Berlin, 18. Februar 2026 Die Verbindung über den Teich (groß)
Ich lese im New Yorker einen Artikel mit dem Titel „Inside Russia‘s secret campaign of sabotage in Europe“ und beantrage nach 15 Jahren endlich wieder einen Reisepass.
Mehr Sonnentage als sonst, sagen wir und reiben unsere eiskalten Hände aneinander, während wir versuchen, auf den ungeräumten und nicht gekiesten Wegen die Balance zu halten.
Ich höre mir eine „This American Life“-Episode über die selbsternannten Journalisten und Streamer in Portland an und kaufe mir Netzadapter EU-to-US.
Der Märzwinter kommt wieder, wie jedes Jahr, schreibt meine Freundin Isabel. Ich seufze und sehe auf die matschigen Schneeberge vor den grauen Häuser, grauen Autos, grauen Himmel. In meinem Feed Nachrichten über Grönland und die Nachricht, dass mein ESTA bewilligt wurde.
Jahr des Pferdes ab 17. Februar, versprechen wir uns gegenseitig und beziehen uns auf das neue chinesische Jahr, das im Zeichen des Feuer-Pferdes steht und uns ein großartiges Jahr voller Stärke und Erfolg schenken soll. Wir stoßen mit unserem Bier in fürchterlich verrauchten Eckkneipen an.
Am nächsten Tag drücken mich die Menschenmassen in der U8 zusammen und ich rieche den Rauchgeruch meiner Jacke am Kragen besonders stark. Im „Berliner Fenster“ sehe ich den Wetterbericht: eine weitere Schneewelle. In meinem Handy die Nachricht: Der Flug ist gebucht. Ich atme erleichtert auf. Es passiert wirklich, ich darf diesen Berliner Winter früher verlassen.
Das letzte Mal in den USA war ich 2010. Ich besuchte Familienfreunde in Salt Lake City. Mir wurde erklärt, was Mormonen sind, mir wurde erklärt, dass sie keinen Alkohol und Kaffee trinken und dass es deswegen so viele Eisgeschäfte gibt, da sie gerne abends Eis essen gehen. Ich war fasziniert von dieser winzigen Gruppe, von diesem „Phänomen“, das sich damals so klein anfühlte, so speziell und überhaupt nicht weitreichend.
Sechzehn Jahre später schreibt das New York Magazine in der Headline: „How Mormons conquered Pop Culture“, und ich wurde schon längst darüber aufgeklärt, dass es eben nicht mehr Mormons, sondern „Members of the Church of Jesus Christ of Latter-day Saints“ heißt.
Das Land, das ich in knapp zwei Wochen besuchen werde, ist nicht nur auf dieser Ebene nicht mehr dasselbe. Es ist auf so vielen Ebenen verändert, und ich bin ihm bis jetzt nur über meinen exzessiven US-amerikanischen Medienkonsum begegnet. Ich bilde mir ein, ein Bild zu haben. Doch ich weiß genauso gut, dass ich komplett falsch liege.
Die USA ist mir vor allem aus der Perspektive großer Städte und kultureller Zentren bekannt, deren intellektuelles Umfeld meinen Zugang zur US-amerikanischen Kultur bestimmt hat. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich die USA wie ein Diorama sehe. Eine Miniaturwelt, in der die Extreme durch meine europäische Brille über einen sehr großen Teich hinweg eindeutig aussehen: Das ist schwarz, das ist weiß. Die Grautöne verschwimmen über den Ozean.
Während ich also in das Berliner Wintergrau blicke, kann ich endlich anfangen, aufgeregt zu sein. Mich auf die Graustufen eines Landes zu freuen, das uns so häufig in Extremen vorkommt. Ich darf mich darauf freuen, zu sehen, was sich geändert hat und wie, und ich darf es in so vielen verschiedenen Staaten tun. Ich mache einen Hüpfer auf dem Berliner Glatteis und falle fast hin, aber das Jahr des Pferdes hat schon begonnen und ich kann mich doch noch halten.