Frauenbewegung im Mexiko der 1980er-Jahre  Chavas Activas Punks (CHAP's): Eine Geschichte von Fanzines, Erdbeben und feministischer Rebellion im Mexiko der 80er Jahre

 Spezielles Archiv

Nach dem Erdbeben von 1985 wurde Punk für junge Menschen in Mexiko-Stadt zu Widerstand und Gemeinschaft. Die Oral History von Carlos Acuña erzählt anhand der Stimmen von Las CHAP’s von Selbstorganisation, Feminismus und Rebellion.

Man muss sie sich so vorstellen: kleine dunkle Silhouetten, die mit mürrischer Miene zwischen den Trümmern umherstreifen, dabei aber von der Begeisterung und der Ungeduld typischer Teenager elektrisiert sind: dem Bedürfnis, alles zu zerstören. Es waren die Jahre des staubigen Ruins, als alles in Trümmern lag.

Doch an jenem Tag wurden sie von der Zerstörung überrascht. Es war der 19. September 1985, und man konnte einige von ihnen sehen, wie sie auf Brachflächen Sammelstellen organisierten; minderjährige Mädchen, die von ihren Familien weggelaufen waren, um bei den Rettungsarbeiten mitzuhelfen; mit zu Berge stehenden Haaren halfen sie dabei, die Trümmer eines eingestürzten Gebäudes von Hand zu Hand weiterzureichen; tiefschwarzer Mascara umrandete ihre katzenhaften Augen, bereit, bei allem zu helfen, was nötig war.

„Als der Unterricht ausfiel, machte ich mich aus irgendeinem Grund direkt auf den Weg nach Tlatelolco, einem der am stärksten betroffenen Gebiete. Ich dachte nicht einmal daran, nach Hause zurückzukehren“, erzählt Verónica Maldoror, die damals 14 Jahre alt war. „Plötzlich war es schon Mitternacht, und ich war in einer Hilfsgruppe, half dabei, Kaffee für die Rettungskräfte zuzubereiten oder Trümmer wegzuräumen. Dort lernte ich Reyna kennen, die später ebenfalls zu den CHAPs gehörte.”

Das Erdbeben von 1985 ist die größte Naturkatastrophe, die Mexiko-Stadt in der Neuzeit erlebt hat. Die mexikanische Regierung gab zunächst etwa 3.500 Todesopfer an. Doch keiner glaubte diese Zahl. Im Laufe der Zeit stieg die offizielle Zahl auf über 6.000, wobei internationale Organisationen mindestens 20.000 Tote schätzten.
 
Trümmer und vom Erdbeben von 1985 beschädigte Gebäude in Mexiko-Stadt.

Trümmer und vom Erdbeben von 1985 beschädigte Gebäude in Mexiko-Stadt. | Foto: Roberto Esquivel Sánchez, Oktober 1985 / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0


"Da sie in Gruppen unterwegs waren, waren die Punks und Jugendlichen aus den Banden daran gewöhnt, Lastwagen zu kapern, um zu den Konzerten zu gelangen. Man nannte sie ‚Sonderlastwagen‘. In jenen Tagen zeichneten sich die Punks durch ihre Schnelligkeit aus, wenn es darum ging, Lebensmittel und Werkzeuge zu transportieren oder Rettungskräfte in die Katastrophengebiete zu bringen, da sie bereits viel Übung darin hatten."

Damals war Ana Laura als „Ana Punk“ bekannt. Sie war 16 Jahre alt und organisierte im Stadtteil San Simón die Nachbarn auf einem Gelände, um Einsatzkräfte und Betroffene zu unterstützen.

„Die Chavas Activas Punks (CHAPs) entstanden fast unmittelbar nach dem Erdbeben. Es war eine Möglichkeit, uns Mädchen untereinander zu schützen. Denn nicht alles in der Punk-Szene war cool. Die Banden wiederholten genau die Missstände, gegen die sie eigentlich kämpften. Es gab Übergriffe, es gab Grabschereien, diese ganze Testosteron-Nummer, verstehst du? In unserem Fall erlebten wir Belästigungen und Missbrauch, manche davon ziemlich schwerwiegend. Und wie es in den besten Familien so ist: Niemand sprach darüber. Dieses Schweigen machte uns sehr zu schaffen. Also beschlossen wir, etwas zu unternehmen."

Einige Jahre zuvor hatten sich in den Vororten von Mexiko-Stadt – in Stadtteilen wie Nezahualcóyotl, Álvaro Obregón und Tlalnepantla – „die Banden“ vermehrt: Jugendliche, inspiriert von „The Warriors“ und dem Rock ’n’ Roll, schlossen sich zu Banden zusammen, um ihr Revier zu verteidigen und sich gegen ein Polizeiregime zu wehren, welches willkürliche Verhaftungen und Folter beinahe als Routine betrieb.

Die „Sex Panchitos“ – oder „Franciscos Banda Infernal“ (FBI) – waren die bekanntesten: Die Presse stellte sie als Horden dunkelhaariger, armer Jugendlicher dar, die Passanten überfielen oder Schnapsläden ausraubten. Fernab von Sensationsjournalismus waren die „Panchitos“ in Wirklichkeit ein regelrechter Schwarm von Banden, in denen die verarmten Jugendlichen aus den Vororten ihre eigenen Partys organisierten oder sich mit Faustschlägen um ihre Gebiete stritten.

Einige identifizierten sich mit der Punk-Ästhetik: „Los Mierdas Punks“ aus Neza, „Los Nenes“ aus Álvaro Obregón, die „PND“ (Punks Not Dead). Es gab auch Frauenbanden: „Las Susys Dead“, „Las Infieles“, „Las Castradoras“, von denen die Legende besagte, dass sie Vergewaltiger jagten, um deren Geschlechtsorgane zu verstümmeln.
 

Cruzly blickt mit der Band Meli in die Kamera. | © Sonderarchiv. Mit freundlicher Genehmigung von Verónica Miranda (Verónica Maldoror), ehemals CHAP.

Zu dieser Zeit begann sich eine Gruppe junger Frauen zu treffen. Sie hatten sich inmitten der Trümmer zusammengefunden. Sie kamen aus den Banden am Stadtrand, von den Rockkonzerten in geheimen Hinterhöfen oder vom „Tianguis del Chopo“: jenem berühmten, selbstverwalteten Straßenmarkt, auf dem junge Leute noch immer Platten, Kleidung oder alternative Zeitschriften tauschen.
„Deshalb fingen wir Mädels an, Fanzines zu machen. Denn die Männerfiguren bekamen viel zu viel Aufmerksamkeit: Alpha-Machos, die meist mehr störten als halfen. Wir glaubten, dass Punk keine Sache von Einzelpersonen, Kulten oder Helden war. Es ging darum, anders zu handeln, Selbstverwaltung aufzubauen und Lösungen für unsere Probleme zu suchen – aus eigener Kraft. Das Fanzine war das ideale Medium, um gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen und über Themen zu sprechen, die in männlichen Kreisen nicht angesprochen wurden.”

Die Fanzines waren erst der Anfang: Schon bald trauten sie sich, Bands zu gründen, Konzerte zu organisieren und ein verlassenes Haus zu besetzen, um dort Treffen, Gespräche und Workshops zu Sexualität und Selbstverwaltung abzuhalten.

„Es war nicht immer einfach“, erzählt Rosario Cardoso, alias Morticia, die seit der Gründung Mitglied der CHAP’s ist. „Es gab Spannungen und Meinungsverschiedenheiten. Aber bestimmte Themen schweißten uns alle zusammen. Die Abtreibung war eines davon, für das wir uns stets eingesetzt haben: Wir haben Informationen darüber verteilt und diejenigen begleitet, die sich für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden haben. Das war es, wofür die CHAPs standen.“

Propagandamaterial der CHAP’s, Propaganda 1968 und Zeitschrift „Territorios“. | © Sonderarchiv. Mit freundlicher Genehmigung von Verónica Miranda (Verónica Maldoror), ehemals CHAP.

Bis 2007 galt eine Abtreibung in der mexikanischen Hauptstadt als Straftat, die mit einer Freiheitsstrafe für die Frau, die sie vornehmen ließ, und für das medizinische Personal, das sie durchführte, geahndet wurde. Zwischen 2002 und 2006 verzeichnete das mexikanische Statistikamt INEGI landesweit 197 Todesfälle, die unter der Todesursache „Abtreibung“ erfasst wurden: 27 davon in der Hauptstadt. Wenn jedoch eine Frau in einem Krankenhaus an den Folgen einer Abtreibung starb, wurde die Todesursache – um Probleme zu vermeiden – meist als geburtshilfliche Blutung oder Atemstillstand angegeben. Einige zivilgesellschaftliche Organisationen schätzen, dass vor der Entkriminalisierung der Abtreibung im Jahr 2007 die Zahl der Todesfälle durch unsichere Abtreibungen landesweit jährlich bis zu 1.500 betragen könnte.

Abtreibung, freie Sexualität, Selbstständigkeit oder als alleinerziehende Mutter zu leben, waren Verhaltensweisen, die vom Gesetz und von der Moral bestraft wurden. Mit zerrissenen Hosen und hochgestellten Haaren herumzulaufen, war Grund genug, aus der eigenen Familie ausgeschlossen zu werden.

„Unsere Welt war klein“, sagt Verónica Maldoror. „Fernsehen, einen gewalttätigen Kerl heiraten, schwanger werden, uns dem Haushalt widmen. Wir waren noch Kinder, aber es tat uns schon weh, Frauen zu sein.“

Doch dann kam das Erdbeben, und sie beschlossen, alles in die eigenen Hände zu nehmen: Punkbands zu gründen, sich unter alleinerziehenden Müttern zu organisieren, sich von Anwältinnen gegen sexuellen Missbrauch beraten zu lassen, Vorträge mit Sexologinnen zu veranstalten, Demonstrationen zu organisieren, Treffen mit Gewerkschaften abzuhalten und weitere Konzerte zu veranstalten.

„Es ist schon merkwürdig, wie die Zeit vergeht“, sagt Morticia, 55 Jahre alt, die Augen noch immer mit pechschwarzer Wimperntusche. 1985 bebte es zweimal: das erste Mal zwei Minuten lang, das Nachbeben eineinhalb Minuten. Für mich schien diese Zeit endlos.

Zwei Minuten, eineinhalb Minuten. Genau so lange, wie ein Punk-Song dauert.

„Ich möchte niemanden verurteilen“, sagt Ana Punk von Irland aus. „Aber ich muss lachen, wenn ich sehe, wie sich die Punk-Helden der 80er für ein bisschen Geld oder Status verkaufen.“ Die Mädels nicht. Keine von den CHAPs ist so geendet.
 

Zappa, ein ehemaliges Mitglied der CHAP’s, bei einem Konzert. | © Pablo Gaytán


Ana kam nach Irland, nachdem sie sich 1994 der Zapatistischen Nationalen Befreiungsarmee (EZLN) angeschlossen hatte: einem großen bewaffneten Aufstand der indigenen Bevölkerung im Süden des Landes, der als erste globalisierungskritische Bewegung gilt, der es gelang, dank der Nutzung des Internets als revolutionäres Kommunikationsmittel ein internationales Netzwerk aufzubauen.

Ana lernte die EZLN kennen, als sie für „Amor & Rabia / Love & Rage“ schrieb, eine binationale Zeitung, die sie nach Chiapas geschickt hatte, um die zapatistischen Frauen zu interviewen. Sie blieb ein paar Jahre bei dieser Bewegung und lernte dort den Vater ihrer Kinder kennen. In Irland engagiert sie sich heute in Organisationen für das Recht auf Wohnen.

Verónica Maldoror ist heute Schriftstellerin und Kulturmanagerin. Sie ist weiterhin in einigen Bands als Musikerin und Sängerin aktiv. Sie sagt, dass sie die Nachbeben von 1985 immer noch spürt. Am 19. September 2017 wurde durch ein weiteres Erdbeben erneut halb Mexiko-Stadt zerstört. Aufgrund der äußeren Umstände hat sie in Regionen gelebt, in denen gewaltsames Verschwinden und geheime Massengräber an der Tagesordnung sind.

Nur wenig habe sich geändert, sagt sie.

Es freut sie, dass die Frauen von heute in großer Zahl auf die Straße gehen, dass sie Belästigung anzeigen, dass vor allem sie es sind, die in den Hochlandregionen und Bergen nach Vermissten suchen.

Morticia betrachtet die Gegenwart mittlerweile mit Ironie. Sie ist stolz darauf, unabhängige Kulturmanagerin zu sein, einen Filmclub in ihrem Haus zu betreiben und Workshops für Kinder zu geben. Sie räumt ein, dass der heutige Feminismus seine Schwachstellen hat, die sogar lächerlich wirken können, aber sie weiß, dass die Massendemonstrationen, die Anprangerung von Belästigung, die Einstufung von Femizid als Straftat und die Legalisierung der Abtreibung Errungenschaften sind, die viel mit dem zu tun haben, was sie vor vier Jahrzehnten forderten.

„Heute sagen viele, der Punk sei tot“, sagt Morticia. „Ich weiß nicht, wovon sie reden. Für uns Mädchen, die damals dabei waren, für die CHAPs war der Punk eine Art Wurzel. Eine Wurzel, die alles verändert hat, die uns vor der Einsamkeit und der Isolation bewahrt hat. Eine Wurzel, die uns bis heute trägt und am Leben hält.“