Philadelphia / West Chester, PA Live
Die Servicekräfte in dem deutschen Lokal tragen Lederhosen oder Trachten, die keine Tradition haben. Die Stoffe wirken so, als dürfte man mit ihnen Feuer nicht zu nahe kommen. In dem Laden ist es so kalt, dass sich mir die Haare an den Beinen aufstellen. Ich sitze am Tresen und versuche dem Kellner zu erklären, welches Spiel ich schauen will – German Football, sage ich und er gibt mir die Fernbedienung. Nachdem ich den Bundesligakanal gefunden habe, schießt Aleksandar Pavlovic das 2:0 für den FC Bayern München gegen meinen Herzensverein. Es ist die neunte Minute des Spiels. Meine Stirn liegt auf der polierten Holzplatte, eine Kellnerin stellt ein Beck’s Glas mit Jever Pils daneben. Are you okay, Honey? Yes, it is just that my Team is losing, sage ich. Ah, that sucks, sagt sie. Yeah, they suck, sage ich. But they just got relegated after trying it for seven years and now we are where we belong, you know, sage ich, aber da trägt sie schon eine Schweinshaxe davon.
Während ich zuschaue, wie die Bayern noch drei weitere Tore schießen, versucht ein älterer Mann seine deutlich jüngere Partnerin auf ihren ersten Oktoberfestbesuch in München vorzubereiten. I was there a couple of times, sagt er. Er bestellt nach einander jedes der deutschen Biere auf der Karte, aber ihr scheint keines zu schmecken und auch vom Hendl ist sie nicht besonders angetan. Zu mir sagt sie: But i love Chicken. You have to prepare for Germany, sagt der Typ und schaut mich dabei an. Yes, i guess, sage ich und deute dem Kellner an, dass ich zahlen will.
Am nächsten Tag treffen Sonali und ich uns vor dem Hotel. Wir heben die Koffer in das Uber, meiner wird immer schwerer. Im Auto fragt uns die Fahrerin wo zur Hölle wir denn hinwollen. Das ist ja außerhalb von Philadelphia, sagt sie während sie die Karte auf ihrem Handy vergrößert. Das dauert ja über eine Stunde, sagt sie. Wir fragen sie, ob sie nicht gesehen hat, wohin wir wollen, als sie die Fahrt angenommen hat. No, it just said: Long drive, sagt sie. Und: They don’t tell us shit. I will only get 20 Dollars from this. Wir zahlen über 100. Oder das Goethe-Institut. Also die deutschen Steuerzahler. That is fucked up, sagen wir. Yeah, sagt sie und drückt aufs Gaspedal. Sie hat schlechte Laune, wir auch, aber wir haben auch keinen Führerschein und dorthin, wo wir heute auftreten und unsere Texte lesen werden, kommt man nur mit dem Auto. Als sie uns in West Chester abliefert und wir ihr Trinkgeld geben, verbessert sich ihre Laune etwas, aber nicht wirklich und auch wir finden immer noch, dass das nicht fair ist.
West Chester sieht aus, wie Stars Hollow aus Gilmore Girls, sage ich und Sonali findet das auch. Früher, endete diese Straße in einem Kornfeld, wird uns erzählt, heute wächst hier die Stadt. Ich trinke Iced-Americano, Sonali trinkt einen Tee und wir sitzen schon wieder im Auto. Die Straße hat viele Kurven, weil sie den alten Bäumen ausweicht, das ist Quäkerland, wie uns erzählt wird. Ich lese auf dem Handy den Wikipediartikel zu Quäkertum, bis mir schlecht wird. Hier gibt es viele Bäume.
In der alten Scheune stapeln sich die Bücher, unter ihnen biegt sich das Holz, jeder Schritt durch die Scheune lässt die Dielen knarzen. Hier leben drei Geister, erzählt uns die liebenswürdige, ältere Dame, die zusammen mit ihrem ebenso liebenswürdigen, älteren Mann das Baldwin’s Book Barn im Chester County betreibt. Es ist ein für US-amerikanische Verhältnisse altes Gebäude, es riecht nach altem Holz, altem Papier und kaltem Stein, wie in Europa. Ich denke an Geister. Draußen scheint die Sonne. Das Gebäude steht auf einer dieser Wiesen, auf die das so Licht fällt, wie das Klischee US-amerikanischer Filme: sattes Grün, freistehende Bäume, hängende Äste und irgendwo weht eine US-amerikanische Flagge, Gegenlicht.
Wir sitzen an einer langen Holztafel und trinken Cider. Sonali liest einen Text, dann lese ich einen von meinen, dann sprechen wir über unsere Texte und beantworten Fragen. Einige kennen wir bereits und viele werden wir noch öfter hören auf dieser Reise. Am meisten zu sagen haben die Frauen in der Runde, die Männer schweigen eher, viele sind auch gar nicht gekommen und auch ich höre zu. Ich weiß sowieso oft nicht, was ich zu meiner Arbeit sagen oder wo ich anfangen soll. Es ist aber wieder so, dass Sonali öfter angesprochen wird, wie die Figur von der sie erzählt. Dir wird Literatur zugetraut, sagt sie mir später im Auto, mir Erfahrungsberichte. Dabei ist dein Text viel fiktionaler, als meiner, sage ich. Eine der Frauen der Runde hat gesagt, dass sie einen meiner Sätze nicht vergessen wird. Es ist einer der wenigen, die nicht stimmen: „Ich habe nicht viel Text, aber ein Maschinengewehr.“
Wir fahren in die Stadt. Wir stehen an der Kreuzung. Aus dem Fenster sehen wir, Menschen vor einer Kirche, einige von ihnen auf den Knien, es sieht so aus, als würden sie beten. An die Außenwand der Kirche haben sie ein zwei Meter großes Bild von Charlie Kirk gelehnt. Ein paar von ihnen haben Tränen in den Augen. Dann wird es grün.
Wir wollen noch etwas essen, bevor unser Zug nach Washington fährt. Wir bestellen Burger, ich bestelle Bier. Sonali bestellt eine Cola. Ich probiere das lokale Bier, es schmeckt mir gut. Wir sitzen draußen, die Straße ist für Autos gesperrt, die Menschen gehen an uns vorbei spazieren. Zum ersten Mal seit wir hier sind, sehen wir Menschen, die MAGA-Caps tragen. Sonali und ich schauen uns an, dann kommen unsere Burger. Dann eskaliert es.
Auf der gegenüberliegenden Straßenseite schreien sich zwei Männer an. Der eine ist für, der andere gegen Trump. Der eine sagt: Donald Trump ist ein Pädophiler, der andere sagt, dass das eine Lüge sei. Dann wollen sie sich prügeln. Ich weiß nicht, ob sie das überleben würden, sie sollten aufpassen, dass sie nicht hinfallen. Sie sind wirklich alt. Wir essen weiter. Neben uns essen drei Frauen, auch sie tragen diese Caps. Alle sind weiß, mit Sonali scheinen sie ein Problem zu haben. Ich frage sie ob Sonali ob sie gehen will. Die Frauen am Nebentisch fragen uns, ob bei uns alles okay ist. Es ist klar, dass ihnen die Antwort egal ist. Sie fragen auch nicht wirklich, sie drohen. Jetzt sprechen sie, extra laut, damit wir sie verstehen, darüber, wie schwer es für sie ist, als weiße Frauen, gerade heute.
Wir warten in der Joseph-R.-Biden-Railroad-Station in Wilmington und ich denke immer noch an Geister. Als der Zug losfährt, es ist mittlerweile dunkel, denke ich an das, was uns bevorsteht.