Charlotte, NC  Free Speech on the Freeway

Portrait von Iven Yorick Fenker auf hellblauem Hintergrund mit einer Hand, die einen Stift hält © Ricardo Roa
Wir verlassen am Ronald Reagan Washington National Airport den Boden und fliegen über das Pentagon. Später landen wir in North Carolina. Abends esse ich, was mir die Seele wärmt. Das weiße, fettige Gebäck tauche ich in die Okrasuppe. Wenn ich den Teig zu lange der Flüssigkeit aussetze, verliere ich ihn auf dem Weg zum Mund. Mein Dolce und Gabbana Hemd hat schon mehrere Flecken. Der nette Kellner empfiehlt mir, was seine Mutter immer für ihn gemacht hat, wenn er traurig war und ich kann eine Aufheiterung gebrauchen. Er bringt mir Lachskuchen, grüne Bohnen und Maisbrei. Dazu trinke ich das lokale IPA. Eiskalt läuft es mir die Speiseröhre herunter, in meinem Magen bleibt es warm. Im Lokal lachen die Menschen, draußen ist kaum jemand auf der Straße. Es gibt keine Sitzmöglichkeiten.

Am nächsten Morgen sitzen wir mal wieder im Uber. Unser Fahrer ist nett. Er hat Lust sich zu unterhalten. Wir haben eineinhalb Stunden vor uns und auf dem Freeway gibt es einen Stau. So wie wir, ist auch unsere Unterhaltung gerade ins Stocken geraten, nachdem uns unser Fahrer gesagt hat, dass er eine Waffe in der Beifahrertür hat, falls es Ärger geben sollte, wie er meint und eine Shotgun im Kofferraum, weil er in die Stadt musste und Charlotte von den Demokraten regiert wird. Also versuchen wir Ärger zu vermeiden und die Stadt haben wir mittlerweile verlassen.

Ja, das Land mag ich lieber, sagt unser Fahrer, nachdem wir eine Weile nichts mehr gesagt haben. Warum wir aber ausgerechnet zum Davidson College wollen, fragt er? Das sei schön, wie er zugeben müsse, aber eben liberal. Was er genau damit meint, wollen wir wissen. Seine Ausführungen sind schwer zu ertragen. Zwischen Sätzen wie „Die manipulieren das Essen, damit niemand mehr ein Mann sein will.“ und „Medikamente bringen Trans-Menschen dazu Amok zu laufen“ oder „Mein bester Freund ist beim Kuk-Kluks-Clan und der hat gegen niemanden etwas.“ streut er immer mal wieder ein „ – aber das ist nur meine Meinung!“ ein. Seine Weltsicht duldet trotzdem keinen Widerspruch, kennt nur eine Wahrheit und ist gegen Fakten imun. Am wichtigsten sei ihm Free Speech, sagt er und dass wir das in Europa ja gar nicht gelernt hätten. Als Sonali die Seriosität einer seiner Quellen hinterfragt, wird er rot im Gesicht. Wir könnten ihm alles vorwerfen, sagt er und ihn auch nennen, wie wir wollen, aber eines sollen wir besser nicht behaupten und zwar, dass er uninformiert sei. Während das Rot aus seinem Gesicht langsam verschwindet, denke ich über die Widersprüche zwischen einer Shotgun und Free Speech nach.