Orlando, FL  Die Zeit, die Zeit

Portrait von Iven Yorick Fenker auf hellblauem Hintergrund mit einer Hand, die einen Stift hält © Ricardo Roa
Florida von oben betrachtet ist vor allem Wasser, sonst Fläche, wie überall. Am Boden ist es warm, die Luft umhüllt uns feucht. Anyone who offers you ride, should not give you a ride, steht auf Aufstellschildern in der Kiss-and-Ride-Zone des Flughafens. Erst nachdem wir die Ausfahrt genommen haben bemerken wir, dass wir nicht in unserem Uber sitzen. Ihr müsst immer vorher fragen, wohin das Auto fährt, in das ihr steigt, sagt der Fahrer.

Erleuchtet ist die Nacht. Wir gehen über Parkplätze. Aus Gullys fließt ein Strom, niemand ohne Auto, Scheinwerfer auf Palmen.

Orlando ist groß, die Universität hier ist die größte des Landes. Wir bekommen eine Tour. Wir sitzen in einem Golfcar, unsere Fahrerin fährt so schnell, wie zu spät kommende Studierende. Ab und zu muss sie hupen, vor uns springt ein Student aus dem Weg und landet im Gestrüpp. Weiter hinten springen junge Menschen in einen Teich, in den dessen Mitte eine Fontänenshow.

Sonali und ich nehmen einen Podcast auf. Ich stolpere ab und zu über mein Englisch, Sonali mal wieder perfekt und schlagfertiger als ich. Wenn ich nur schneller denken könnte, denke ich, aber…

Das ist ja das Tolle hier, denke ich, jetzt beim Schreiben dieses Textes; dass die (US-Ameriker:innen) alle so sofort (da) sind. So schnell, so smart, so einnehmend direkt, nicht so passiv (aggressiv) deutsch. Was natürlich auch daran liegt, denke ich, dass man sich Müdigkeit leisten können muss oder ihr nachzugeben oder was weiß ich, denke ich – und im Nachhinein betrachtet und bezogen auf die Gegenwart wird ja alles auch immer schlimmer, gefühlt, aber auch wirklich.

Zurück in Berlin arbeite ich wieder als Nachrichtenjournalist und ich kann das alles nicht mehr glauben. Jede Schlagzeile, ein Schlag und der Verlust von Gewissheiten. Wie soll man denn so leben? Das geht doch nicht mehr lange gut. Kämpfen jetzt, kämpfen.

Mit der Zeit verblassen die Erinnerungen nicht, nur die Gewissheiten. Ich muss dringend den Freund:innen (?) in den USA schreiben. Jetzt wo, die USA uns offiziell verachten. Aber das wusste man ja schon und wir waren ja trotzdem da und trotzdem, die Zeit, die Zeit.

Ich hoffe wir konnten Euch zeigen, dass wir mehr sind als Disneyland, hat uns unsere Gastgeberin beim Abschied gesagt. Ich hoffe, wir konnten zeigen, dass Europa – aber ich weiß nicht was ich sagen soll.