Die Manifesta 16 Ruhr setzt ein Zeichen für neue Formen des Zusammenlebens. Unter dem Titel This is not a church verwandelt sie zwölf ehemalige oder von Leerstand bedrohte Nachkriegskirchen in Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum in lebendige Orte für Kunst, Nachbarschaft, Spiel und demokratische Öffentlichkeit.
In der Gethsemane-Kirche in Bochum riecht es nicht nach Weihrauch, sondern nach Essen. Vorne wird gekocht, hinten stehen eingedeckte Tische bereit. Elf Frauen aus Bochum haben sich für die Performance Analı Kızlı – Mit Müttern und Töchtern der Künstlerin Mehtap Baydu zu einem Kollektiv zusammengeschlossen. Gemeinsam bereiten sie ein Essen für eine große Gruppe von Gästen zu. Die Arbeit ist eine Version einer Performance, die Baydu zuvor bereits in Istanbul und Sinop an der türkischen Schwarzmeerküste realisiert hatte.Im Zentrum stehen Gerichte, deren Namen sich in der türkischen Sprache auf Frauen oder weibliche Körperteile beziehen: Dul avrat Çorbası (Witwensuppe), Dilber Dudağı (Lippen der Geliebten) oder Analı Kızlı (Mit Müttern und Töchtern). Baydu macht daraus keinen folkloristischen Moment, sondern eine Geste der Gemeinschaft, der Solidarität und der Kritik. Im Garten steht Marina Naprushkinas Hüpfburg in Glockenform mit der Aufschrift: „Wir gehen nicht! We'll never go back!“
Marina Naprushkina, We'll Never Go Back, 2026. | © Marina Naprushkina. Foto © Manifesta 16 Ruhr / Ivan Erofeev
Was kann eine Kirche heute sein?
Schon diese Szene zeigt, worum es bei der Manifesta 16 Ruhr geht. Die Kirche ist hier kein stiller Ausstellungsraum. Sie wird benutzt. Migration erscheint nicht als abstraktes Thema, sondern als Teil einer Realität, die viele Menschen im Ruhrgebiet prägt: erfahrbar durch Gerüche, Lachen, Zutaten, Sprache und Familiengeschichten.Die Manifesta 16 trägt den Titel This is not a Church. Diese Orte sollen nicht nostalgisch bewahrt oder in Kunsthallen verwandelt werden. Die Frage lautet vielmehr, was eine Kirche heute sein kann, wenn sie ihre ursprüngliche Funktion verliert.
Keine Biennale zum Abhaken
Die 16. Ausgabe der europäischen Wanderbiennale lässt sich nicht in wenigen Stunden bewältigen. Sie findet nicht in einem Museum statt, nicht einmal an einem Ort. Sie verteilt sich auf zwölf Kirchengebäude in vier verschiedenen Städten: Duisburg, Essen, Gelsenkirchen und Bochum. Wer alles sehen will, braucht Zeit.Genau darin liegt ein Teil des Konzepts. Die Manifesta richtet sich nicht in erster Linie an ein internationales Kunstpublikum, das von Kunstwerk zu Kunstwerk flaniert. Sie macht Kirchen in Wohnvierteln zu Orten, an denen Menschen vorbeikommen, weil sie dort leben, zur Schule gehen, einkaufen oder arbeiten. Der Begriff der "Pantoffelkirche" beschreibt diese Nähe: Kirchen in Laufnähe, mitten im Alltag.
Hedwig Fijen, Gründerin und langjährige Direktorin der Manifesta, beschreibt diesen Ansatz als Umkehrung der üblichen kuratorischen Frage. Man sei nicht mit der Frage angekommen, welche Ausstellung man machen wolle, sondern mit anderen Fragen: Wo sind wir? Was passiert hier? Was brauchen die Bürgerinnen und Bürger gerade? Und was kann Manifesta gemeinsam mit vorhandenen Strukturen bewirken?
Christ-König Bochum, Ausstellungsansicht, Manifesta 16 Ruhr - This is not a church | Mit freundlicher Genehmigung der Künstler*innen. Foto: © Birgit Ostermeier
Zeichen des Neubeginns
Viele der bespielten Kirchen stammen aus der Nachkriegszeit. Sie wurden gebaut, als nach der massiven Zerstörung des Ruhrgebiets während des Zweiten Weltkriegs neue Formen des Zusammenlebens gesucht wurden. Sie waren nicht nur Orte des Glaubens, sondern auch Orte der Gemeinschaft und Zeichen eines demokratischen Neubeginns. Heute stehen viele dieser Gebäude leer, einigen droht Abriss. Die Manifesta begreift sie als bisher kaum genutzte Ressource.
In Bochum wird deutlich, wie unterschiedlich diese Idee umgesetzt wird. In Christ-König und St. Anna sind die Arbeiten politisch aufgeladen. Niklas Goldbach hinterfragt das männliche Ideal des Bergarbeiters und das Erbe des Bergbaus, zu dem auch dauerhaft laufende Pumpensysteme gehören. Mykola Ridnyi zeigt junge Geflüchtete aus der Ukraine in verstörenden Kinderspielen. Pınar Öğrenci erzählt in Glück auf in Deutschland die Geschichte des regionalen Bergbaus aus migrantischer Sicht. Umweltzerstörung, Krieg, Migration und Arbeit erscheinen hier nicht als Randthemen, sondern als Teil der industriellen und kulturellen Geschichte des Ruhrgebiets.
Spielen ohne Gewinnen
Ganz anders der Beitrag in St. Ludgerus. Die ehemalige Kirche liegt zwischen zwei Schulen. Viele junge Menschen kommen täglich an ihr vorbei. CaboSanRoque und Flexo Arquitectura Collective aus Barcelona haben den Raum in ein Basketball- und Fußballfeld verwandelt. Pink-weiße Markierungen, Körbe, Netze, schmale Tore und die hohe Holzdecke bilden eine Installation, die man nicht nur betrachten, sondern benutzen soll.Ziel sei es, einen Ort zu schaffen, an den Menschen aus der Gegend immer wieder zum Spielen vorbeikommen, erklärt Laia Torrents Carulla von CaboSanRoque Collective. Es geht nicht darum, den Korb oder das Tor zu treffen. Wer daneben wirft, hat trotzdem ein Erlebnis. Über den Basketballkörben sind Klaviersaiten angebracht. Wenn der Ball sie trifft, entstehen Töne. Wer beim Fußball nicht ins Tor, sondern den Pfosten trifft, löst die Kirchenorgel aus. Kabel, Klemmen und elektronische Schalter verbinden das alte Instrument mit dem Spielfeld. Der Fehlversuch wird Musik.
Aus Scheitern wird Klang
Vielleicht ist das der schönste Gedanke dieser Manifesta. Der Fehler wird nicht bestraft, sondern verwandelt. Aus dem Danebenzielen entsteht ein Klang, aus dem Scheitern ein gemeinsamer Moment. Niemand muss gewinnen, niemand muss die Regeln perfekt beherrschen.Transformation bedeutet hier nicht, die Vergangenheit zu löschen. Die Orgel bleibt Orgel, der Kirchenraum bleibt erkennbar, die Architektur wirkt weiter. Aber die Dinge werden anders verbunden. Ein sakrales Instrument antwortet auf ein Spiel. Ein ehemaliger Kirchenraum wird zu einem Klangkörper.
Stadtleben als gemeinsame Kultur
Damit berührt St. Ludgerus den Kern der diesjährigen Manifesta: Was kann eine Kirche heute noch sein, wenn sie ihre ursprüngliche Funktion verliert? Allein die vier Bochumer Stationen geben darauf sehr unterschiedliche Antworten.In der Gethsemane-Kirche wird aus dem Kirchenraum ein Ort für Begegnung. In Christ-König und St. Anna verhandeln Werke der Ausstellung Geschichte, Migration und Gegenwart.
In St. Ludgerus wird die Kirche zum Klangkörper und Treffpunkt für Jugendliche. So entsteht kein einheitliches Ausstellungsformat, sondern ein Stadtentwicklungsmodell auf Zeit: Kultur findet nicht im Museum statt, sondern kostenlos und direkt in der Nachbarschaft.
Kirchen als Ressource
Was nach dem Ende der Manifesta bleibt, entscheidet sich vor Ort. In Oberhausen wird eine mögliche Zukunft bereits erprobt: In der Kirche Heilige Familie in Oberhausen-Lirich, die seit 2007 von der Oberhausener Tafel als Ausgabestelle genutzt wird, findet im Rahmen von Manifesta 16+ das Projekt "go(o)d kitchen" statt. Gemeinsam mit dem Verein Kitev (Kultur im Turm e. V.) werden Workshops für Kochen, Bauen und Lernen angeboten.Die Manifesta 16 Ruhr liefert damit kein fertiges Modell, aber eine klare Perspektive: This is not a church heißt nicht, dass die Kirche verschwindet. Es heißt, dass sie mehr sein kann als das, was sie einmal war.
In den kommenden Jahren werden in Deutschland mehrere tausend Kirchen ihre ursprüngliche Nutzung verlieren. Leerstand muss nicht die Antwort sein. Die zweite Zukunft dieser Kirchen hat vielleicht gerade erst begonnen.
Die Manifesta 16 Ruhr ist noch bis zum 4. Oktober 2026 zu sehen.
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Juni 2026