Roman über verpasste Chancen  Im Leben nebenan

Porträt von der deutschen Autorin Anne Sauer. © Tara Wolff

Ein Leben, zwei Wege. In ihrem Debüt erkundet Anne Sauer die Frage aller Fragen: Was wäre, wenn? Mit beeindruckender Leichtigkeit entfaltet sie zwei mögliche Lebensentwürfe ihrer Protagonistin und zeigt, wie nah Glück und Schmerz beieinanderliegen können. Ein Roman über Entscheidungen, verpasste Chancen und die Kunst, sich in jeder Version des eigenen Lebens wiederzufinden.

Was wäre, wenn …? Eine einfache Frage, und schon läuft das Kopfkino: Was wäre, wenn ich doch in eine andere Stadt gezogen wäre? Wenn ich mich nicht von XYZ getrennt oder etwas anderes studiert hätte? Wenn ich mich für ein Leben ohne Kinder entschieden hätte?

In ihrem Roman Im Leben nebenan nimmt die Autorin Anne Sauer diesen faszinierenden „Was wäre, wenn“-Gedanken als spannende Ausgangslage und zeigt schillernd und schonungslos, wie zwei unterschiedliche Versionen eines Lebens aussehen können – und wie es gelingt, in beiden Versionen zu sich selbst zu finden.

Anne Sauer: Im Leben nebenan (Buchcover) © dtv

Zwiespältiger Kinderwunsch

Toni und Jakob leben glücklich in ihrer kleinen Wohnung mitten in der Großstadt. Sie mögen ihre Arbeit, lieben ihre Freiheit an den Wochenenden, an denen sie am liebsten mittags ins Kino gehen (so schön leer!) und stundenlang quatschend auf dem sonnenwarmen Dielenboden ihres Wohnzimmers liegen. Eigentlich ist alles gut so wie es ist. Und dann steht, wie bei so vielen jungen Paaren, irgendwann die Kinderfrage im Raum.

In Tonis Umfeld ist die Frage für viele nur ein „wann“ und kein „ob“. Keine Grundsatzfrage, nur ein freudiges Planen des richtigen Zeitpunktes. Der kurze, prüfende Blick auf den Bauch beim Familientreffen, die Kommentare, wenn das Bier in der Hand alkoholfrei ist: „Du bist doch nicht etwa …” und „Darf man gratulieren?” Während Toni mit dem Gedanken hadert („Ich hab nur Angst, dass es was mit uns macht. Dass wir uns dann gar nicht mehr wiedererkennen.”) blickt ihr Partner Jakob dem Thema offener entgegen („Wir würden das schon irgendwie meistern. So im Team halt.”). Und so formt sich nach und nach ein „Warum nicht?” Einfach mal eine Zeit lang nicht mehr verhüten. Gucken, was passiert.

Doch es passiert ganz lange nichts. Zwei Jahre, in denen aus dem „Warum nicht?” in beiden ein fester Kinderwunsch gewachsen ist, eine zarte Vorfreude auf das, was sein könnte. Die Enttäuschung, als nach dem ersten positiven Test die Hoffnung auf ein heranwachsendes Leben bald wieder erstirbt, ist monumental.
 

Wenn das Leben eine zweite Richtung nimmt

Im Roman kommt hier der Cut – und die Autorin legt eine zweite Filmspur ein: Antonia wacht in einem sandfarbenen Schlafzimmer auf, einem Meer aus Beigetönen. Auf ihrer Brust liegt ein Neugeborenes. Etwa fünf Wochen alt. Neben ihr nicht Jakob, sondern der braungelockte Adam: ihre erste große Liebe.

Kapitel für Kapitel (jedes Kapitel gibt es doppelt; wir wechseln fortan zwischen Tonis und Antonias Leben) erfahren wir nun, wie das Leben der Protagonistin ausgesehen hätte, wenn sie im Heimatdorf geblieben und Adam der Vater ihres Kindes geworden wäre. Und wir erfahren, wie ihr Leben als kinderlose Frau weitergeht. Wie es ihr gelingt, sich neu auszurichten, nachdem ihr schmerzhaft bewusst wird, wie unvorhersehbar sich das Leben gestaltet. Dabei ist bemerkenswert, wie unprätentiös, einfühlsam und ohne Bewertungen die Autorin in ihren Beschreibungen beider Leben bleibt: Das Glück ist sowohl im Lächeln eines Säuglings zu finden als auch allein und frei beim Nacktbaden im Meer.

Auf dem Buchdeckel lese ich: „Anne Sauer zu lesen ist wie Serie schauen: mitreißend und süchtig machend.” Und genau so fühlt es sich an, wenn man zwischen den Paralleluniversen hin- und her switcht. Doch auch wenn es verlockend ist, sich dem schnellen Tempo des Romans hinzugeben, empfehle ich kein „Binge-Lesen“: Wer Im Leben nebenan all seine Aufmerksamkeit schenkt, wird mit einer bildhaften, körperlichen und präzisen Sprache belohnt, die lebendige Bilder im Kopf entstehen lässt und die die Spannung aufrechterhält – bis zum letzten, lebensbejahenden Kapitel.
Anne Sauer: Im Leben nebenan. Roman
München: dtv, 2025. 272 S.
ISBN: 978-3-423-28483-7
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe.