Rosinenpicker Lauschen im Frühling

Wenn das Wetter frühjahrsgemäß ist, heißt es: nichts wie raus aus der Wohnung. Weil man aber im Gehen nicht im gedruckten Buch lesen kann, ist ein Hörbuch die Begleitung der Wahl – gelesen von bekannten Autor*innen oder versierten Hörbuchsprecher*innen, die sich dunklen und hellen Themen widmen.

Von Marit Borcherding

Manchmal fehlen Zeit und Gelegenheit für den Besuch einer Live-Lesung in einem Literaturhaus oder einer Buchhandlung. Um dennoch eine Idee davon zu bekommen, wie Lieblings-Autor*innen klingen, wenn sie ihr Werk präsentieren, empfehlen sich Hörbücher.  

Hier lesen die Autor*innen noch selbst

Hermann: Wir hätten uns alles gesagt © Der Hörverlag Judith Hermann, seit ihrem Debüt Sommerhaus später (1998) renommierte und vielfach preisgekrönte Autorin, hat ihre Poetikvorlesungen in Frankfurt am Main mit der melancholisch klingenden Überschrift Wir hätten uns alles gesagt versehen. „Ich schreibe am eigenen Leben entlang, ein anderes Schreiben kenne ich nicht“, so lässt sich Hermann zitieren, und entsprechend versammeln die Vorlesungen Betrachtungen über eine Kindheit in unkonventionellen Verhältnissen, über das geteilte Berlin, Familienbande und Wahlverwandtschaften, über lange, glückliche Sommer am Meer. Judith Hermann fragt nach der Verlässlichkeit von Erinnerungen und liest „mit viel Nachdenklichkeit und mit einer poetischen Grundstimmung: empfindsam, fragend, andeutend, berührend, manchmal auch lakonisch“, freut sich der WDR und findet viele gefühlsbetonte Adjektive für das mehr als vierstündige Hörerlebnis.

Duve: Sisi © tacheles! Sisi, wohin man blickt: Nicht nur in Serien und Filmen feiert die immer noch verehrte österreichische Kaiserin gerade ihr Comeback, sondern auch im gleichnamigen Roman von Karen Duve – obwohl Sisi ja nie wirklich ganz aus dem historischen und popkulturellen Gedächtnis verschwunden war. Karen Duve, die sich mit Annette von Droste-Hülshoff schon einmal erfolgreich einer eigenwilligen, vielseitig begabten Frau aus dem 19. Jahrhundert angenommen hat (Fräulein Nettes kurzer Sommer, 2018) und selbst Pferde liebt, erzählt von Sisi als einer sehr leidenschaftlichen und wilden Reiterin, einer nach außen strahlenden Regentin, die getrieben war vom Hofprotokoll und die keine Konkurrenz neben sich duldete, schon gar nicht ihre achtzehnjährige Nichte. Mit reichlichen 11 Stunden Autorinnenlesung eine minutiös erzählte Geschichte von Verführung und Verrat.

Capus: Susanna © Der Hörverlag Auch im dritten hier vorgestellten Hörbuch steht eine Frau im Zentrum – nämlich Susanna, eine Schweizer Malerin, deren abenteuerliches Leben vom Erfolgsautor Alex Capus selbst dargeboten wird. Dabei greift er (nicht zum ersten Mal) auf eine wahre Begebenheit zurück und bietet seinem Publikum die literarisierte Fassung davon, wie ein Schweizer Mädchen namens Susanna Carolina Faesch, 1844 in Kleinbasel geboren, zur Künstlerin in New York heranwächst, in den sogenannten Wilden Westen aufbricht und schließlich die Vertraute von Sitting Bull, Stammeshäuptling der Lakota-Sioux wird. Für den BR war die auf Realität beruhende Emanzipationsgeschichte im August 2022 das Hörbuch der Woche. Wohl auch wegen dem Alex Capus‘ bescheinigten „wunderbar trockenen Humor“, der sich in der Autorenlesung aufs Beste übertragen würde.

Licht und Schatten

Sinan: Gleißendes Licht © Argon Marc Sinan ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Komponist. Letzteres eint ihn mit Kaan, Hauptfigur in Gleißendes Licht – so heißt Sinans Roman und ein von ihm ersonnenes musikalisches Projekt, das 2022 simultan in Jena, Buchenwald, Berlin und Tel Aviv aufgeführt wurde. Nun widmet sich außerdem ein Hörbuch dem eindrucksvoll erzählten Trauma einer türkisch-armenischen Familie: Kaan reist aus seiner Heimatstadt Berlin nach Istanbul, wo er erfahren muss, wie seine Großmutter durch den Völkermord an den Armeniern zur Waise wurde. Er erinnert sich, wie seine Mutter durch die Heirat mit einem Deutschen den patriarchalen Verhältnissen der Türkei zu entfliehen versuchte, aber auch an seine eigenen glücklichen Ferienbesuche bei den Großeltern am Meer. Der Schauspieler Tim Seyfi liest die autobiografisch grundierte Geschichte „souverän, cool, mit viel Understatement. Das bringt manche der im Buch erzählten Ungeheuerlichkeiten erst richtig zur Geltung“, lobt der BR.

Hilmes: Schattenzeit © Der Audio Verlag Schattenzeit von Oliver Hilmes führt das Hörbuchpublikum zurück in das Jahr 1943 – einer an Schrecken überreichen Zeit mitten im Zweiten Weltkrieg. Dieser Krieg sei doch längst verloren und Hitler sei geisteskrank, ist sich der damals 26jährige, hochbegabte Pianist Karlrobert Kreiten sicher – eine eigentlich prophetische Äußerung, die weitergetragen wird und das Schicksal des Musikers besiegelt: Er wird von der NS-Justiz zum Tode verurteilt und in Plötzensee aufgehängt. Kreitens Leidensweg steht im Mittelpunkt des Sachhörbuchs, umrahmt von zahlreichen Geschichten etwa aus den Tagebüchern des jüdischen Literaturwissenschaftlers Viktor Klemperer und von Soldatenbriefen, geschrieben auf dem Schlachtfeld von Stalingrad. Auch Äußerungen berühmter Zeitzeugen wie Sophie Scholl, Thomas Mann und Erich Kästner sind zu hören. „Fast sieben Stunden folgt man gebannt dem Sprecher Julian Mehme, dem es gelingt, die richtige Balance von Distanz und Nähe zu finden. Ein Hörbuch, das nachklingt“, zeigt sich der WDR beeindruckt.

Poznanski: Böses Licht © Argon Schließlich hat die Bestseller-Autorin Ursula Posznanski eine Thriller-Reihe ersonnen – mit ausgesuchten Tatorten in der österreichischen Hauptstadt Wien. In Böses Licht, dem zweiten Band der Serie Mordgruppe, könnte es illustrer gar nicht zugehen, wird doch die Ermittlerin Fina Plank in den allerheiligsten aller Kulturtempel beordert: ins Burgtheater. Dort ist man zwar Theaterblut gewohnt, aber irgendwann fällt doch auf, dass es kein Schauspieler ist, der leichenblass und sehr tot auf einem Bühnenthron sitzt, sondern der Theatergarderobier. Wie konnte das passieren, war dieser unbescholtene Mann doch allseits beliebt? Der Theater- und TV-Schauspielerin Julia Nachtmann gelingt es, den Kriminalroman der Wienerin Posznanski fesselnd, temporeich und hochspannend zu inszenieren. Da vergehen die 13 Stunden Hörbuchzeit gefühlt ganz sicher wie einziger Wimpernschlag.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Alex Capus: Susanna (Sprecher: Alex Capus)
München: Der Hörverlag, 2022. 1 MP3-CD
ISBN: 978-3-8445-4738-2
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

Karen Duve: Sisi (Sprecherin: Karen Duve)
Bochum: tacheles!, 2022. 1 MP3-CD
ISBN: 978-3-86484-771-4

Judith Hermann: Wir hätten uns alles gesagt (Sprecherin: Judith Hermann)
München: Der Hörverlag, 2023. 4 CDs
ISBN 978-3-8445-4892-1

Oliver Hilmes: Schattenzeit. Deutschland 1943: Alltag und Abgründe (Sprecher: Julian Mehne)
Berlin: Der Audio Verlag, 2023. 1 MP3-CD
ISBN 978-3-7424-2633-8

Ursula Poznanski: Böses Licht (Sprecherin: Julia Nachtmann)
Berlin: Argon, 2023. 1 MP3-CD
ISBN: 978-3-8398-2045-2

Marc Sinan: Gleißendes Licht (Sprecher: Tim Seyfi)
Berlin: Argon, 2023. 1 MP3-CD
ISBN: 978-3-8398-2043-8