Washington, DC & Front Royal, VA  Americans with guns, Germans without Drivers License & the art of losing Jobs

Portrait von Iven Yorick Fenker auf orangenem Hintergrund mit einer Hand, die einen Stift hält © Ricardo Roa
Am Bahnhof in Washington, D.C. begrüßen uns Soldaten. Sie patrouillieren durch die Eingangshalle. Das Echo der Rollkofferrollen übertönt ihre Schritte. Sie sehen aus, wie die Jungs früher auf dem Schulhof, sagt Sonali. Ja, sage ich, früher hätte ich Angst, dass sie mich verprügeln. Die Maschinengewehre machen mir keine Angst, aber ich fühle mich definitiv nicht sicher. Draußen ist es dunkel. In der Ferne leuchtet das Capitol. Wir warten auf das Uber zum Hotel, wir steigen ein, mein Koffer ist schon wieder schwerer geworden. Ich folge dem Auto auf der Karte. Von unserem Hotel zum Weißen Haus ist es nur eine Viertelstunde. Ich gehe heute Nacht noch spazieren, sage ich zu Sonali. Ich gehe heute nur noch ins Bett, sagt sie.

Und wie war es gestern? fragt mich Sonali beim Frühstück. Es ist halt kleiner, als man denkt, obwohl man denkt, dass es kleiner sein wird, als man gedacht hat, sage ich. Und? fragt sie. Mehr habe ich nicht zu sagen, sage ich. Ich weiß doch auch nicht, Macht kann man nicht sehen, Macht spürt man, sage ich. Wir beginnen den Tag schon wieder mit fettigem Essen und dünnem Kaffee. Es fühlt sich an, als wäre man irgendwo zuhause, sagt Sonali. So lange waren bisher noch nicht an einem Ort, aber ich bin hier nicht zuhause.

Draußen vor dem Hotel ist ein Pool. Die Sonne scheint, aber der Pool bleibt nach Labor Day geschlossen. Cool, a Pool! ruft ein Kind in der Lobby. It is too late, Sweetheart, sagt seine Mutter.

Wir fahren aufs Land. Mittlerweile sind wir Uber-verwöhnt. Sonali schläft, ich schaue aus dem Fenster. Vorne am Armaturenbrett weht eine kleine US-Flagge im Wind der Klimaanlage. Eineinhalb Stunden vergehen, dann sind wir in Virgina. Was macht ihr hier, werden wir oft gefragt, im Buchladen, im Outdoor- und Souvenirshop, in der Brauerei, beim Burger-Essen und wir fragen uns das auch. Ich glaube der Plan war das Land zu sehen. Außerdem hat hier eine Schlacht des Bürgerkriegs stattgefunden, hier liegen viele Tote begraben. Washington fühlt sich hier fern an und der neue Bürgerkrieg, von dem täglich im Fernsehen gesprochen wird, der findet nicht hier statt, oder doch? Es ist ruhig hier. Das sagen uns auch alle, mit denen wir sprechen. Und was kann man hier machen? Alle sagen uns: Wandern. Also gehen wir spazieren.

Wir stehen auf einem Parkplatz, der so groß ist, wie ein Dorf. Vereinzelt parken hier einige Autos, es beginnt zu dämmern, in der Ferne erheben sich bewaldete Hügel. An der Straße entlang tragen ein paar Bauarbeiterinnen und Bauarbeiter ihre Werkzeuge auf den Schultern. Ich schaue einen Moment nicht hin und sie sind verschwunden. Lange starre ich auf die Bäume hinter der Straße. Dann geht dort ein Licht an. In diesem Dickicht steht ein Zelt.

Auch hinter dem Starbucks, in dessen Außenbereich wir darauf warten, dass Uber uns eine Rückfahrt vermittelt, campieren Menschen. Ich habe sie Gitarre spielen hören, als ich zu CVS auf der anderen Seite des Parkplatzes gegangen bin, um mir ein Bier zu holen. Auf dem Rückweg stelle ich mich zu ihnen. Sie haben mittlerweile ein kleines Lagerfeuer gemacht. In der Ferne gehen bei Goodwill die Lichter aus.

Uber hat uns im Stich gelassen oder wir waren fahrlässig. Das Goethe-Institut sucht schon Hotelzimmer für uns in Virgina, aber meine Medikamente liegen in Washington. Für 300 Dollar findet sich schließlich doch noch eine Möglichkeit zurück zu kommen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln brauchen wir laut Google Maps über zwei Tage. Ich habe mir das nicht genau angeschaut, ich war aber überrascht, dass es überhaupt möglich wäre. Jetzt sitzen wir in einem Truck, vorne sitzt ein Paar, er hatte gerade Schicht in der Fabrik, sie hat Nachtschicht. Ich frage sie, ob es sich lohnt hier draußen Taxi zu fahren. We mostly drive old people, sagt sie. And Germans without a drivers license, sage ich und wir lachen.

Am nächsten Tag regnet es in der Hauptstadt, aber es gibt immer mal wieder Momente, in denen es aufklart. Auf der Rückseite des Weißen Hauses bildet sich vor einem Security Check eine Schlange in zwei Richtungen. In den Fahrerkabinen sitzen Bauarbeiter mit Augenringen, die Schutt aus dem Weißen Haus transportieren. Die Fahrzeuge auf der anderen Seite sind mit Zement beladen.

Vor dem Weißen Haus steht ein schwarzer Mann, der MAGA-Caps verkauft. Charlie Kirk used to wear these! ist sein Werbespruch. Wir bleiben vor ihm stehen. Wir sollen englisch sprechen, sagt er zu uns. You are in America! Wenn wir hier in Arizona wären, würde er uns erschießen, sagt er, aber wir sind nicht in Arizona.

Wir sind im National Museum of African American History and Culture, draußen regnet es in Strömen.

Es regnet immer noch, ich stelle mich am Abraham Lincoln Memorial unter. Dann fahre ich mit dem E-Scooter durch viele Pfützen.

Wir sind in einer Pizzeria und Teil der Lesereihe von The Inner Loop. Neben anderen Autor*innen lesen wir Auszüge unserer Texte. Die Gespräche danach sind herzzerreißend und geprägt von Solidarität und Interesse. Viele Kollegen erzählen von Struggle. I just lost my job because of the cuts of the Trump admin, erzählt mir eine Lyrikerin, die natürlich nicht von Gedichten leben kann. Oh, that is terrible, sage ich. Oh, nevermind, i just got another, sagt sie. Das höre ich öfter an diesem Abend. Job verloren, who cares, dann macht man halt was anderes. Draußen regnet es immer noch.

Am nächsten Tag scheint wieder die Sonne.