Atlanta, GA  Autorentheater

Portrait von Iven Yorick Fenker auf hellblauem Hintergrund mit einer Hand, die einen Stift hält © Ricardo Roa
Wir suchen den Busbahnhof in Charlotte. Er müsste irgendwo hier sein, sagt der Uberfahrer. Ich kenne niemanden, der mit dem Bus fährt, sagt er und zuckt mit den Schultern. Dann steigen wir aus. Mein Koffer ist mittlerweile lächerlich schwer. In der Ferne sehen wir einen grünen Bus abfahren. Ich dachte wir fahren Greyhound, sagt Sonali. Flixbus hat Greyhound gekauft, sage ich. Ich hatte auch von einem alten Bus geträumt. Gestern vor dem Einschlafen habe ich im Hotelbett in On the Road gelesen.

Der Busbahnhof ist nahezu verlassen. Es gibt einen Schalter, aber das Fenster ist mit dem Karton alter Amazon-Pakete abgeklebt. Auf den Bänken schlafen zwei Menschen, die größere Taschen zu tragen haben, als ich. In der Ecke flackert das Licht eines Snackautomaten. Daneben steht ein Mann und starrt in eine an die Wand gekettete Mikrowelle, in der sich ein Cheeseburger aus dem Automaten dreht.

Ich schaue aus dem Fenster und denke nach. Dann schlafe ich ein. Als ich aufwache biegen wir gerade auf einen Parkplatz, auch hier campieren Menschen. Neben der Tankstelle brennt ein Lagerfeuer. Wir haben 15 Minuten um uns Snacks zu holen, sagt die Busfahrerin. Ich hole mir ein kaltes Bier und eine warme Diet Coke, gekühlt gibt es nur die mit Zucker. Von den Snacks will ich nichts, weil die alle eine Farbe haben, die sie nicht haben sollten.

Im Bus bricht ein Streit aus. Ich weiß nicht worum es geht, aber gibt Handgreiflichkeiten. Über den Gang rollt eine Wodkaflasche.

Der Busbahnhof in Atlanta ist eingezäunt. Vor den Toren legt ein schwarzer Polizist gerade einer schwarzen Frau Handschellen an. Irgendwo dahinter Geschrei. Wir gehen auf die Drehtür zu, dann steigen wir in das Uber. Aus den eingebauten Boxen kommt lauter Trap, der Fahrer hat meinen Koffer zum Baseballschläger im Kofferraum gelegt.

Heute Abend sind wir im Theater verabredet. Wir warten. Die Tür zur Bühne bleibt länger geschlossen, als angekündigt, auf dem Gang lese ich den Programmzettel. Erst jetzt realisiere ich, dass unser Kontakt in Atlanta, der uns gerade vor dem Theater begrüßt und uns hineinbegleitet hat, gleich auf der Bühne stehen wird. Er steht außerdem als Regisseur im Programm. Den Einlass macht seine Frau, mit der er zusammen das Theater leitet. Weil die Technikerin im Krankenhaus liegt, fährt der Autor den Abend. Er sitzt hinter dem Lichtpult und wechselt zwischen den Lichtstimmungen. Immer wieder dimmt er das Licht zu früh herunter oder schaltet einen Scheinwerfer aus, in dessen Licht eine der Schauspielerinnen eigentlich ihren Monolog halten wollte. Nun steht sie im Schatten. Ihr Gesicht ist kaum zu sehen. Während sie spricht sucht sie mit vorsichtigen Schritten das Licht.
Funny, denke ich, ja in den USA hat der Autor noch mehr Einfluss auf das was auf der Bühne passiert.

Später im Auto spreche ich mit dem Schauspieler/ Regisseur/ Theaterleiter über Theater in Berlin. Er hat Abende gesehen, die ich auch gesehen habe. Wir kennen auch die gleichen Leute. Die Welt ist klein, sage ich. Hinten sagt seine Frau: Wenn die Männer mal wieder nur untereinander sprechen, können wir das hier hinten auch: How are you, Sonali?

In den USA gibt es kein Regietheater. In den USA sagt man zu dem, was in Berlin auf den Bühnen passiert: Eurotrash. In den USA hat der Autor mehr Macht, als in Europa. Und überall das Patriarchat.