Auf der Berlinale 2026 sind über 20 südamerikanische Filme vertreten. Sie beschäftigen sich mit familiären Zwängen, Rassismus und staatlicher Kontrolle durch Militärdiktaturen – und immer wieder steht dabei körperliche oder moralische Gewalt im Mittelpunkt.
Der brasilianische Regisseur Karim Aïnouz ist wieder im Wettbewerb der Berlinale vertreten, diesmal mit Rosebush Pruning, einer Koproduktion zwischen Deutschland, Italien, Spanien und Großbritannien. Die Besetzung umfasst prominente Namen wie Pamela Anderson, Tracy Letts, Callum Turner und weitere Stars. Das Drehbuch aus der Feder des Griechen Efthimis Filippou ist eine Neuinterpretation von Mit der Faust in der Tasche (Marco Bellocchio, 1965) und spielt in einer paradiesischen Landschaft in Spanien. Der Film porträtiert eine reiche, abgeschottete Familie mit einem blinden Vater und vier Kindern, die nichts tun, außer sich für Mode zu interessieren.Die Familie weist zum Teil inzestuöse Beziehungen auf und lebt selbstbezogen in einem Zustand der Apathie, bis der ältere Bruder beschließt, das Haus zu verlassen. Das dadurch ausgelöste Unbehagen führt zu einer tragischen Verkettung von Ereignissen. Auf der Pressekonferenz sagte der Schauspieler Tracy Letts, der den autoritären, perversen Vater spielt: „Eins der Dinge, auf das der Film hinweist, ist, dass die extreme Ungleichverteilung von Reichtum zu schlechtem Benehmen führt. Und tatsächlich vermutlich Faschismus hervorruft.“
„El Tren Fluvial“,. Argentinien, 2026. Regie: Lorenzo Ferro, Lucas A. Vignale. Im Bild: Milo Barría | Berlinale Perspectives 2026. | © Cinco Rayos
Prozesse der Trauer
In derselben Sektion wurde Nosso segredo unter der Regie der Brasilianerin Grace Passô aufgeführt. Der fast ausschließlich mit Schwarzen Schauspieler*innen besetzte Film porträtiert eine Familie in Trauer um den toten Vater. Er spielt im Haus der Familie und behandelt so wichtige Themen wie Herkunft, Beziehungen zwischen Personen unterschiedlicher Hautfarbe und Rassismus.
„Nosso segredo“, Brasilien, 2026. Regie: Grace Passô. Im Bild: Ju Colombo, Jéssica Gaspar | Berlinale Perspectives 2026 | © entrefilms / Wilssa Esser
Rassismus und Vorurteile
Das Thema Rassismus erscheint auch in Quatro meninas von Karen Suzane in der Sektion Generation 14plus. Der Film erzählt die Geschichte von vier jungen Mädchen, die als Bedienstete für vier Internatsschülerinnen in der brasilianischen Provinz arbeiten. Als sich die versklavten Mädchen entschließen zu fliehen, entdecken ihre „sinhás“ den Plan und schließen sich ihnen an. Die acht mit ihren unterschiedlichen Perspektiven und sehr unterschiedlichen Unterdrückungsgeschichten suchen inmitten zahlreicher Konflikte die Freiheit und nach Verwirklichung ihrer von einer patriarchalen, hierarchischen Gesellschaft verunmöglichten Träume.
„Quatro Meninas“, Brasilien/Holland, 2025. Regie: Karen Suzane. Im Bild: Dhara Lopes, Ágatha Marinho, Alana Cabral, Maria Ibraim | Berlinale Generation 2026. | © Cris Lucen
Auslöschung von Indigenen
Der argentinische Dokumentarfilm Bosque arriba en la montaña von Sofía Bordenave in der Sektion Forum begleitet den Strafprozess um die Beteiligung von Agenten der Spezialeinheit Albatros der argentinischen Sicherheitsbehörden an der Ermordung des jungen Mapuche Rafael Nahuel im Jahr 2017. Die Gerichtszenen sind durchzogen von einer Reise durch die Mapuche-Region Argentiniens. Über Archivbilder, Landkarten und Zeugenaussagen erzählt der Film von jahrhundertelanger Gewalt und Vertreibung dieser Bevölkerungsgruppe, aber als Dokumentarfilm auch Formen des Widerstands und der Wiederaneignung der Identität und Kultur der Mapuche durch Jugendliche in der Region Bariloche.
„Bosque arriba en la montaña“, Argentinien, 2026. Regie: Sofía Bordenave | Berlinale Forum, 2026 | © Arturo Mathile, Colección Zeballos, 1880.
Weitere Gewalt
Die ersten Tage nach dem Militärputsch in Chile 1973 zeigt der Langfilm Hangar Rojo in der Sektion Perspectives aus dem Blickwinkel des Hauptmanns Jorge Silva, ehemals Geheimdienstchef bei der Luftwaffe und Koordinator der Flugschule der Armee. In Schwarz-Weiß-Bildern erzählt der Film von realen Ereignissen und verdeutlicht den Scheideweg, an dem sich sein Protagonist befindet. Dabei berührt er gekonnt Themen wie die Gewalt der Militärdiktatur, Machtmissbrauch und die Willkürlichkeit von Entscheidungen in einer fast intimen Erzählweise der Figur Jorge Silva.
„Hangar rojo“, The Red Hangar“. Chile/Argentinien/Italien, 2026. Regie: Juan Pablo Sallato | Berlinale Perspectives,2026.
Ein weiterer sehr erwähnenswerter kolumbianischer Film auf dieser Berlinale ist der Kurzfilm Filme Pin im Forum Expanded, ein Filmessay der Erinnerung ausgehend von einer Sammlung von pins [Buttons, Anstecknadeln], die der Regisseur auf dem Dachboden seines Großvaters fand. Im Super-8-Format gedreht stehen diese über mehrere Epochen hinweg für die Erinnerungen einer Familie an das Exil und politischen Aktivismus.
Februar 2026