Rosinenpicker  Die Revolution kriegt ihre Kinder

İnan: Natürlich kann man hier nicht leben © Piper / Canva

Özge İnan ist ein äußerst lesenswerter Debütroman gelungen. Erzählt wird von der Türkei in den 1980er-Jahren, der schwierigen Entscheidung zur Emigration und der Allgegenwärtigkeit des Politischen.

İnan: Natürlich kann man hier nicht leben (Cover) © Piper Als Selim erfährt, dass Hülya schwanger ist, steht für ihn außer Frage, dass beide auf der Stelle das Land verlassen müssen. Die werdende Mutter hingegen traut ihren Ohren kaum. Eine Emigration aus der Türkei nach Deutschland würde nicht nur bedeuten, weit entfernt von Familie und Freundeskreis in einem fremden Land zu leben, dessen Sprache sie nicht spricht. Aufgeben müsste sie darüber hinaus nicht nur ihr Medizinstudium, sondern auch die gemeinsame Hoffnung des jungen Paares, im eigenen Heimatland aller Restriktionen zum Trotz doch noch etwas bewirken zu können. Sie kann nicht glauben, dass Selim, der sich seit dem Militärputsch während seiner Schulzeit in der politischen Linken engagiert, zu dieser Resignation bereit ist. Ihre Antwort fällt daher deutlich aus: „Natürlich kann man hier nicht leben. Aber deshalb haut man doch nicht einfach ab.“

Zwanzig Jahre später ärgert sich die sechzehnjährige Nilay, die in Berlin aufgewachsen ist und die Türkei nur von Familienbesuchen in den Sommerferien kennt, über ihren Vater. Zwar verfolgt Selim gebannt die Nachrichten über die Proteste auf dem Taksim-Platz, gibt sich aber fatalistisch in Bezug auf deren Erfolgsaussichten. „Merkwürdig, oder? Als hätte er nichts weiter damit zu tun“, wundert sich Nilay, die ihrerseits am liebsten in den nächsten Flieger nach Istanbul steigen würde, um ihren Teil zum Kampf gegen Polizeigewalt und Erdoğan-Regime beizutragen.  

Alles ist politisch

Özge İnan ist in jungem Alter durch die sozialen Medien zu einer gewissen Berühmtheit gelangt. Als Twitter noch Twitter hieß und der CEO noch nicht Elon Musik, machte sie dort vor allem mit meinungsstarken Kommentaren zum politischen Zeitgeschehen in Deutschland, der Türkei und darüber hinaus auf sich aufmerksam. Fast 80.000 Menschen folgen ihr heute auf der Plattform, die seit Neuestem nur noch unter dem Buchstaben X firmiert. İnan, die mittlerweile als Redakteurin für die Wochenzeitung Der Freitag arbeitet, gilt weiterhin als eine der gewichtigsten linken Gegenstimmen auf dem „Marktplatz der Debatte“, der zuletzt immer mehr von lautstarken Marktschreiern dominiert wird, die sich am anderen Ende des politischen Spektrums bewegen.

Wenig überraschend scheint es daher, dass auch in ihrem erzählerischen Erstlingswerk die Politik eine zentrale Rolle einnimmt. Im Zentrum steht dabei allerdings explizit nicht das tagesaktuelle politische Geschehen in der Türkei. Die Proteste des Jahres 2013 bilden nur eine äußerst knappe Klammer der Romanhandlung, und über die Nachwehen der Demokratiebewegung in den vergangen zehn Jahren schweigt sich der Roman gänzlich aus. Das erwachende politische Bewusstsein Nilays, die sich das Geburtsjahr mit ihrer Autorin teilt, ist vielmehr Anlass einer detaillierten Beschreibung der politischen Sozialisation ihrer beiden Elternteile in der Türkei in den 1980er-Jahren und damit auch ein Erklärungsansatz der politischen Apathie einer migrantischen Elterngeneration.

Mit viel Feingefühl beschreibt İnan die gesellschaftliche Atmosphäre, in der Selim und Hülya aufwachsen. Ausführlich widmen sich die einzelnen Kapitel verschiedenen Zeitpunkten. Die persönlichen Geschichten der Protagonist*innen sind dabei jeweils eng mit dem politischen Zeitgeschehen verbunden. Stück für Stück setzt sich aus diesen Episoden ein historisches Panorama zusammen. Es verdeutlicht eindringlich, wie sich zwischen 1980 und 1992 die Freiräume innerhalb der türkischen Gesellschaft immer weiter verengen. Wie die Politik in alle Ebenen des Zusammenlebens dringt und dadurch allgegenwärtig ist. Schule, Studium, Freundschaft, Liebe, Familie, Nachbarschaft, Sprache. Alles ist politisch, nicht zuletzt das Kinderkriegen.

Hoffnungsschimmer statt Happy End

Die große Stärke des Romans ist die Empathie, mit der seine Autorin die Zerrissenheit ihrer Hauptfiguren beschreibt. Den Kampf für ihre emanzipatorischen politischen Ziele führen Selim und Hülya nicht nur gegen ein repressives Regime, sondern auch gegen die Wertvorstellungen der eigenen Familien. Der schmerzhafte Verrat durch enge Verbündete und Freunde wird ebenso einfühlsam beschrieben wie der innere Kampf zwischen Loyalität gegenüber der gemeinsamen politischen Bewegung und dem persönlichen Verantwortungsbewusstsein gegenüber den eigenen zukünftigen Kindern.

Ein Happy End kann der Roman angesichts der politischen Realität selbstverständlich nicht präsentieren. Die Zukunft muss ungewiss bleiben, entbehrt dadurch aber nicht den Keim einer Hoffnung. Sie ruht auf zukünftigen Generationen von Kindern, die den politischen Staffelstab von ihren Eltern aufnehmen könnten.
 
Rosinenpicker © Goethe-Institut / Illustration: Tobias Schrank Özge İnan: Natürlich kann man hier nicht leben. Roman.
München: Piper Verlag, 2023. 240 S.
ISBN: 978-3-492-07168-0