Miami, FL After Sun
Plötzlich fallen wir ein paar Meter. Das ist normal, sagt der Pilot, aber ich habe Flugangst. Sonali hält meine Hand, ich tue ihr weh, aber sie lächelt. Florida Flights are bumpy, sagt mein Sitznachbar. Bis eben hat er noch am Fenster gelehnt geschlafen, unten am Boden eine Golflandschaft. Auf dem Helikopterlandeplatz steht TRUMP. Auf der anderen Seite das Meer.
Ey, ich war noch nie in so einem krassen Hotel, sagt Sonali im Fahrstuhl; Du? Unser Gepäck wurde uns abgenommen, ich habe schon wieder einen Koffer mehr und kann das alles sowieso nicht mehr alleine tragen. Ich habe schon herausgefunden, wo auch in Miami ein Goodwill ist. Aber mit Blick auf die anderen Hotelgäste mache ich mir wenig Hoffnung. Auf meinem Zimmer trinke ich den Begrüßungs-Bellini, den wir am Empfang bekommen haben und denke über Mar-a-Lago-Faces nach.
Vom Pool auf dem Hoteldach aus kann man das Meer sehen. Das Wasser ist still, das Meer ist nicht zu hören, nur die Popmusik nervt und das Bier ist teuer, aber aus Italien. Life is good. Die Sonne scheint. Die Blicke wegen meiner knappen, roten Speedo ignoriere ich. I am European, denke ich und zucke mit den Schultern. Another Peroni, Sir? Sure, sage ich, sure.
Tausende verbotene Bücher in Florida, Tendenz steigend. Schön irgendwie, denke ich. Dass sie Angst vor Büchern haben. Das heißt ja auch, dass Literatur eben doch Macht hat. So kann man das ja auch sehen, denke ich, während ich mir anschaue, was im Regal mit verbotenen Büchern steht. Dann muss ich lachen. Anne Franks Tagebücher wegen sexuell expliziten Stellen zu verbieten, ist schon ziemlich lächerlich.
Bei Books&Books wurden Bücher deutscher Autor*innen ausgelegt. Für euch, sagt die Buchhändlerin. Wir werden später hier lesen. Sonali hält das Buch von einem unserer Professoren in den Händen, dann gibt sie es mir. Ich öffne es, dann mache ich es zu. Ganz schön schwer, denke ich. Zwischen dem Literaturinstitut und hier, ein Ozean.
Sonali und ich versuchen es mal wieder. Wir gehen spazieren. Was verrückt ist. Jedenfalls denken das wohl alle von uns. Es ist nicht das erste Mal, dass jemand anhält und fragt ob wir Hilfe brauchen.
Wir essen kubanisch. (Was auch sonst?) Wenn Wahl ist, ist das ein Pflichttermin hier für die Republikaner, hören wir. Das sind konservative Kubaner. Das Essen ist fettig und macht müde. Jetzt eine Runde Schlafen, denke ich. Ich spüre, wie das Bier eiskalt in mir herunterläuft.
Dann wieder Spaziergang und natürlich Goodwill. Beste Ausbeute bisher. Zwei Brooks-Brothers-Anzüge, das alte Brooks Brothers, das Gute.
Im Club läuft Musik, bei der sich bei mir zum ersten Mal alles gedreht hat. Komisch oder? fragt Sonali. Dass die hier keine neuen Lieder spielen. Der Club wird immer voller. Er ist erfüllt von Millenial-Pop-Nostalgia.
Weil ich nicht schlafen kann, gehe ich in eine Spätvorstellung. One Battle after another, bis es wieder hell wird.
Es regnet draußen in Strömen. Der Kaffee ist wässrig. Auf dem Fleisch platzen leise die Fettbläschsen und alles ertrinkt in Ahornsirup. Geht es dir heute nicht gut? fragt Sonali und ich zucke mit den Schultern. Melancholie ist schön im Urlaub. Aber das hier ist auch Arbeit und außerdem wird es immer schwieriger sich der Weltlage zu entziehen. Morgen scheint wieder die Sonne.
Wir liegen am Strand. Neben uns verbrennen andere Touristen. Neben uns drei Girls, eine Party. Sie trinken Weinbrand aus der Flasche, kippen Cola nach und schreien, dass sie in Miami sind. Sie tanzen und hauen sich gegenseitig auf den Arsch. Immer wieder rennen sie ins Meer, bis sie umfallen und von den Wellen wieder an Land gespült werden. Ich schaue ihnen zu während ich ein Modelo trinke. Ich bin Rettungsschwimmer and i like a party.
Immer noch am Strand, mit Sonnenbrand, der Sand ist Lava. Das Meer ist grau und warm. Draußen fährt ein Boot mit einer großen LED-Werbetafel. Wir liegen auf Liegen und im Schatten. Enjoy Diet Coke! Dann zeigt der Bildschirm Immobilienanzeigen. Dann kann ich nichts mehr erkennen. Das Werbeboot fährt an der Küste entlang in Richtung Norden.
Ich habe einen Pass von Lionel Messi bekommen. Das ist die eigentliche Geschichte. Lionel Messi hat mich gesehen und unter allen. Es senkt sich ein Ball von Lionel Messi in Zeitlupe und ich muss nur den Kopf hinhalten, aber ich ziehe zurück. Meine Mutter hat früher immer gesagt, man wird dumm von Kopfbällen.
An der LED-Anzeige läuft die Zeit herunter. Miami führt unverdient gegen Chicago. Und Lionel Messi schießt schon wieder übers Tor. Der Ball fliegt aus dem Stadion in die Nacht.