Rosinenpicker  Die wunderbare Welt des Breitensports

Frank Goosen: Spiel ab! © Kiepenheuer & Witsch / Canva

Frank Goosen und Thomas Brussig schreiben über die angeblich schönste Nebensache der Welt. Nein, wir meinen nicht Sex, es ist komplizierter.

Goosen: Spiel ab! © Kiepenheuer & Witsch Spiel ab! heißt der neueste Roman von Frank Goosen. Wer schon mal in seinem Leben Fußball gespielt hat, kennt diesen als Vorwurf zu verstehenden Zuruf. Denn dieser richtet sich an ballverliebte Mitspieler*innen, die sich am eigenen Dribbling derart berauschen, dass die Spielübersicht verloren geht.

Der Kabarettist und Romanautor stammt aus dem Ruhrgebiet, genauer: aus Bochum, also einer besonders fußballverrückten Gegend Deutschlands. Spiel ab! ist nach Förster, mein Förster (2016) und Kein Wunder (2019) der dritte Roman über Goosens Alter Ego Roland Förster, einen fußballerisch eher unbegabten Romanautor, und dessen beide Kumpels Fränge und Brocki.

Fränge betreibt mehr schlecht als recht das Café Dahlbusch, hat sich mit seiner Ex zerstritten, und auch sein Sohn Alex ist nicht gut auf ihn zu sprechen. Da hat er die Idee, die Jugendmannschaft seines Sohnes zu trainieren, um sie vor dem Abstieg zu bewahren und nebenbei das Verhältnis zu Alex zu kitten. Er bittet Förster um Hilfe, kurz darauf steht natürlich auch der Lehrerfreund Brocki in grün-weißer Trainingsjacke auf dem Platz.

Bart ist auch keine Lösung

Das Trio wächst an seinen Aufgaben, und auch wenn nicht alles gut wird, wird es doch eine erlebnisreiche Saison. Der Trainer und seine beiden Co-Trainer haben eine ziemlich bunte Truppe übernommen. Die Dialoge zwischen Mirkan und Adnan, Giampiero und Justin, Mostafa und Marvin gehören zu den Höhepunkten dieses charmanten, vergnüglich zu lesenden Fußballromans. Hier eine Kostprobe vor einem Spiel gegen einen scheinbar übermächtigen Gegner:

„MIRKAN: Ey, habt ihr die gesehen? Voll die Riesen! ...
ALIM: Der eine hat Bart!
MOSTAFA: Mein Bruder hat auch Bart, aber der kann kein Fußball spielen!
MIRKAN: Und was ist mit deiner Mutter, du Lappen?
ALIM: Die kann auch kein Fußball spielen!
MIRKAN: Aber die hat auch Bart.“

Laut Jens Buchholz von der Frankfurter Rundschau gibt es (fast) kein schlechtes Frank-Goosen-Buch, für die Förster-Reihe gelte jedenfalls: Spiel ab! „ist mit Sicherheit ihr vorläufiger Höhepunkt“. Und es wird auch Grundsätzliches verhandelt: Was ist eigentlich das Besondere an Fußball? Wieso kam jemand auf die Idee, ein Spiel zu erfinden, in dem man einen Ball mit den Füßen spielt, wenn es doch mit den Händen viel leichter fällt. Und auch darauf findet Goosen eine Antwort: Fußball sei zwar genau so unlogisch und eigentlich überflüssig wie Versteckenspielen, aber darum gehe es nicht, sondern: „Es ist ein Problem, das man ins Leben baut, um sich über die Lösung zu freuen.“ Wer diese Geschichte hören möchte, greife zu dem vom Autor gelesenen Hörbuch.

Fußball und Vergeblichkeit

Brussig: Mats Hummels auf Parship © Wallstein Auch Thomas Brussig, nicht nur Schriftsteller, sondern auch Fußballfan und Initiator der deutschen Autorennationalmannschaft, hat eine Art Fußballbuch geschrieben: Mats Hummels auf Parship. Das Buch besteht aus drei Monologen, gehalten nicht jedoch von Fußballern, sondern von Trainern und Schiedsrichtern. Es sind regelrechte Schimpftiraden.

Der erste Monolog, Leben bis Männer, war für das Theater geschrieben und erlebte Ende 2001 seine Uraufführung am Deutschen Theater in Berlin. Brussig greift darin einen Mauerschützenprozess auf, der Trainer eines Angeklagten kommt zu Wort und darf seine Sicht der Dinge zum Besten geben. Das sind oft Klischees („Frauen und Fußball ist immer prekär. Je emanzipierter umso schlimmer“), driftet bisweilen aber auch ins Philosophische, wenn etwa eine Verbindung zwischen Fußball und Vergeblichkeit hergestellt wird: „Ein Fußballer ist zum Scheitern verurteilt… Wir verlangen von uns ständig das, was wir nicht können. Wir sind völlig abgestumpft gegen das Vergebliche. Nur wegen Fußball!“

Leidenschaftliches Denken

Zwanzig Jahre später hat Brussig mit Mats Hummels auf Parship diesen Trainer-Monolog für die heutige Zeit umgeschrieben. Aus dem damaligen Wendeverlierer macht Brussig einen ungeimpften Wutbürger. Zu allem hat dieser Mann eine Meinung, egal ob Corona-Impfung, Frauenfußball, Sprachverbote, die WM-Vergabe nach Katar, Donald Trump oder ob man gern Jerome Boateng zum Nachbarn hätte. Es wird viel und laut gedacht, denn: „Ein Trainer muss brüllen können. Ich übrigens brülle nicht. Es sieht aus wie Brüllen, aber in Wirklichkeit ist es Denken, und zwar sehr leidenschaftliches Denken.“

Im 2007 erstmals erschienenen dritten Monolog erfolgt ein Wechsel der Perspektive. In Schiedsrichter fertig monologisiert ein vermeintlich Unparteiischer. Es ist eine Litanei der Vergeblichkeit und eine Abrechnung. Denn nichts und niemand wird dem Leben eines Schiedsrichters gerecht. Und auch wenn der Ich-Erzähler es zum FIFA-Schiedsrichter brachte, hört sich der Lohn wie eine Strafe an: „Man muss es sich hart erarbeiten, ausgepfiffen zu werden… Von achtzigtausend wütenden, rasenden Menschen ausgepfiffen, angepöbelt, beschimpft, angebrüllt, beleidigt, bedroht und vor ihnen in Sicherheit gebracht zu werden, ist das Höchste, das Größte, was ein Schiedsrichter erreichen kann.“
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Thomas Brussig: Mats Hummels auf Parship
Göttingen: Wallstein Verlag, 2023. 140 S.
ISBN: 978-3-8353-5428-9
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

Frank Goosen: Spiel ab! Roman
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2023. 336 S.
ISBN: 978-3-462-00414-4
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe

Frank Goosen liest Spiel ab!
Bochum: tacheles!, 2023. 1 MP3-CD
ISBN: 978-3-86484-788-2