Geschichten in einfacher Sprache  Freiwillige Selbstbeschränkung

Portrait von Annette Pehnt © Peter von Felbert

Mit einer extrem reduzierten Sprache geht Annette Pehnt in ihrem neuen Erzählband ein ungewöhnliches literarisches Experiment ein. Es ist absolut gelungen: Die existenziellen Geschichten entfalten gerade wegen dieser Beschränkungen eine Sogwirkung.

2020 erschien LiES. Das Buch, es war eine erste Sammlung mit „Literatur in Einfacher Sprache“. Hauke Hückstädt, Leiter des Frankfurter Literaturhauses, hatte zeitgenössische deutschsprachige Autor*Innen dafür gewinnen können, Kurzgeschichten mit einfachen Mitteln zu schreiben: Nur kurze Sätze sind erlaubt, jede Zeile enthält lediglich einen Satz, Fremd- oder Fachwörter sind verboten. 2023 ist LiES. Das zweite Buch erschienen, diesmal steuerte auch Annette Pehnt eine Geschichte bei.

Entschlackte Sprache

Diese Erfahrung inspirierte Pehnt zu einem weiteren Experiment. Sie schrieb den Band Einen Vulkan besteigen, der 25 „minimale Geschichten“ enthält. „Ich wollte wissen, was entsteht, wenn ich (radikaler als sonst) im Schreiben alles Überflüssige weglasse. Was geschieht mit der Sprache, wenn ich sie konsequent entschlacke, dass keine Füllwörter, keine verschachtelten Sätze, keine Ausschweifungen, keine elaborierten Metaphern Platz haben“, schreibt Pehnt in der Nachbemerkung.

Einfach im Sinne von unterkomplex sind Pehnts minimale Geschichten aber beileibe nicht. Und leicht im Sinne von unbeschwert auch nicht. Pehnt taucht in ihren Geschichten meistens direkt in die Gedankenwelt des jeweils Erzählenden ein. Es sind oft innere Monologe, die die Figuren führen. Der Einstieg in die Geschichten ist in der Regel unvermittelt, manchmal mit Selbstoffenbarungen wie: „Ich wünsche mir eine Schwester“, oder: „Gestern war ich noch gesund“, oder: „Papa ist gestorben, sagt mein Bruder.“ Manchmal aber auch mit betont neutralen Aussagen wie: „Ich sitze vor dem Haus.“

Pehnt: Einen Vulkan besteigen (Buchcover) © Piper

Gewaltiger Sog

Annette Pehnts Geschichte handeln von geheimen Wünschen und Gedanken, von Kindheit, Mutterschaft und Familienverhältnissen, von Krankheit und Tod sowie Ausgrenzungserfahrungen - also von existenziellen Themen. Sie entwickeln beim Lesenden einen gewaltigen Sog. Das liegt auch an dem stakkatoartigen, atemlosen Stil und wird noch dadurch verstärkt, dass jeder Satz oder Halbsatz mit einem Zeilenumbruch endet. So erinnern die Texte optisch an Langgedichte. Pehnts Erzählband war 2025 vollkommen zu Recht für den Bayerischen Buchpreis nominiert, für die Jury führt die Schriftstellerin vor, „wie aus dieser vermeintlichen Beschränkung eine große Befreiung des Erzählens werden kann – Lese- und Lernlust zugleich!“

In der titelgebenden Geschichte besteigt eine Frau einen Vulkan. Alleine. Ganz wohl ist ihr dabei nicht. Sie hat Angst zu stürzen und ist verunsichert. Beim Aufstieg denkt sie an ihren dementen Vater und ihren unangenehmen Chef im Büro. Und an die Gleichgültigkeit der Welt: „Niemand ist da, um mich zu finden. Dem Vulkan ist es egal.“ Was passiert, als sie am Ende stolpert? Wir wissen es nicht. So offen enden viele Texte. Pehnts minimale Geschichten sind wie das Leben, sie müssen enden, aber niemand weiß, wann und wie.
Annette Pehnt: Einen Vulkan besteigen
München: Piper, 2025. 288 S.
ISBN: 978-3-492-07404-9

LiES. Das Buch. Literatur in Einfacher Sprache
München: Piper, 2020, 288 S.
ISBN: 978-3-492-07032-4
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe (auch als Hörbuch).

LiES. Das zweite Buch. Literatur in Einfacher Sprache
München: Piper, 2023, 256 S.
ISBN: 978-3-492-07221-2
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe.