Zwischen Integration und Ausgrenzung   Identität im Abseits

Grafik zweier Personen, die zusammen ein Trikot halten, auf dem der Name des deutschen Nationalspielers Özil steht. © Goethe-Institut, Ricardo Roa

Fußball verhandelt auch gesellschaftliche Zugehörigkeit. Der Fall des ehemaligen Nationalspielers Mesut Özil zeigt, wie Identität, Erwartungen und politische Debatten im deutschen Nationalteam aufeinandertreffen – und spalten.

Fußball ist mehr als ein Spiel– er ist Projektionsfläche für gesellschaftliche Debatten. In kaum einem anderen Bereich zeigt sich so deutlich, wie eine Gesellschaft mit Vielfalt umgeht. Die enorme emotionale Bedeutung des Sports wird insbesondere am Beispiel der Nationalmannschaft deutlich, ein Raum, in dem auch Fragen bezüglich Integration und Zugehörigkeit sichtbar werden.

Seit den frühen 2000er-Jahren spielen dabei in der deutschen Nationalmannschaft auch Spieler mit Migrationshintergrund eine Rolle. Ein Thema, das bis heute polarisiert, denn nicht immer repräsentieren sie die klassischen, nationalen Stereotype, sei es bezüglich des Aussehens, Verhaltens oder weiterer zugeschriebenen Eigenschaften. Kaum ein Fall wie die Geschichte von Mesut Özil zeigt so deutlich, wie der Fußball Zusammenhalt, aber auch Spaltung erzeugen kann: Ein Spieler, der einst als Paradebeispiel für gelungene Integration von Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland galt.

Heimat gibt es auch im Plural

Mesut Özil wuchs als Sohn einer türkischen Einwandererfamilie in der Arbeiterstadt Gelsenkirchen unter bescheidenen Verhältnissen auf. Seinen großen Traum, Profifußballer zu werden, hat er eindrucksvoll verwirklicht. Özil spielte für Weltclubs wie Real Madrid und Arsenal London, zudem krönte er seine Karriere mit dem WM-Titel, den er mit der deutschen Nationalmannschaft 2014 in Brasilien gewann.
In mir schlagen zwei Herzen, ein deutsches und ein türkisches.
Mesut Özil
Özil war dabei einer von vielen Nationalspielern mit Migrationshintergrund, welche die Wahl hatten, für Deutschland oder ein anderes Land zu spielen. Dass er sich für Deutschland entschied, wurde in Teilen der innerhalb Deutschlands großen, deutsch-türkischen Community negativ aufgefasst. Er wurde als „Verräter“ beleidigt, da er sich zu dem Land bekannte, in dem er aufwuchs, zur Schule ging und fußballerisch ausgebildet wurde. Özil trotzte diesen Widerständen. Seine mutige Entscheidung zugunsten Deutschlands beinhaltete hinsichtlich der gesellschaftlichen Integrationsthematik zwangsläufig eine politische Dimension. Das wurde spätestens am 8. Oktober 2010 ersichtlich, als Deutschland in der EM-Qualifikation, in Berlin, auf die Türkei traf. Özil wurde von den türkischen Fans nicht nur gnadenlos ausgepfiffen, sondern auch massiv verbal angegriffen. Als wäre das noch nicht genug, traf ausgerechnet er zum 2:0 (3:0 Endstand).

Die gesellschaftspolitische Dimension

In der Folge entstand ein Narrativ, bei dem Özil nun auch die sogenannten „deutschen Tugenden“ repräsentieren und sich dementsprechend von seinem kulturellen türkischen Hintergrund komplett abkoppeln sollte. Diese Sichtweise wurde ihm später zum Verhängnis, als er sich im Vorfeld der WM 2018 zu einem Foto mit dem umstrittenen türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan bereiterklärte. Die Aktion war umstritten, in Anbetracht dessen, dass Erdoğan innerhalb der Türkei im Laufe seiner Amtszeit ab 2003 die Pressefreiheit massiv einschränkte sowie politische Gegner einsperren ließ.

In Deutschland entbrannte eine heftige Diskussion in den Medien, die sich weniger mit der Aktion an sich befasste, sondern vielmehr damit, dass Özil einfach nicht mit der deutschen Kultur kompatibel sei. Das mündete fälschlicherweise auch in der Wahrnehmung, dass Özil und sein Teamkollege Ilkay Gündoğan hauptverantwortlich für das Ausscheiden der deutschen Mannschaft gewesen seien. Auch wenn das Thema für Gesprächsstoff und Unruhe innerhalb der Mannschaft sorgte, spielte Özil 2018 eine gute WM. Ganz im Gegensatz zu anderen Spielern aus dem 2014er-Weltmeisterteam, die weit unter ihren Möglichkeiten blieben. Auch Trainer Löw verzockte sich ein ums andere Mal taktisch. Medial wurde allerdings nicht das Scheitern des Teamkonstrukts, sondern vielmehr Özil allein dafür verantwortlich gemacht. Özil wurde zum Symbol des Scheiterns.  

Während Özil sich vorwerfen lassen musste, in seiner Vorbildfunktion versagt zu haben, da er sich der politischen Propaganda eines Autokraten anschloss, musste der Deutsche-Fußball-Bund (DFB) sich ankreiden lassen, seine Spieler nicht ausreichend in Schutz vor der verzerrten Debatte genommen zu haben. Schlussendlich kam es dadurch zum Bruch zwischen dem DFB und Özil. Für beide Seiten bedeutete dieser Ausgang einen herben Imageschaden. Özil holte zudem nach der verkorksten WM zum Rundumschlag aus. Laut seinen Aussagen sei er in den Augen von Grindel, dem damaligen DFB-Präsidenten und seinen Unterstützern „nur ein Deutscher, wenn wir gewinnen, aber ein Einwanderer, wenn wir verlieren.“
Özil kapselte sich komplett von Deutschland ab, obwohl viele Menschen in Deutschland die Anfeindungen gegenüber ihm verurteilten, allen voran der damalige Bundestrainer Joachim Löw, der Özil trotz der Nebengeräusche volles Vertrauen aussprach.

Mesut Özil hätte für viele junge Spieler zum Symbol einer mehrdeutigen, modernen Zugehörigkeit werden können. Doch stattdessen verfestigte sich ein anderes Bild: das des „nicht integrierten Türken“. Was als Zuschreibung, vor allem ausgehend von rechtspopulistischen Kreisen, begann, wurde im Laufe der Zeit auch von Özil selbst mitgetragen – durch seine zunehmende demonstrative Nähe zu Erdoğan. Zuletzt sorgten auch persönliche Entscheidungen, wie ein Tattoo mit Bezug zu den „Grauen Wölfen“, für Kritik, da diese Bewegung rechtsextremen Strömungen in der Türkei zugeordnet wird. Damit verschob sich die Wahrnehmung endgültig: vom Integrationsvorbild zur Projektionsfigur gesellschaftlicher Konflikte.

Vom Wettbewerb um Talente – Zur Frage der Zugehörigkeit 

Der Fall Özil war längst nicht mehr nur ein politisches Thema, sondern stellte auch das gesellschaftliche Miteinander in Deutschland auf die Probe und die damit verbundene Frage der Zugehörigkeit, vor allem in Anbetracht dessen, dass viele Nachwuchsspieler, die in den deutschen U-Nationalmannschaften spielen, einen Migrationshintergrund haben. Spieler mit Migrationshintergrund können den Verband nur wechseln, solange sie noch kein offizielles Pflichtländerspiel für die A-Nationalmannschaft absolviert haben. In den letzten Jahren ging es dem Verband vor allem darum, die zahlreichen Jugendspieler, auf die das zutrifft, für sich zu gewinnen, damit sie auch in Zukunft das Trikot mit dem Adler auf der Brust tragen. Auf Spielerseite geht es dabei, neben dem Stolz, für ein Land zu spielen, selbstverständlich auch um die Perspektive und die eigene Karriere. Die wichtigsten Argumente, die dabei eine Rolle spielen, sind einerseits die Chancen, nominiert zu werden, was bei weniger erfolgreichen Fußballnationen einfacher ist als bei einer Größeren. Andererseits besteht auch der Vorwurf, sich für eine Fußballnation wie Deutschland zu entscheiden, um die eigenen Chancen auf einen WM-Titel zu erhöhen. Insbesondere Spielern mit Migrationshintergrund wird immer wieder unterstellt, sich nicht aus Heimatverbundenheit für ein Land zu entscheiden.

Auch in anderen Ländern und Nationalmannschaften sind Debatten über Spieler mit doppelter Staatsbürgerschaft entbrannt; so auch im fußballverrückten Mexiko. Während noch vor einiger Zeit Spieler mit ausländischen Wurzeln dem Vorwurf ausgesetzt waren, keinen 100-prozentigen Einsatz zu zeigen, hat sich diesbezüglich die Wahrnehmung deutlich verändert. Angesprochen auf die mögliche Integration von Spielern mit Migrationshintergrund in den WM-Kader, meint Mexikos Nationalcoach Javier Aguirre: „Ein guter Spieler – wenn er alle Voraussetzungen mitbringt, ist Mexikaner wie du oder ich – und dann gehört er in die Mannschaft.

Gesellschaftlicher Zusammenhalt als Schlüssel zum Erfolg

Insgesamt zeigt der Fall Özil, dass Integration beidseitig erfolgen muss. Als deutscher Fußballfan sollte man sich von der Illusion lösen, dass eine Nationalmannschaft die gleichen Werte repräsentieren solle, wie es die sogenannten „echten Typen“ vor 30 Jahren getan haben, als Deutschland noch als Fußballnation galt, die vor allem durch Einsatz und Härte ihre Spiele gewann. Besonders deutlich wird die Widersprüchlichkeit dieser Argumentation, wenn man „neue identitäre Elemente“ wie den Ballbesitzfußball, den die deutsche Mannschaft bei der WM 2014 erfolgreich zelebrierte, zunächst feiert – um bei einem schwachen Turnier oder einem öffentlichen Fauxpas einzelner Spieler plötzlich deren Zugehörigkeit infrage zu stellen. Hier vermischt sich dann einerseits berechtigte Kritik an der einzelnen Person mit andererseits emotional aufgeladener Verurteilung dessen, was auf dem Platz geschieht.
Gleichzeitig gilt das auch für einen Teil der türkischen Fans in Deutschland, die ihre Zugehörigkeit zu Deutschland nicht anerkennen und diese Sichtweise auf Spieler wie Özil reproduzieren. Aber auch die Spieler sind gefordert und müssen sich ihrer Verantwortung sowie Vorbildfunktion stellen. Klare Kommunikation nach außen und die damit verbundene kulturelle Sensibilisierung sollten derlei Aktionen nicht rechtfertigen, aber könnten zumindest ein gewisses Gespür für die Beweggründe erzeugen und somit den Ton der Debatte abmildern. Nur ein tolerantes Umfeld von allen Seiten garantiert auch in Zukunft eine bessere Jugend- und Talentarbeit für den deutschen Fußball. Ansonsten sorgen Fälle wie der von Mesut Özil weiterhin für gesellschaftliche Spaltung.

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