Houston, TX  Tacos, Waffen, keine Cowboyboots

Portrait von Iven Yorick Fenker auf orangenem Hintergrund mit einer Hand, die einen Stift hält © Ricardo Roa
Texas sieht anders aus, als ich es mir vorgestellt habe und Cowboyhüte haben ich auf mehr Köpfen am Flughafen in Miami gesehen als hier in Houston, wo wir auf unser Gepäck warten. Ich habe mir noch einen Koffer gekauft und bin mir gerade nicht mehr sicher, wie der neue Koffer aussieht. Sonali erkennt ihn und lacht mich aus.

Houston ist eine tolle Stadt um Auto zu fahren, sagt unser Uber-Fahrer. Hier führt der Highway direkt durch die Stadt, sagt er und beschleunigt. Die Sonne geht gerade unter, im Gegenlicht ein Vogelschwarm.

Wir gehen schon wieder spazieren. Schon wieder macht das überhaupt gar keinen Sinn oder Spaß. Es ist viel zu heiß, zu laut und es gibt nichts zu sehen. Ich fotografiere ein paar Liquor-Store-Schilder aus Neonröhren, sonst ist hier nur hitzereflektierender Beton.
Dann auf einmal eine grüne Straße und Traumhäuser. Ich weiß nicht ob das der amerikanische Traum ist oder der universelle Wunsch nach Grundbesitz und schönen Cafés in Laufweite. Was uns hier hergebracht hat ist mein Wunsch in Thrift-Store-Hallen nach Schätzen zu suchen. Houston ist als Vintage-Stadt unterschätzt. Ich werde mir später einen noch neuen Koffer kaufen, in dem ich die Goodwill-Fundstücke verstaue. Drei Anzüge, Brooks Brothers, Calvin Klein und Oscar de la Renta. Hemden, Polos und Krawatten. Immer wieder probiere ich Cowboyboots, aber es passt mir kein einziges Paar, selbst, wenn sie eigentlich in meiner Größe sind. Später in der Bar lerne ich die ganze Bar kennen. Immer wenn ich mich vorstelle, sage ich: I am Cowboy-Cinderella. Erst am nächsten Morgen fällt mir auf, dass der Witz keinen Sinn macht, denn Cinderella passt ja der Schuh. Gelacht haben alle trotzdem.

In der Nacht träume ich von Erfolg und Reichtum. Ich wache auf, bevor die Sonne aufgeht. Ich starre aus dem Fenster, draußen die Dämmerung, in meinem Magen das viele Fleisch.

Dann ist es morgen und vor uns spielt eine Blaskapelle aus Bayern. Es gibt schon wieder Bier, aus Deutschland. Es ist der Tag der deutschen Einheit. Es werden Reden gehalten und Sonali und ich haben Probleme mit Deutschland. Wir gehen früh ins Bett, keine Träume, vor dem Einschlafen nach Denken an Deutschland.

Sonali und ich haben wieder eine Lesung. Wir sind eingespielt. Ich komme kaum noch ins Stottern. Die Fragen des Publikums können wir beantworten, bevor sie gestellt werden. Wir wissen was kommen wird. Vor der Lesung gab es Bedenken vor Wörtern in meinen Texten. Ich habe keine Angst vor Gesagtem, aber ich fürchte mich manchmal davor, wohin das führt.

Die Nacht verbringe ich mit meinen neuen Freunden, Sonali ist schon im Hotel. Nachdem auch die letzte Bar schließt, sitzen wir auf der Terrasse und warten darauf, dass es hell wird. Ich hatte eine Waffe in der Hand in dieser Nacht und mir hatte Cowboystiefel an. Beide bringe ich nicht mit nach Deutschland.