Rosinenpicker  Starke Antiheldin

Bahnhof von Gittersee in Sachsen, Cover des Buches „Gittersee“ von Charlotte Gneuß © S. Fischer Verlag (Cover), Echtner, CC BY-SA 4.0 , via Wikimedia Commons (Hintergrund)

Charlotte Gneuß‘ DDR-Alltagsdrama überrascht mit bedrückender Intensität und einer außergewöhnlich-gewöhnlichen Hauptfigur.

Gneuß: Gittersee © S. Fischer Die 16-jährige Karin Förster, Protagonistin des Romandebüts der Berliner Autorin Charlotte Gneuß, lebt den real existierenden Sozialismus im Dresdner Vorort Gittersee. Ihr Leben besteht aus ihrer dysfunktionalen Familie, der strikt dem sozialistischen Dogma der Zeit untergeordneten Schule, ihrer besten, leicht verpeilten Freundin Marie und ihrem Freund, dem aspirierenden Künstler Paul. Letzterer allerdings bereitet ihr Sorgen – und bringt das fragwürdige Idyll kräftig durcheinander. Der junge Mann ist über Nacht verschwunden, die Polizei steht bei Karin vor der Tür, die Behörden vermuten Republikflucht. Die Gitterseer sind entsetzt, und Karin macht Bekanntschaft mit der lokalen Stasi, die gar nicht so geheimnisvoll erscheint, wie man es aus Filmen kennt.

Wo ist Paul?

Die diversen Rückblicke auf Pauls Weggang geben wenig Aufschluss auf das Geschehen, Plan und Durchführung bleiben diffus. Pauls bester Freund erscheint als Komplize, doch der hat den Absprung nicht geschafft, er ist zurückgeblieben, ohne zu wissen, wo Paul jetzt ist. Auch Karin hat von Pauls Plänen nichts gewusst, ihr bleiben bei weitem mehr Fragen als Antworten. In Gittersee geht derweil das Leben weiter, irgendwie. Trotzdem scheint plötzlich alles in Bewegung geraten, Beziehungen infrage gestellt worden zu sein. Die beste Freundin wendet sich ab, Ehe- und Alkoholprobleme belasten die familiäre Situation. Karin lässt sich – naiv, ein wenig stolz, aber auch zögerlich – von den lokalen Behörden als Informantin einspannen und beginnt schließlich zu verstehen, dass auch sie nur ein kleines Rädchen in einem großen Getriebe ist.

Alltag im Unrechtsstaat

Charlotte Gneuß‘ Roman Gittersee ist ein Coming-of-age Drama vor dem Hintergrund des totalitären Systems der DDR, das seine perfide, ideologische Ungeheuerlichkeit hinter einer biederen Fassade bürgerlichen Ordnung zu verstecken wusste. Konsequent aus der Ich-Perspektive einer heranwachsenden jungen Frau erzählt, bleiben Details wie die genaue zeitliche Verortung, aber auch Informationen zu dem politischen Umfeld verborgen. Die Lesenden tauchen direkt in die Welt der Sechzehnjährigen ein, in die brutale Einmischung des Unrechtsstaates in den Alltag seiner Bürger*innen, die wie selbstverständlich hingenommene Übergriffigkeit ihrer männlichen „Freunde“, die Gleichgültigkeit und Verlogenheit der als sozialistische Gemeinschaft gepriesenen Gesellschaft und den lächerlichen Bullshit der propagandistischen Parolen.

All dies liest sich aber nicht wie eine Abrechnung, sondern wie ein Tagebuch, dessen resignierte Nüchternheit umso tragischer wirkt. Karin ist nicht unglücklich oder ohnmächtig, sie ist stark, realistisch und überlegt. Sie verzweifelt nicht an ihrem Leben, sondern hinterfragt und sucht, sie ist neugierig und gewitzt. Trotz ihrer diversen Fehler und Schwächen muss man sie mögen, diese Antiheldin, deren lakonische Erzählungen ein so präzises Bild ihrer Welt umreißen, dass man sie geradezu spüren kann. Wie die Orte der Handlung, werden auch die wenigen Personen nur rudimentär beschrieben, und dennoch ist ihre Präsenz spürbar. Sie sind halt, wie Karin sagen würde, einfach da, was soll man da schon groß machen.

Erzählte DDR

Charlotte Gneuß gelingt mit dieser kleinen und unspektakulären Geschichte ein echtes Leseerlebnis. Die Bewerbung für den Buchpreis war für den S. Fischer Verlag sicherlich auch eine strategische Entscheidung – junge Debütantin schreibt über ein gerade recht angesagtes Thema – aber die darauffolgende Nominierung für die Longlist ist verdient. Lange hallt die Stimme der jungen Karin nach. Sie entlässt die Lesenden mit dem Gefühl, das Leben, wie es in der DDR gewesen sein muss, gespürt zu haben wie selten zuvor. Dabei kennt auch Charlotte Gneuß die DDR nur aus Erzählungen ihrer Eltern und unzähligen Interviews, die sie bei der Recherche für das Buch geführt haben muss: Sie ist erst 1992 und damit drei Jahre nach dem Mauerfall 1989 in Ludwigsburg geboren.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Charlotte Gneuß: Gittersee. Roman
Frankfurt: S. Fischer, 2023. 240 S.
ISBN: 978-3-10-397088-3