Essay  Der Staat als Idee

Das US-Kapitol in Washington, D.C., mit der Einblendung „We the People“.
Das U.S.-Kapitol in Washington, D.C. © Goethe-Institut, Allison Paul

Die Vereinigten Staaten von Amerika gelten als Projekt, Experiment und Idee zugleich. Aber aus dem Spannungsverhältnis zwischen Anspruch und Wirklichkeit speist sich auch eine widersprüchliche Dynamik, die den amerikanischen Staat bis in die Gegenwart prägt.

Ohne einen zündenden Gedanken könne man keinen Staat führen, kritisierte der deutsche Philosoph und Soziologe Helmuth Plessner im Jahre 1959 die dürre Machtpolitik des Wilhelminismus[1], die darauf abzielte, jeden Staat entweder als Rivalen oder als Partner in ein Geflecht von Verträgen und Verpflichtungen einzubinden, das ihm weder in der einen noch in der anderen Richtung große Bewegungsfreiheit gewähren sollte. Dass das dann nicht ganz so klappte, zeigte der Erste Weltkrieg. Das Geflecht trug nicht: Kaum riss eine Naht, zerriss das gesamte Netz. Eine Nation nach der anderen stürzte in den Wahnsinn des Krieges.

Nun gibt es einen Staat, dessen Gründung sich wie wohl kein zweiter einem zündenden Gedanken verdankt: die Vereinigten Staaten von Amerika. Was in der Unabhängigkeitserklärung vor 250 Jahren und nachfolgend in der Verfassung (1787) niedergelegt wurde, war jedoch mehr als nur ein zündender Funke: Es war ein Fanal. Und dieses Fanal scheint auch heute noch hell zu leuchten. Es ist, als hätte die Idee der Vereinigten Staaten von ihrer, auch ambivalenten Faszination und Strahlkraft kaum etwas eingebüßt.  

All men are created equal…  

Will man beschreiben, was die Vereinigten Staaten sind, gerät man rasch in Turbulenzen, sofern man versucht, die offenkundigen Widersprüche, die dieses Land kennzeichnen, miteinander in Ausgleich zu bringen. So resultierte aus dem historisch begründeten Argwohn gegen eine dominierende Zentralgewalt, von deren Ketten man sich in der Revolution befreit hatte, die Idee eines Verbundes teilautonomer Staaten, deren relative Selbstständigkeit es nicht erlauben würde, dass in der Hauptstadt ein Tyrann die Macht über das gesamte Land an sich risse. Dem widersprach allerdings von Anfang an die sogenannte Unitary Executive Order im II. Artikel, 1. Absatz der Verfassung, die dem Präsidenten, so wollen es einige Interpreten verstehen, uneingeschränkte exekutive Gewalt zusprach.  

Der als selbstevident deklarierten Gleichheit aller Menschen („we hold these truths to be self-evident, that all men are created equal…”), die mit großem Pathos in der Präambel der Unabhängigkeitserklärung verkündet wurde, widersprach die reale Aufrechterhaltung der Sklaverei und die Verweigerung von gleichen Bürgerrechten für Schwarze bis zum Civil Rights Act von 1964 und Voting Rights Act von 1965. In heute kaum mehr fasslicher Weise widersprach dieser Erklärung der Gleichheit aller Menschen der Genozid an den indigenen Völkern des Kontinents.  

Und angesichts der Tatsache, dass doch in vielen Fällen das Verlangen nach religiöser Freiheit und Toleranz die Menschen zur Reise über den Atlantik in das erträumte Land der Freiheit veranlasst hatte, überrascht, mit welcher Erbarmungslosigkeit beispielsweise gegen die Mormonen vorgegangen wurde, aber auch, mit welchem Grad der Herablassung und Benachteiligung bis hin zum Lynching es etwa italienische Einwanderer (die nicht nur aufgrund ihres katholischen Glaubens diskriminiert, sondern auch als Schwarze gebrandmarkt wurden) aufzunehmen hatten.[2]

Das Verhältnis zwischen Ideal und Wirklichkeit  

Was auch immer die Gründe für dieses Auseinanderfallen von Idee und Praxis, von Rhetorik und Realität sein mögen: Allein dem Steckenbleiben einer für die Vereinigten Staaten spezifischen „hybriden Aufklärung“[3] in ihren eigenen Widersprüchen wird man diese doppelte Buchführung – hochtrabender Idealismus und sentimentale, moraltriefende Rhetorik da, brutal-profaner Machtrealismus und zutiefst unmoralische Praxis dort – bei der Perspektive auf die eigene Nation nicht zurechnen können. Wahrscheinlich wird man überhaupt nicht den einen ausschließlichen Grund dafür auszumachen vermögen, sondern wird eine Koppelung von Ursachen annehmen müssen, die über den Verlauf der 250 Jahre seit der Gründung der Vereinigten Staaten in jeweils unterschiedlichen Kombinationen das Verhältnis zwischen den einzelnen Elementen des Narrativs (Freiheit, Individualität, Selbstverwirklichung, Gleichheit, Toleranz, Familie, Selbstaufopferung, Geltung des Gesetzes, Gemeinschaft) und der sozialen, ökonomischen und politischen Wirklichkeit, auf die es sich bezog, unterschiedlich bestimmten.  

Oder muss man umgekehrt denken? Muss man das Verhältnis zwischen Ideal und Wirklichkeit möglicherweise auf eine Art und Weise denken, in der dem Narrativ Vorrang vor der Realität eingeräumt wird? Nicht das Narrativ schildert dann auf irreführende Weise eine wie auch immer geartete Wirklichkeit, sondern die Wirklichkeit kommt einfach der Erzählung nicht hinterher? Wenn – wie Washington und Hamilton (und die Demokraten noch im Wahlkampf 2024) proklamierten – die amerikanische Nation selbst als „großes Experiment“ zu verstehen ist, impliziert dies nicht, dass die Versuchsanordnungen mit ihrer unübersehbaren Anzahl von sich permanent verändernden Unbekannten je unterschiedliche Ergebnisse produzieren und diese Ergebnisse wiederum eine Nachjustierung der Versuchsanordnungen erfordern, so dass Hypothese, Experiment und Ergebnis sich in einem permanenten Wechselspiel der Affirmation und Annullierung, des Widerspruchs und der Bestätigung befinden? Dass jedenfalls, was das Ergebnis des Experiments darstellt, dieses sich nie in Übereinstimmung mit den Vorannahmen mit all den zahlreichen Variablen befindet, die ihm zugrunde lagen?

Das Experiment ist so angelegt, dass die ihm zugrundeliegende Hypothese nie falsifiziert werden kann. Das Narrativ kann nie widerlegt werden, sondern muss nur beständig angepasst und neu formuliert werden. Ihm kommt nicht die Aufgabe zu, Wirklichkeit zu beschreiben, sondern vielmehr ruft es diese hervor, weshalb ihm dann eben doch immer wieder auch reale Phänomene entsprechen: der Heldenmut der GIs bei der Befreiung Europas und der Beendigung des Nazi-Terrors ist vielleicht das bedeutendste Beispiel hierfür.  

Die Widersprüche halten die Nation in Bewegung  

Eine adäquate Formel für das, was die Vereinigten Staaten darstellen, lautet dann eben nicht: ein Staat; oder: eine Nation; sondern: eine Idee als die sich beständig fortschreibende Einheit ihrer nicht versöhnten Widersprüche. Man hätte dann eine Erklärung für viele Phänomene wie die bis zur Ermüdung getriebene Wiederholung der Erzählungen von Familienzusammenhalt, Opferbereitschaft und individuellem Heldenmut im Angesicht übermächtiger Gewalten, während gleichzeitig kapitalistisch befeuerter Hedonismus, Selbstsucht, Gier und Profitkalkül den gesellschaftlichen Zusammenhalt erodieren lassen.  

Zu dem Figurenarsenal dieser Erzählungen gehört der Outlaw, der einsame Kämpfer, der für die Durchsetzung des Guten die korrumpierten Gesetze bricht. Und zu diesen von der Idee induzierten Phänomenen gehört die Erfindung von Soft Power mittels Filmen und bildender Kunst, Erzählungen von Avantgardismus und Innovation, individueller Schöpferkraft und Disruption; das Wechselspiel zwischen Isolationismus und Mission Impossible als Weltpolizist; das Selbstbild als universal gültiges Modell der Selbstverbesserung der Menschheit bei gleichzeitiger Behauptung des eigenen Exzeptionalismus.  

Die Widersprüche halten, wie der alte Hegel gesagt hätte, als dialektisch sich zueinander verhaltende Treiber die Nation in Bewegung. Keine Beobachtung widerlegt das Narrativ, da das Narrativ sich nicht auf Fakten, sondern auf eine Idee bezieht. Diese Idee zieht ihre Energie aus der Behauptung einer verkommenen Welt, die der Einzelne, in protestantischer Tradition nur seinem Gewissen verantwortlich, in ein „benevolent empire“ zu verwandeln trachtet.[4] Wie die Gesellschaft vervollkommnet werden kann („a more perfect union“), kann sich der Einzelne perfektionieren. Frontier- und Settler-Spirit vermengen sich mit dem evangelikalen Glauben an die eigene Selbstvervollkommnung und befördern ein scheinbar unbegrenztes Vertrauen in den Sinn von Innovation, das eigene Vermögen („be all you can be“)[5] und eine Welt, in der die Annahme, Ressourcen seien begrenzt, eine absurde Einschränkung des eigenen Handlungsvermögens darstellt.[6]

Die Union ist nie perfekt, sondern immer nur „more perfect“

Der Staat als Idee und Einheit ihrer nicht versöhnten Widersprüche impliziert selbstverständlich auch das dauernde und weitgehend beliebige Abscheiden von Komponenten. „We the people“ ist eben immer etwas anderes; mal sind das Volk exklusionistisch die Nativists und Know-Nothings, mal inklusivistisch all jene, denen Bürgerrechte zugesprochen wurden. Mal nur Männer, mal beide Geschlechter, mal möglichst viele Geschlechter. Mal ist „we the people“ die Kurzformel für die dominierende Machtelite, mal idealistische Umarmung all jener Menschen, die in diesem Land ihr eigenes Glück verfolgen. Mal ist das Volk der Plebs, der sich gegen die Elite auflehnt, mal die Mittelschicht, die exzessiven Reichtum gleichermaßen verachtet wie die Gleichgültigkeit des Plebs gegenüber dem eigenen Schicksal und dem Wohlergehen der Gesellschaft als Ganzem.[7]

So lässt sich auch nie von einer Perversion dieser Idee sprechen. Die Union ist nie perfekt, sondern immer nur „more perfect“. Der Staat als Idee realisiert sich nie, sondern ist immer nur auf dem Weg zu sich selbst. Zu diesem Weg zählen Irr-, Neben- und Holzwege. Und dem sich temporär durchsetzenden einen Widerspruch wird sich der diesem Widerspruch widersprechende Widerspruch entgegensetzen und eine neue Version des Narrativs erzeugen, das jene Wirklichkeit hervorbringt, von der es anschließend in unvollkommener Weise zu erzählen scheint. Auf beiden Seiten des Widerspruchs bleibt die Idee des „land of the free“ erhalten als umkämpfte Vision, doch wird sie mit je unterschiedlichen Semantiken befüllt.  

Der Unterschied zwischen dem Staat, in dessen Geburtsstunde ein neues Licht zu strahlen begann, und all den anderen Nationen taucht in der Form eines Re-Entry als Unterscheidung zwischen einer richtigen und einer falschen Lektüre des „We the People“, eines richtigen oder falschen Verständnisses von der wahren Lesart der Idee wieder auf, die uns noch nach 250 Jahren immer erneut fasziniert.  

Fußnoten:

[1] Helmuth Plessner, Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit des bürgerlichen Geistes (1959), Stuttgart 1969, S. 44.
[2] https://www.nytimes.com/interactive/2019/10/12/opinion/columbus-day-italian-american-racism.html
[3] James Davison Hunter, Democracy and Solidarity, Yale University Press, 2024.
[4] https://courses.lumenlearning.com/suny-ushistory1ay/chapter/the-benevolent-empire/
[5] https://www.army.mil/article/264594/new_army_brand_redefines_be_all_you_can_be_for_a_new_generation
[6] Vgl. Friedrich August von Hayek, Die Verfassung der Freiheit (1971), Tübingen 2005, S. 316 ff.
[7] Vgl. Kolja Möller, Volk und Elite. Eine Gesellschaftstheorie des Populismus, Berlin 2024.

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