Punk in der DDR  Zuviel Zukunft

Ein Punk mit Irokesenschnitt und ein uniformierter Volkspolizist warten nebeneinander auf die U-Bahn, dabei sehr bemüht sind, sich gegenseitig zu ignorieren. © CC Foto: Jörg Knöfel/ Lehmstedt Verlag, 2014

Punk machte auch vor der ehemaligen DDR nicht Halt. Die Bands hießen Wutanfall, Namenlos oder Schleim-Keim. Knallende Songminiaturen, drei Akkorde, provokative Texte – ästhetisch scheinen die Unterschiede zwischen Ost und West gering. Doch Punk im Sozialismus ist seine ganz eigene Geschichte.

Geburtstagsparty im Deutschland der frühen 1980er-Jahre. Wäre es nicht toll, wenn die lokale Punkband dazu ein Konzert auf dem Dachboden gibt? Die Eltern haben sich schließlich freundlicherweise für den Abend abgemeldet ...

Wie diese Geschichte weitergeht? Das hängt davon ab, wo sie genau spielt. In Bottrop, Lübeck, Kaufbeuren oder anderen Städten im Westen könnte man damit rechnen, dass, wenn die Party richtig gut ist, also aus dem Ruder läuft, die Nachbarn irgendwann die Polizei rufen. Nächtliche Ruhestörung beziehungsweise „Wenn wir nochmal wiederkommen, müssen wir die Anlage konfiszieren“. Findet das Event allerdings in Karl-Marx-Stadt, Cottbus oder Magdeburg statt, ist die Chance groß, dass neben den Initiatoren der Party selbst die Besucher*innen ins Visier der Staatssicherheit gelangen – oder sogar in der selben Nacht noch verhaftet werden.

Punk ist nicht gleich Punk im geteilten Deutschland.

Jugendkultur fordert immer die bestehende Ordnung heraus, nachwachsende Generationen befinden sich auf der Suche nach einem eigenen Weg, dem eigenen Platz. Beim Punk der frühen Jahre war diese Herausforderung besonders grell markiert. Die damit verbundene Auflehnung gegen die Norm brachte auch im Westen Lederjacken- und Iroträger*innen in Schwierigkeiten. Sei es durch erzürnte Eltern, Vorgesetzte, Lehrer*innen oder aber auch durch feindlich gesonnene, konkurrierende Jugendgangs wie Popper, Rocker oder Teds. In der Literatur finden sich heute unzählige Punk-Biografien, die von solchen Erfahrungen künden – anschaulich nachzulesen beispielsweise bei Jan Off in Vorkriegsjugend oder in Rocko Schamonis Dorfpunks. Hier wird erzählt von Selbstfindung in einer als fremd empfundenen Gesellschaft.

In der DDR dagegen dreht es sich für junge Punks um Selbstbehauptung, der Staat mag ihnen dabei ähnlich fremd vorkommen wie den Genossen aus dem Westen, aber er ist vor allem eines: sehr nah. In einem Interview für die Bundesstiftung für Aufarbeitung beschreibt Jürgen Gutjahr von der Leipziger Band Wutanfall das folgendermaßen: „Wenn man sich einmal zum Punk bekannt hatte, dann war man draußen. Das war die radikalste Absage, die es innerhalb der DDR-Jugendkultur je an diesen Staat gegeben hatte – und entsprechend massiv reagierte die Staatsmacht darauf.“

Der 1964 geborene Gutjahr erlebt diese Repressalien selbst, ab Anfang der 1980er sieht er sich bis zu viermal wöchentlich Verhören ausgesetzt, wird körperlich und psychisch drangsaliert. Auch als er 1983 die Band auf diesen Druck hin verlässt, verschärfen sich die staatlichen Angriffe weiter, da er als ein Multiplikator der Punkszene eingestuft wird. Die Folge sind Arbeitsverbot, Observationen, Strafanzeigen. Erst wenige Monate vor dem Mauerfall erhält Gutjahr die Möglichkeit, in die Bundesrepublik auszureisen. Punk in der DDR verlangte von vielen jungen Menschen jener Zeit einen großen Preis ab. Die vom Staat bekämpfte Band Wutanfall hinderte allerdings all das nicht daran, einen der wohl größten Punk-Hits des sozialistischen Staats zu schreiben, der sich über das Medium Kassette damals vervielfältigte.

„Mit Wutanfall im Pogo-Takt / Lustig bis zum Herzinfarkt / Das haut voll rein und alles staunt / Leipzig tanzt den Underground.“

Der Song Messestadtpunk wie auch knapp vierzig weitere Stücke von DDR-Bands findet sich heute auf der Sammlung Too Much Future – Punkrock GDR 1980-1989 wieder. Die Bandnamen sind knallig: Die Fanatischen Frisöre, Menschenschock, The Leistungsleichen, L’Attentat, Ernst A. Fall und andere. Niemand auf dieser quer durch die DDR reichenden Compilation besaß eine Spielerlaubnis. Für eine solche Feindwahrnehmung, wie die Ost-Punks sie erlebten, mussten sich West-Bands ganz schön strecken, nur den wenigstens gelang es. Allen voran sicher den Hamburgern von Slime mit indizierten Songs wie Deutschland muss sterben oder Polizei SA SS.

Aber zurück in den Osten, Spielerlaubnis, was war das noch gleich? Um in der DDR öffentlich aufzutreten, bedurfte es einer staatlich erteilten Spielerlaubnis, für diese wiederum musste man sich einer offiziellen Einstufung unterziehen. Wenigen Punkbands glückte ein solches Unterfangen, viele setzten sich dieser Unterwerfung auch erst gar nicht aus. Somit blieben Live-Konzerte stetes Risiko und fanden vor allem in privaten oder auch kirchlichen Räumen statt.

Ungesetzliche Verbindungsaufnahme

Die Beschaffung von neuer Punkmusik funktionierte dagegen gefahrloser, das Medium dafür war das Radio. „Eigentlich waren wir die Abhörstation. Wir haben den Westen belauscht“, erzählt Henryk Gericke im Gespräch zum Film-Buch-Platten-Projekt Too Much Future, an dem der Berliner Schriftsteller mit Ost-Punk-Hintergrund beteiligt ist. „Die Moderatoren wussten natürlich auch, dass wir da an den Geräten hingen,“ ergänzt er, „oft wurde gesagt ‚In den Song quatschen wir jetzt mal nicht rein, den spielen wir für unsere Freunde im Osten aus‘. Das war von Behördenseite verhasst – aber sie konnten nischt machen!“.
© Rene Libertas
Eine der zentralen Veröffentlichungen der DDR-Punkszene gelangte dagegen auf weit abenteuerlichem Wege in den sozialistischen Staat. Die heikle Einreise funktionierte über das Versteck in einer Zugtoilette. Bei DDR von unten handelte es sich 1983 um eine Split-LP mit den Bands Zwitschermaschine und Sau-Kerle (das Pseudonym der Erfurter Band Schleim-Keim), sie wurde im Westen gepresst und einer der Initiatoren dieser konspirativen bilateralen Punk-Connection, Sascha Anderson, schmuggelte drei fertige Exemplare über die Schiene wieder herein. Drei Platten, die die Grundlage liefern würden für eine Unzahl an überspielten Tape-Exemplaren. Dieser Austausch von DDR-Bands mit dem Klassenfeind blieb der Staatssicherheit nicht verborgen. Alle drei Mitglieder von Schleim-Keim saßen in Folge der Veröffentlichung in Haft, juristisch fußte das auf §219 im Strafgesetzbuch der DDR: „Ungesetzliche Verbindungsaufnahme“. Zwitschermaschine, die andere Band dieses bis dahin einmaligen Punk-Aufbruchs vom Osten in die westliche Welt, sah sich allerdings verschont von staatlichem Zugriff. Zufall? Wohl kaum, gehörte doch jener Entrepreneur Sascha Anderson selbst zu deren Besetzung, er wurde parallel zudem als Informant der Stasi geführt. Der große Coup jener DDR von unten-Veröffentlichung, die es bis in die BBC-Sendung von John Peel und das einflussreiche amerikanische Magazin Maximum RocknRoll schaffte, stellte sich allerdings erst nach der Wende als Inside-Job der Staatssicherheit heraus, um die Szene zu unterminieren. Gelungen ist dieser aufwendige Zersetzungsversuch nicht. Im Gegenteil. Punk in der DDR hat sich trotz aller Repressalien ein Netzwerk geschaffen und fügte dem deutschsprachigen Kulturkanon ein aufwühlendes bisweilen dramatisches Kapitel hinzu.

Mehr zum Thema