Rosinenpicker  Späte Liebe

Biller: Mama Odessa © Kiepenheuer & Witsch / Canva

Mit seinem neuen Roman hat Maxim Biller seiner Mutter ein berührendes literarisches Denkmal gesetzt.

Biller: Mama Odessa © Kiepenheuer & Witsch Mutter-Sohn-Verhältnisse können bekanntermaßen schwierig sein, so auch in Maxim Billers neuem Roman Mama Odessa. Darin erzählt Biller die Geschichte der Familie Grinbaum, die – wie Billers eigene Familie – in den 1970er-Jahren aus dem Ostblock geflohen ist, ihrer Vergangenheit jedoch nie entkommt. Im Zentrum steht der Ich-Erzähler Mischa und seine meinungsstarke, aber auch fürsorgliche Mutter Aljona. Sie mag die Menschen im Westen, nicht, „die immer so tun mussten, als ob sie sehr beschäftigt sind“, wie etwa die Nachbarin, die ihr erzählt, wie schlecht sie sich fühlt, wenn sie einen Tag lang nur Krimis gelesen hat.

Odessa verlassen hat die Familie wegen Mischas Vater Gena – ein Antikommunist und glühender, sich nach Israel sehnender Zionist. Er und seine Familie bleiben jedoch in Deutschland hängen, Gena träumt weiter vom Gelobten Land. Das Unerfüllte und Unerfüllbare sind bei Biller eine Quintessenz des menschlichen Daseins.

Nazihure im Klinkerhaus

Ironischerweise lernt Mischas Vater ausgerechnet bei einem Kibbutz-Besuch in Israel eine junge Deutsche kennen, mit der er eine Affäre beginnt, seine Familie verlässt. „Diese blöde Schickse! Fährt als gute Deutsche nach Israel, um als Tellerwäscherin in der Kantine von Jad Vashem oder wo auch immer ihr Gewissen zu beruhigen, und zerstört kurz darauf eine jüdische Familie“, so das Urteil von Mischas Mutter. Mischas Vater zieht schließlich mit dieser „Nazihure“, wie Aljona auch zu sagen pflegt, in ein kleines Klinkerhaus in Hamburg-Othmarschen.

Mischa ist Schriftsteller, der „einen traurigen Emigrantenroman nach dem anderen“ schreibt. Seine Mutter schreibt ebenfalls ihr Leben lang, bevorzugt im Auto auf einem Supermarkt-Parkplatz. Sie verehrt Anna Achmatowa, wird selbst aber zu spät eine Schriftstellerin, und sieht sich deshalb nicht als solche. Dank der Kontakte ihres erfolgreichen Sohnes kann Aljona, wenn auch erst in fortgeschrittenem Alter, wenigstens ein Buch veröffentlichen.

In den Roman eingestreut sind Texte von Aljona, die zeitlebens ihre Heimatstadt vermisst und damit hadert, dass sie nicht zur Beerdigung ihres Vaters nach Odessa zurückkehrte. In einer ihrer Geschichten geht es um einen für den Vater lebensrettenden Kompass, der an die Nachgeborenen weitergegeben wurde, um Orientierung zu geben, aber „später im Leben… nur selten helfen würde“. Im echten Leben ging der vom Vater geheiligte Gegenstand schlichtweg verloren. Halt und Orientierung finden Emigrant*innen also nie.

Erzähl mir nicht von deinen Problemen

Gekonnt flicht Biller Historisches in die Handlung ein. So leidet die Familie, insbesondere Aljona, unter Anfällen des nach ihrem Großvater benannten „Katschmorian-Blues“. Dieser „schöne, fröhliche armenische“ Großvater dachte bei aller Fröhlichkeit öfter an Selbstmord als andere Menschen an Liebe und Essen. Vielleicht, weil er 1941 als einer der wenigen Menschen das Massaker an den Juden am Tolbuchinplatz in Odessa überlebt hat.

Einiges erfährt Mischa erst nach dem Tod seiner Mutter, als er in ihrem Schreibtisch Briefe findet, die Aljona dem Sohn geschrieben, aber nie abgeschickt hat. In einem der Briefe setzt sie ihren Sohn mit einer Jugendliebe gleich – ein echter Zuneigungsbeweis. Vieles kommt also (zu) spät in diesem Roman, Aljonas Karriere als Schriftstellerin, die mütterlichen Liebesbeweise, die posthume Aufmerksamkeit, die der Sohn der Mutter schenkt. Der Alltag zu Lebzeiten war dagegen gefüllt mit widerwillig geführten Telefonaten: „Wie geht es dir, mein Junge? Aber bitte erzähl mir jetzt nicht wieder von deinen Problemen und deinen Mädchen!“

Schreiben und verschweigen

Über Aljonas Schreiben heißt es: „Erfinden konnte meine Mutter beim Schreiben nie – nur ab und zu dabei etwas verschweigen.“ Vielleicht kann das auch als Hinweis verstanden werden, wie Biller selbst schreibt. Es ist müßig, darüber zu diskutieren, was der erlebten Wirklichkeit entspricht, was ausgedacht ist. Die so genannte Realität ist eine vernachlässigenswerte und zudem unzuverlässige Größe. Wer kann schon sagen, wie es wirklich war? In einem Roman kommt es nicht so sehr auf Faktentreue, sondern vor allem auf die Glaubwürdigkeit der erzählten Geschichte an. Und in diesem Sinne glaubwürdig ist Mama Odessa unbedingt.

Biller ist – bei allem für ihn typischen Spott – eine zärtliche Hommage gelungen, ein Abgesang auf seine 2019 verstorbene Mutter, aber auch auf eine untergegangene, ja stets untergehende Welt und Zeit. Die Billerschen Figuren sind sich nah und fern zugleich. Einerseits sehnen sie sich nach Nähe, andererseits kommt ihnen allen ihr Eigensinn mit einem Hang zum Egozentrischen in die Quere. So ist Mama Odessa ein sehr gutes, aber auch sehr trauriges Buch. Es erzählt, dass gegenseitiges Verständnis und Zärtlichkeit erst möglich sind, wenn es zu spät ist: im Angesicht des Todes oder vielleicht sogar erst, wenn eine Person im Reich der Schatten angekommen ist.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Maxim Biller: Mama Odessa. Roman
Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2023.  240 S.
ISBN: 978-3-462-00486-1
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