafter wurde.

Doch die monumentale Bedeutung von Metropolis beruht nicht einzig und allein auf dem, was verloren gegangen ist, sondern auch auf der Dimension, in der sich Fritz Lang diese Welt vorstellte: Gigantische Bauwerke, die sich bis ins Unermessliche erstrecken, im Kontrast zu den Menschen, die klein und bedeutungslos wirken. Aus genau diesem Spannungsverhältnis entstand die Idee für den Entwurf der Stadt: Die Größe der Maschinen im Angesicht des Verlusts der Menschlichkeit der Figuren. Die Stadt wächst zu einem Ungeheuer heran, in dessen Innerem das Individuum verschwindet. Die Arbeiter werden zu austauschbaren Bestandteilen einer gigantischen Maschinerie, während die Reichen, geistesabwesend in ihrer Welt des Überflusses verharren. Nicht die Maschinen, sondern die Arbeiter nähren ihre Existenz.

Lang vertrat die Auffassung, dass jeder gute Film bereits in der ersten Szene seine Botschaft vermittelt. Das ist auch bei Metropolis der Fall. In der ersten Bildsequenz werden Zahnräder gezeigt, die sich synchron zum Rhythmus einer Zeigeruhr bewegen, bevor die Arbeiter in Erscheinung treten. Menschen und Maschinen werden von Anfang an als untrennbare Einheit dargestellt. Die Arbeiter scheinen die Maschinen nicht zu bedienen, sondern vielmehr ein Teil von ihnen zu sein. Die Maschine wird zum Lebensraum, zum Zentrum aller Bewegung und zum Sinnbild einer Gesellschaft, in der der Mensch zunehmend entmenschlicht wird. Die Arbeiter leben in einer abgelegenen, unterirdischen und verborgenen Stadt, innerhalb derer sie nichts weiter als ersetzbare Werkzeuge sind. Ein Bild, welches später auch zu einem Symbol wurde, das Charles Chaplin in seinem Film „Modern Times“ aufgriff. Die Architektur tritt als eine Art Protagonist in den Mittelpunkt. Selbst ohne Zwischentitel wären die Wolkenkratzer, die Autobahnen und die pausenlos zirkulierenden Fahrzeuge ausreichend, um die Vision zu verstehen, auf der die futuristische Stadt errichtet wurde. Lang blieb dieser Art des filmischen Erzählens stets treu. Seine Kulissen vermitteln oft weit mehr, als Worte ausdrücken könnten. In Metropolis wirkt jedes Bild sorgfältig komponiert, fast wie eine Theaterbühne. Die Körper der Darsteller*innen, ihre Bewegungen, die Maschinen und die Architektur fügen sich zu einer Choreografie, in der jedes Element von Bedeutung ist. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Metropolis durch seine Bildsprache eine derart hypnotische Wirkung entfaltet. Die visuellen Vorstellungen, die der Film entwickelt, prägen das Science-Fiction-Kino weit über seine Entstehungszeit hinaus und dienen als Inspiration für die futuristischen Schauplätze von Filmen wie „Blade Runner“ (1982) und „Das fünfte Element“ (1997).

Im Hinblick auf das von „Metropolis“ entworfene Zukunftsbild wandelt sich die Stadt stetig. Während die Gebäude immer höher wachsen und die Maschinen immer leistungsfähiger werden, bleibt die Trennung zwischen der arbeitenden und privilegierten Bevölkerung bestehen. Es gibt einerseits einen technischen, andererseits jedoch keinen gesellschaftlichen Fortschritt. Im Gegenteil: Je mehr die Technologie voranschreitet, desto schlimmer werden die sozialen Ungleichheiten. Die Drehbuchautorin Thea von Harbou hat sich eine Stadt vorgestellt, die genau auf dieser Spaltung beruht. Eine Darstellungsweise, die bis heute mit den Sorgen und Fragen moderner Gesellschaften in Dialog tritt. Ähnliche Fragestellungen beschäftigten auch künstlerische Strömungen wie den russischen Konstruktivismus. Sie antizipierten damit das Interesse an der Lebensrealität der Arbeiterklasse, welches Jahrzehnte später von Bewegungen wie dem britischen Free Cinema aufkam.

Paradoxerweise endet Metropolis jedoch mit einer Versöhnung zwischen beiden sozialen Schichten, als ob der Konflikt allein durch das Zusammenführen von Menschen aus gegensätzlichen gesellschaftlichen Klassen gelöst werden könnte. Gerade diese Auflösung wirkt rückblickend widersprüchlich in Bezug auf all das, was der Film im Vornherein aufgebaut hat. deshalb wurde kaum ein Aspekt von Metropolis so intensiv diskutiert wie der Schluss. Fritz Lang selbst äußerte sich später kritisch dazu. Seiner Ansicht nach wurde der soziale Konflikt auf vereinfachende und unglaubwürdige Weise gelöst. Zwar erkennt der Film den Konflikt zwischen den Klassen klar an, zugleich scheint er den Arbeitern jedoch eine gewisse Mitverantwortung dafür zu geben, dass es überhaupt zu dieser Situation gekommen ist. Dort finde ich einen der größten Widersprüche in der Argumentation des Filmes.

Nichtsdestotrotz lässt sich mehr als 100 Jahre später festhalten, dass es sich bei Metropolis um einen Film handelt, der das Kino nachhaltig geprägt hat. Seine Stadt, Maschinen, Menschenmassen und die Beziehung zwischen dem menschlichen Körper und der Industrie haben Bilder hervorgebracht, die schließlich Teil der Vorstellung von Science-Fiction und des Verständnisses unserer Gesellschaft wurden. Die Bedeutung des Films liegt nicht allein darin, sich vorgestellt zu haben, wie die Zukunft aussehen könnte. Entscheidend ist vielmehr, dass mithilfe dieses Zukunftsbildes über gesellschaftliche Konflikte jener Zeit gesprochen wurde, die uns selbst heute noch in verschiedener Art und Weise bekannt vorkommen. Auch wenn der Film nicht frei von Widersprüchen ist, sind die dennoch ebenso Teil seines Vermächtnisses.

Deshalb haben die Bilder von Metropolis die Zeit überdauert. Denn obwohl einige Ideen des Filmes widersprüchlich erscheinen, hat die Stadt, die von Fritz Lang und Thea von Harbou entworfen wurde, nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Sie kann weiterhin als Vorstellung der Zukunft und zugleich als Spiegel unserer Gegenwart dienen. Auch ein Jahrhundert später hat Metropolis diese Ambivalenz beibehalten: Ein Film aus der Zukunft, der zugleich auch Probleme anspricht, die wir bis heute nie vollständig lösen und hinter uns lassen konnten.
 
  • Metropolis, Deutschland, 1927
  • Regie: Fritz Lang
  • Darsteller*innen: Brigitte Helm, Alfred Abel, Gustav Fröhlich, Rudolf Klein-Roge
  • Drehbuch: Thea von Harbou, Fritz Lang
  • Kamera: Karl Freund, Günther Rittau, Walter Ruttman
  • Laufzeit: 150 Minuten
Ursprünglich in Fósforo UNAM anlässlich des 25. Festivals des Deutschen Films in Mexiko veröffentlichter Text.