Ersan Mondtag ist ein interdisziplinärer Künstler in den Bereichen bildende Kunst, Theater und Oper. Für die Berlin Art Week 2026 entwickelte er gemeinsam mit Nadim Samman die Performance „Alternde Meister“ in der Berliner Gemäldegalerie. 25 Performer*innen verschiedener Generationen trafen dort auf europäische Gemälde vom 13. bis zum 18. Jahrhundert. Wie blickt Mondtag auf eine Gesellschaft, die Menschen immer schneller einordnet, und welche Rolle kann Kunst dabei spielen?
Lieber Ersan Mondtag, wenn Sie auf die gesellschaftliche Stimmung in Deutschland heute blicken: Wo erleben Sie noch echte Aufmerksamkeit füreinander und wo fehlt sie Ihnen?Mich irritiert, wie viel wir inzwischen übereinander wissen wollen und wie wenig wir voneinander wissen. Wir verfolgen permanent, wer was gesagt hat, welche Position jemand vertritt, welchen Fehler jemand gemacht hat. Gleichzeitig verschwinden die Räume, in denen Menschen tatsächlich miteinander leben, streiten, essen, arbeiten, sich langweilen und einander aushalten müssen. Aufmerksamkeit erlebe ich viel stärker im Kleinen. Unter Freunden, zwischen Nachbarn, in einem Ensemble. Fürsorge ist nicht besonders medientauglich. Sie hat selten eine Pointe und noch seltener einen Hashtag.
Sie beschreiben eine Gesellschaft, die viel übereinander weiß, aber wenig voneinander. Welche Fragen treiben Sie vor diesem Hintergrund als Künstler derzeit besonders um?
Im Moment beschäftigt mich sehr, was passiert, wenn eine Gesellschaft ihre Ambivalenz verliert. Wir wollen für alles eine eindeutige Bezeichnung. Richtig, falsch. Opfer, Täter. Freund, Feind. Fortschrittlich, reaktionär. Das beruhigt offenbar. Mich langweilt es. Der Mensch ist leider komplizierter gebaut. Man kann morgens von der eigenen Moral vollkommen überzeugt sein und nachmittags aus Eifersucht etwas Fürchterliches tun. Das Theater ist einer der wenigen Orte, an denen jemand noch zwei gegensätzliche Dinge gleichzeitig sein darf, ohne dass sofort ein Erklärtext danebenstehen muss.
Sie sprechen von Ambivalenz. Gleichzeitig werden Menschen in öffentlichen Debatten häufig über Kategorien wie Generation, Herkunft, Milieu oder politische Zugehörigkeit beschrieben. In Ihrer Arbeit begegnen Sie Menschen mit sehr unterschiedlichen Biografien. Was geht verloren, wenn wir Menschen vor allem über solche Kategorien betrachten, und was haben Sie aus diesen Begegnungen darüber gelernt, wie schnell wir andere festlegen?
Zunächst spart es wahnsinnig viel Zeit. Man muss den anderen nicht mehr kennenlernen. Man kennt seine Herkunft, sein Geschlecht, sein Alter, noch schnell die politische Haltung, und schon weiß man angeblich, wer da vor einem steht. Sehr effizient. Nur ist der Mensch dann weg. Natürlich brauchen wir Kategorien. Ohne sie lassen sich gesellschaftliche Ungleichheiten gar nicht beschreiben. Aber aus einem analytischen Werkzeug wird schnell eine Identitätsmaschine. Irgendwann beschreibt die Kategorie den Menschen nicht mehr, sondern ersetzt ihn. Ich möchte selbst nicht auf fünf Substantive reduziert werden. Also sollte ich anderen dasselbe Recht zugestehen.
Und trotzdem schätzen wir Menschen dauernd vollkommen falsch ein. Man sieht jemanden und innerhalb weniger Sekunden ist die Akte angelegt. Kleidung, Sprache, Alter, Herkunft, Beruf. Fertig. Dann erzählt dieser Mensch einen einzigen Satz aus seinem Leben und die ganze schöne Akte kann in den Müll. Das liebe ich. Ich habe Menschen getroffen, deren Leben so unwahrscheinlich sind, dass ich sie als Theaterfigur wahrscheinlich gestrichen hätte. Die Dramaturgie hätte gesagt, das glaubt uns kein Mensch. Das Leben hat ohnehin eine miserable Dramaturgie. Zum Glück.
Wenn Kategorien und erste Eindrücke nicht ausreichen: Wann fühlen Sie sich einem anderen Menschen wirklich nahe? Was braucht es, damit aus Wahrnehmung tatsächliches Verstehen wird?
Ich weiß gar nicht, ob ich vollständig verstanden werden möchte. Das klingt für mich fast bedrohlich. Nähe entsteht eher, wenn jemand meine Widersprüche nicht sofort reparieren will. Wenn ich traurig sein kann, ohne dass daraus gleich eine Diagnose gemacht wird. Wenn ich schweigen kann und niemand nervös wird. Wenn man in einer vollkommen beschissenen Situation plötzlich zusammen lachen muss. Ich finde es viel intimer, wenn zwei Menschen akzeptieren können, dass ein Teil des anderen immer unerreichbar bleibt. Man darf sich auch in der Liebe ein Geheimnis bleiben.
Kann Kunst unseren Blick auf andere Menschen verändern? Und wenn ja: Wie geschieht das?
Kunst überschätzt sich gerne. Ein Mensch sieht eine Ausstellung und wird danach nicht automatisch ein besserer Mensch. Sonst wäre die deutsche Geschichte angesichts unserer Museumsdichte etwas anders verlaufen. Ich glaube auch nicht, dass Kunst die Aufgabe hat, Menschen zu verbessern. Sie kann aber eine Gewissheit beschädigen. Das finde ich viel interessanter. Man kommt mit einem fertigen Bild von etwas hinein und verlässt den Raum mit einem kleinen Riss darin. Mehr muss Kunst gar nicht leisten. Das ist schon ziemlich viel.
In der Performance „Alternde Meister“, die Sie gemeinsam mit Nadim Samman für die Berlin Art Week 2026 in der Gemäldegalerie entwickelt haben, traten 25 Performer*innen verschiedener Generationen in einen Dialog mit den Alten Meistern. Vergängliche Körper und Biografien begegneten dabei Kunstwerken, die im Museum über Jahrhunderte bewahrt werden. War dieser Blick auf den Menschen auch der Ausgangspunkt der Performance?
Mich hat interessiert, warum wir eigentlich so viel Angst davor haben, dass ein Leben sichtbar wird. Wir retuschieren Gesichter, optimieren Körper, bekämpfen Müdigkeit und behandeln das Alter wie einen Betriebsunfall. Gleichzeitig gehen wir ins Museum und bewundern fünfhundert Jahre alte Dinge gerade deshalb, weil sie alt sind. Beim Gemälde heißt es Patina, beim Menschen Verfall. Alternde Meister war für mich deshalb weniger eine Arbeit über das Alter als über unseren Blick. Darüber, wie schlecht wir eigentlich im Sehen geworden sind.
Welche Seiten älterer Menschen nehmen wir gesellschaftlich Ihrer Ansicht nach zu wenig wahr?
Das Begehren. Wir gestehen alten Menschen Fürsorge zu, Weisheit vielleicht noch, manchmal auch diese furchtbare Niedlichkeit. Aber Sexualität, Eitelkeit, Boshaftigkeit, Verliebtheit, Größenwahn? Ich finde die Vorstellung absurd, dass man mit siebzig plötzlich zu einer moralisch gereinigten Version seiner selbst wird. Wahrscheinlich ist man immer noch derselbe Idiot, nur mit mehr Erfahrungen. Alte Menschen sind keine Vorstufe des Todes. Sie sind lebende Menschen. Und Leben ist unanständig, eitel, lustvoll, neidisch, komisch und gelegentlich ziemlich würdelos. Gott sei Dank.
Für „Alternde Meister“ haben Sie mit Menschen gearbeitet, die keine Schauspielrollen verkörpert, sondern ihre eigene Lebensgeschichten mitgebracht haben. Was verändert sich dadurch im künstlerischen Prozess?
Die Regie kann sie schlechter belügen. Ein Schauspieler kennt die Verabredung. Wir behaupten gemeinsam etwas und versuchen, daraus eine Wahrheit herzustellen. Bei diesen Menschen war die Wahrheit schon vorher da. Wenn ein Paar, das seit Jahrzehnten zusammenlebt, nebeneinandersitzt, brauche ich keine Regieanweisung für Intimität. Im Gegenteil. Mit einer falschen Anweisung mache ich diesen Moment kaputt. Für mich war das eine gute Übung im Machtverlust. Regisseure werden nicht unbedingt darin ausgebildet, weniger zu machen. Wir glauben gerne, alles geschehe wegen uns. Dabei besteht gute Regie manchmal darin, rechtzeitig aus dem Weg zu gehen.
In vielen Ihrer Arbeiten beschäftigen Sie sich mit Verletzlichkeit, Endlichkeit und Erinnerung. Warum sind diese Themen für Sie künstlerisch so wichtig?
Weil ich Kunst, die so tut, als hätte sie den Tod überwunden, meistens ziemlich tot finde. Verletzlichkeit beginnt dort, wo unsere Kontrolle endet. Der Körper verrät uns. Die Erinnerung verrät uns. Menschen verlassen uns. Wir verlassen Menschen. Dinge, die vollkommen sicher schienen, sind plötzlich vorbei. Ich empfinde das gar nicht als besonders düster. Mich interessiert der Tod auch nicht als romantische Nebelmaschine. Der Tod selbst ist vermutlich ziemlich uninteressant. Interessanter ist, was das Wissen um ihn mit unserem Leben macht. Je stärker mir Endlichkeit bewusst wird, desto größer wird jedenfalls mein Hunger auf Leben.
Wenn Endlichkeit und Verschwinden eine so große Rolle spielen: Gibt es etwas, von dem Sie sich wünschen würden, dass wir es als Gesellschaft früher wahrnehmen, bevor es nicht mehr da ist?
Freiheit. Nicht die pathetische Freiheit auf irgendeinem Denkmal. Ich meine die kleinen Freiheiten, die so selbstverständlich geworden sind, dass wir sie kaum noch als solche erkennen. Nachts durch eine Stadt laufen. Lieben, wen man möchte. Ein absurdes Kunstwerk machen. Einer Regierung widersprechen. Sich falsch entscheiden dürfen. Fremd sein dürfen. Unvernünftig sein dürfen. Auch mal etwas sagen dürfen, das man drei Jahre später selbst für Unsinn hält. Solche Dinge verschwinden selten mit einem großen Gongschlag. Es sind kleine Verschiebungen. Jede für sich wirkt zunächst vernünftig, erklärbar oder nicht weiter schlimm. Und irgendwann dreht man sich um und merkt, dass etwas fehlt. Das Verschwinden beschäftigt mich deshalb nicht aus Nostalgie. Mich interessiert dieser schreckliche menschliche Reflex, den Wert einer Sache oft erst dann vollständig zu begreifen, wenn sie nicht mehr da ist.
Ersan Mondtag
Ersan Mondtag | Foto: © Lukas Städler. Courtesy DITTRICH & SCHLECHTRIEM, Berlin, VG Bild-Kunst, Bonn, 2026
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Oktober 2026