Die Lyrikerin Nora Gomringer hat einen besonderen Prosa-Band geschrieben, einen Nachruf auf ihre geliebte Mutter mit vielen Episoden aus dem Familienleben. Diese literarische Trauerarbeit ist berührend, aber auch witzig – ohne an Tiefe zu verlieren.
Gerade mit sehr gebildeten und insbesondere berühmten Eltern kann man es schwer haben, sind es doch zumeist starke, aber nicht unbedingt einfache Persönlichkeiten. Die Lyrikerin Nora Gomringer kann davon ein Lied singen. Sie ist die Tochter der Germanistin Nortrud Gomringer, geborene Ottenhausen, und von Eugen Gomringer, dem Begründer der Konkreten Poesie. Ihrer 2020 verstorbenen Mutter hat Nora Gomringer nun ein Erinnerungsbuch gewidmet: Am Meerschwein übt das Kind den Tod. Bereits im Untertitel kommt das Sprachspielerische der Autorin zum Ausdruck: Es ist kein Nachruf, sondern ein „Nachrough“. Grob oder derb ist das Buch allerdings nicht, ganz im Gegenteil.Gomringer liebte ihre Mutter, die sie seit Kindheitstagen zum Schreiben ermutigte, mit Literatur versorgte und außerdem ihre erste Lektorin gewesen ist. „Meine Mutter war die Literatin im Haushalt“: Das mag überraschend klingen, doch für Gomringer sind echte Literat*innen in erster Linie Lesende – und ihr Mutter hat sehr viel gelesen, sie verschlang alles, während Tochter und Vater als Schreibende nur selektiv lesen.
Romantische Mädchen sind durchweg langweilig
„Ich schreibe ihr hinterher als vermissende Tochter, als wütende Frau, als verstummte Dichterin“, so fasst Nora Gomringer ihre Gefühlslage zusammen. Auch eine lebenskluge Ratgeberin hat sie verloren, die ihr die Wichtigkeit von Humor und Lakonie vermittelte – und die ihre Tochter warnte: „Sei kein romantisches Mädchen. Die sind durchweg langweilig!“Der „Nachrough“ sollte Gomringer sicher auch dabei helfen, angesichts des großen Verlusts wieder zurück in ihr eigenes Leben zu finden. Durch den Tod ihrer Mutter sei ihre morbide Veranlagung nochmals gewachsen, sie sei seither „todessichtig wie nie zuvor“, nichts sehe sie mehr „ohne den Eindruck des Todes. Als wäre er ein Gerichtsvollzieher und hätte seinen Kuckuck-Aufkleber auf allem.“
Die Toten spenden großen Schatten
Natürlich bleibt der im August 2025 verstorbene Eugen Gomringer nicht unerwähnt – dargestellt als sehr auf sich und seine Kunst bezogene Persönlichkeit. Er war ein oft abwesender Vater und ein höchstens „punktuell monogamer“ Ehemann. Auf alles habe er seine Ansprüche erhoben, auch auf die Mutter: „Das ist nicht deine Mutter, das ist meine Frau“, sagte er einmal zur Tochter. Dass ihre Mutter ihren Mann – trotz einer zwischenzeitlichen achtjährigen Trennung – nie verlassen hat, vermag die Tochter nicht zu erklären. Sehr viel Verständnis sei wohl nötig gewesen, bei dem allerdings „keine Verwandtschaft mit dem Verzeihen“ bestanden habe.Vielleicht hat die derzeitige Hochkonjunktur von Erinnerungsbüchern auch damit zu tun, dass in unserer Gesellschaft das Gefühl vorherrscht, in einer Zeit zu leben, in der Vieles endet. Da wächst der Wunsch, die Vergangenheit wenigstens in Form von Erinnerungsbüchern zu bewahren. Aber Vorsicht: „Die Toten spenden großen Schatten. In denen ist man aufgehoben, wenn man nicht aufpasst, ein Leben lang“, so lautet ein anderer bemerkenswerter Satz in diesem an bemerkenswerten Sätzen reichen Buches.
Berlin: Voland & Quist, 2025, 207 S.
ISBN: 978-3-86391-461-5
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe.
Februar 2026