Franzobels aktueller Abenteuerroman erzählt in satirischer Manier vom historischen Wettlauf an den Nordpol, zugleich aber auch von der Begegnung zweier Kulturen, die einander fremd bleiben.
Als Franzobels Roman Hundert Wörter für Schnee im Februar 2025 herauskam, schien der Zeitpunkt perfekt: Das Interesse an einer Kontrolle Grönlands, das der amerikanische Präsident Donald Trump Ende 2024, kurz vor Beginn seiner zweiten Amtszeit, wiederholt zum Ausdruck brachte, schien das beste Marketing gewesen zu sein. Zynisch betrachtet wäre das Marketing wohl noch besser gewesen, wäre Franzobels Buch im Januar 2026 erschienen, als Trump seine Besitzansprüche mit militärischer Gewaltandrohung unterfütterte.Mittlerweile ist Trumps Fokus und somit auch der Fokus der Öffentlichkeit längst wieder auf andere Dinge gerichtet. In Franzobels Roman geht es zwar nicht um die Eroberung Grönlands, sondern um den historischen Wettlauf zum Nordpol, die koloniale Grundhaltung ist jedoch überdeutlich. Zu Beginn bezichtigt der eine Polarforscher, Robert Edwin Peary (1856-1920), den anderen, Frederick Cook (1865-1940), der Lüge. Beide hatten im Jahr 1909 behauptet, als Erster von Grönland aus den Nordpol erreicht zu haben. Den Ruhm wollten beide, aber es kann bekanntlich immer nur einen geben. Doch ist dem wirklich so? Tatsächlich erreicht hat den Pol vermutlich weder der eine noch der andere.
Einem ganzen Volk auf die Füße gestiegen
Im Roman steht zunächst das Leben Pearys im Zentrum, eines Mannes, den Franzobel als eitel, rücksichtslos und ruhmsüchtig darstellt. Peary sei ein Mensch, der sich niemals entschuldige, wenn er jemandem auf die Füße tritt, auch nicht, nachdem er „einem ganzen Volk auf die Füße gestiegen“ war. Gemeint sind damit die Inughuit (so der Name der Einwohner Nordgrönlands), in deren Heimat Peary zwischen 1886 und 1909 mehrere Expeditionen leitete.Neben Peary stellt Franzobel eine zweite Hauptfigur, den Inughuit-Jungen Minik, für den es ebenfalls ein historisches Vorbild gibt. Miniks Leben verläuft tragisch. Er wird von Peary als Kind mit fünf weiteren Grönländer*innen als Publikumsattraktion nach New York gebracht, auf Wunsch des stellvertretenden wissenschaftlichen Leiters der anthropologischen Abteilung des dortigen Naturkundemuseums. Vier der neugierig beäugten Indigenen sterben nach wenigen Monaten an Infektionskrankheiten, darunter auch Miniks Vater. Minik wird anschließend von einem Museumsmitarbeiter adoptiert, der sich allerdings als wenig vertrauenswürdig erweist.
Viele Jahre später erfährt Minik, dass man ihm das Begräbnis der verstorbenen Verwandten nur vorgespielt hatte. Tatsächlich waren ihre Skelette im Museum ausgestellt. Nach diesem ultimativen Verrat, an dem sein Adoptivvater maßgeblich beteiligt war, kehrt Minik 1909 nach Grönland zurück. Er wird dort jedoch nicht mehr heimisch, zu sehr hat er sich von seiner Herkunft entfremdet: „Ich stehe zwischen den Kulturen, bin ein Zerrissener“, sagt Minik über sich. Obwohl er bereits 1911 darum bat, nach Amerika zurückkehren zu dürfen, dauerte seine Rückkehr in die USA bis 1916. Dort stirbt er zwei Jahre später als Waldarbeiter an der Spanischen Grippe.
Opulent und süffig erzählt
Bei Franzobel sind die Inughuit nicht nur Objekte der Schaulust, sondern sie schauen auch kritisch auf die westlich-amerikanische Kultur. Beide halten den jeweils anderen für exotisch und rückständig. Verklärt werden die Indigenen jedoch nicht, denn sie haben grausame Rituale: „Bei Zwillingen tötete man den Schwächeren, weil zwei nicht durchgefüttert werden konnten. Starben Mutter und Vater vor dem dritten Geburtstag, wurde das Kind erdrosselt.“ Grotesk wird es, als ein Grönländer Peary und seiner mitreisenden Frau Josephine einen ortsüblichen Frauentausch anbietet. Als die beiden sein Ansinnen empört zurückweisen, wird ihnen als Draufgabe eine Delikatesse angeboten, ein Stück Walrossfleisch, „das im frostigen Boden ein Jahr lang vergraben war und nun … einen käsigen Hautgout verströmte“.Franzobel wirft in seinem Roman einen satirischen Blick auf den kolonialen Habitus und schreckt dabei vor Kalauern und Zoten nicht zurück. Er ist ein sinnlicher, manchmal auch brachialer Erzähler, dem der ungezügelte Spaß am Ausformulieren seiner Ideen wichtiger ist als die uneingeschränkte Anerkennung durch die Literaturkritik. Am Ende des opulenten und süffig erzählten Romans steht jedenfalls fest: Der Westen als moralischer oder ethischer Kompass für die restliche Welt hat nicht nur ausgedient, der Westen hat – außerhalb seines Selbstbildes – nie als solcher fungiert.
Wien: Zsolnay, 2025, 528 S.
ISBN: 978-3-552-07543-6
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März 2026