Die Punkgeschichtsschreibung wird in ihrer sakralen Nüchternheit dem eigentlichen Witz, dem anarchischen Spaß ihres Sujets selten gerecht. Ein Blick auf historische Jugendzeitschriften und wie diese dereinst mit bunten Haaren und Lederjacke umgingen, bricht diesen heiligen Ernst. Ein Rückblick auf Punks in Foto-Love-Storys und das Ganze mit vielen Zwinkersmileys.
Zeitschriften spielten bei der Verbreitung von Punk in den analogen Anfangstagen der 1970er und 1980er eine gewichtige Rolle. Um den Ruf von der englischen Hauptstadt (Stichwort: London Calling) über den Kanal zu tragen, benötigte es neben Radio und TV vor allem auch gedruckte Magazine. Diese griffen das grelle, bildgewaltige Thema gerne auf und verarbeiteten es für ihren jeweiligen Sprachraum meist ebenfalls grell aber selten richtig gut informiert. Manche Zeitung, das wurde schnell klar, sah nur provokativen Gesten, befremdlichen Looks, ohne sie einordnen zu können – und hörte zudem in der mitgelieferten Musik bloß befremdlichen Lärm. So ging das Bürgerschreck-Momentum von Punk nicht nur in den Lehrerzimmern oder bei Elternversammlungen auf. Reißerische Punk-Artikel in großen Magazinen und Zeitungen wie Stern oder Bild waren die Folge.Doch nicht alle Medien grenzten sich reflexhaft ab und spiegelten Punk als lärmend nihilistische Gefahr für eine junge Generation. Für deutschsprachige Jugendmagazine wie Bravo, Popcorn oder Pop Rocky gab es auch einiges für die eigene Zielgruppe zu holen. Mit kaum weniger Verständnis als die etablierten Titel, aber mit weitaus mehr Affirmation setzte man sich daher der Bewegung aus. In der Rückschau besticht die Repräsentation von Punk in diesen Jugendmagazinen durch ein Meer aus Skurrilität und Stilblüten.
Eine der bekanntesten und folgenreichsten Punksichtungen in der deutschen Jugendmagazin-Historie ist folgende:
Magazine wie Bravo, Popcorn und Pop Rocky berichten in den 1980ern gern über Punkbands. Die Szeneferne der Autor*innen liest man allerdings stets heraus. Warum dann also nicht einfach selbst zum Erzähler werden? Und mit dem märchenhaften, romantischen Format der „Foto-Love-Story“ besitzen die Hefte die perfekte Fiction-Spielwiese. Hier kann Punk endlich das sein, wozu sich real existierende Bands nicht passend verbiegen lassen: eine Projektionsfläche, die den Punk als aufregenden Außenseiter schildert. Gefährlich, frei, begehrenswert und - wenn man genauer hinsieht – eigentlich auch bereit fürs bürgerliche Leben. Sehr schön bringt das die Bravo auf den Punkt mit dieser Geschichte:
Aber erst durch diese redaktionelle Entwaffnung beziehungsweise Umdeutung all der Punk-Protagonisten können sie letztlich erst zu Punk-Love-Material werden. So fangen die Foto-Love-Storys mit Punk-Flavour stets dramatisch an in jener Zeit und gehen dennoch ganz klassisch, ja, konservativ zu Ende. Jugendmagazine haben ihre selbst erfundenen Punks noch stets domestiziert bekommen. Als Belohnung wartet dann schon das knuffige Happy End mit Zukunftsperspektive – von wegen „No future“. Als Kompromiss an die Punk-Patina kann es lediglich sein, dass eine Ratte Zeuge wird, wenn endlich die Münze der Liebe getauscht werden darf. Wie hier bei dieser Spät-Achtziger-Story aus der Bravo. Der Punk ist in diesem Fall übrigens das Mädchen gewesen. Aber eigentlich egal, wir haben eh nur Augen für das Nagetier und diese Sprechblase, die von dem Typen ausgeht ...