Über Siegfried Lenz als Virtuose der kleinen Form  Der Schwarzhändler der Freundlichkeit

Siegfried Lenz freundlich lächelnd vor einem Bücherregal sitzend, eine Pfeife in der Hand haltend, streckt dem Betrachter seine Arme öffnend entgegen.
Humor und Haltung – Siegfried Lenz mit seiner charakteristischen Pfeife, umgeben von Büchern © picture alliance / teutopress

Siegfried Lenz wurde vor 100 Jahren geboren. Sein Roman „Deutschstunde“ wurde augenblicklich zum Bestseller und hat sich bis heute über zwei Millionen Mal verkauft. Als Erzähler beherrschte er jedoch auch die kleine Form. Doch was macht die Leichtigkeit seiner Kurzgeschichten aus und was verraten sie über den Autor und seine Zeit?

Der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki hielt seinen Freund Siegfried Lenz für einen „Sprinter“, nicht aber für einen „Langstreckenläufer“. Während er die „außerordentliche Intensität“ und Konzentriertheit Lenz’scher Kurzgeschichten rühmte, schätzte er dessen Romane weit weniger. Man muss dieses Geschmacksurteil nicht teilen, denn sicher gehört zumindest die Deutschstunde zu den bedeutendsten und wirkungsmächtigsten Romanen der bundesdeutschen Literaturepoche. Und doch ist es kein Zufall, dass Siegfried Lenz mit Kurzgeschichten berühmt geworden ist – oder vielmehr mit Sammlungen von knappen, zusammengehörenden Erzählperlen, die die Vorzüge der kleinen Form nutzen, um ins Romanhafte zu tendieren.

Der Geist der Nachkriegszeit in kurzen Geschichten

Die masurischen Geschichten So zärtlich war Suleyken aus dem Jahr 1955 begründeten seine außerordentliche Beliebtheit und zählen bis heute zu seinen meistgelesenen Büchern. Lehmanns Erzählungen, die Bekenntnisse eines Schwarzhändlers von 1964, und die 1975 erschienenen „Bollerup“-Geschichten Der Geist der Mirabelle waren ebenfalls große Erfolge. Mehr noch: Diese Sammlungen bedienten die Bedürfnisse des Publikums auf einzigartige Weise und sind damit geeignet, den Geist der Nachkriegszeit herauszudestillieren.

So locker und humorvoll sie sich lesen, sind sie doch das Resultat harter Arbeit. Auch wenn Lenz nichts lieber tat als zu schreiben, war Schriftstellerei für ihn zuallererst Lohnarbeit. Er betrieb sie wie ein Handwerker, der seine Waren auf dem Markt verkauft. Geld war in den 1950er Jahren für freie Autoren vor allem im Radio und im Zeitungsfeuilleton zu verdienen, mit Essays und eben mit kurzen Geschichten. Das war der erste, zwingende Grund für die Dominanz der kleinen Form, die Lenz wie am Fließband bediente.
Lenz mit Sonnenbrille und Pfeife in der Hand in seinem Haus in Dänemark

Lenz in seinem Haus in Dänemark | © Siegfried Lenz Stiftung

Lehmann und der Mangel als Möglichkeit

„Die Not ist meine schönste Zeit“, ließ er seinen Schwarzhändler Lehmann erklären. „Schon früh erkannte ich, welche Möglichkeiten der Mangel birgt, die Knappheit an allen Dingen.“ Lehmann, dieser Virtuose des Spiels mit Angebot und Nachfrage, ertauscht sein Vermögen mit dem Anfangskapital von einhundertzwanzig eher wertlosen „Sahnelöffeln“ aus militärischem Restbestand. Alkohol für eine amerikanische Siegesfeier beschafft er aus den Beständen des Naturkundemuseums, wo er dazu diente, Tierpräparate in Glasbehältern haltbar zu machen und so zum Schnaps reifte. Lehmann gelingt es sogar, für einen melancholischen, vergangenheitsverlorenen alten Herrn ein echtes Kurfürstendenkmal aufzutreiben.

Der Schwarzhändler, der aus jeder Not ein Geschäft macht, ist ein Verwandter des Schriftstellers, der seine Geschichten als unerhörte Möglichkeiten entwirft. „Ich bekenne, ich brauche Geschichten, um die Welt zu verstehen“, sagte Lenz einmal. Er wollte der mangelhaften Wirklichkeit „abgeschlossene Schicksale“ entgegenstellen, um dem Chaos des zufälligen Geschehens eine stringente Handlung abzutrotzen. Seine Geschichten sind demnach konsequent im Alltagsleben angesiedelt, wo es darum geht, sich durchzuschlagen. Fürs große Ganze tragen seine Figuren keine Verantwortung. Historische Katastrophen kommen über sie wie schlechtes Wetter.

Lehmanns große Zeit reichte nur bis zur Währungsreform 1948, weil die danach einsetzende Sicherheit ihm die Geschäftsgrundlage entzog. Sicherheit macht unproduktiv. Der Schriftsteller Lenz jedoch blieb schöpferisch und knüpfte mit seinen Geschichten an den erzählerischen Neubeginn nach 1945 an. Lehmanns Erzählungen beginnen tatsächlich mit Kriegsende, als ob es kein Vorher gegeben hätte oder nichts Nennenswertes darüber mitzuteilen wäre. So richtete sich die Lenz-Leserschaft in der Nachkriegswirklichkeit ein, indem eine fiktive „Stunde null“ als Anfang gesetzt wurde.

Wie Lenz der Blechtrommel zuvorkam

In einem fast schon mythisch-zeitlosen Früher sind dagegen die Geschichten aus Masuren angesiedelt. Mit So zärtlich war Suleyken schrieb Lenz die verlorene Seenlandschaft seiner Kindheit ins westdeutsche Gedächtnis ein, ohne dabei jemals revanchistische Töne anzuschlagen. Mit seinen kauzigen, schelmisch-verschlagenen Figuren und seiner alles grundierenden Freundlichkeit gelang es ihm, diese versunkene Welt literarisch heraufzubeschwören, ohne sie wiederhaben zu wollen. Ihm ging es um die Seele von Land und Leuten, nicht um Grund und Boden. Blitzhafte Schläue, schwerfällige Tücke, tapsige Zärtlichkeit und rührende Geduld waren die Tugenden, die er dort vorfand. Und wenn Grass ein paar Jahre später mit der Blechtrommel den kaschubischen Dialekt literaturfähig machte, war Lenz ihm mit dem Masurischen schon zuvorgekommen.

Lenz war längst in Hamburg, an der Elbe und in Ostseenähe heimisch geworden und empfand sich schon deshalb nicht als Heimatvertriebener. Und doch taugte seine Literatur als Trostmittel für die Millionen, die aus den östlichen Gebieten vertrieben worden waren. Masuren – zwischen „Torfmooren und sandiger Öde“, zwischen „Seen und Kiefernwäldern“ – lag, so behauptete Lenz, „sozusagen im Rücken der Geschichte“. Da konnte er von Handwerkern und Besenbindern erzählen, vom Vollmond und vom Borkenkäfer, von all dem, was er als das „unscheinbare Gold der menschlichen Gesellschaft“ bezeichnete.

Über die Kunst des Heimischwerdens

Als hätte er dazu ein Gegenprogramm etablieren wollen, schrieb er zwanzig Jahre später in Der Geist der Mirabelle über das Dorf Bollerup: „Es liegt weder im Rücken der Geschichte noch in der geographischen Abgeschiedenheit, die der Idylle bekömmlich ist.“ Tatsächlich aber ändert sich auch in diesem fiktiven Bollerup nicht viel, wo die wortkargen Menschen schon seit Jahrhunderten allesamt Feddersen heißen, zum Fischen aufs Meer fahren, im Wald Bäume fällen und vor dem Haus ihr Brennholz stapeln. Idylle durchaus. Auch der Ich-Erzähler gehört zur Dorfgemeinschaft und wendet sich Geschichte für Geschichte an die „Nachbarn“, als wäre die Welt so klein. Heimat ist gleichbedeutend mit Beharrlichkeit: der Menschen ebenso wie der Verhältnisse. Auch in Bollerup ist alles, was sich ereignet, eher durchs Wetter und die Jahreszeiten, durch List und Verschlagenheit bedingt als durch die Zeitgeschichte.

Wenn Lenz mit Suleyken den Heimatverlust in Heiterkeit transformiert hatte, dann feierte er mit Bollerup das Heimischgewordensein. Auf der dänischen Insel Alsen, wo er seit den 1950er Jahren seine Sommer verbrachte, sammelte er die Geschichten erzählbereiter Freunde, die in Wirklichkeit alle Petersen hießen. Es wäre allzu einfach, diesen Texten ihre Harmlosigkeit vorzuwerfen. Viele haben das getan, und darin mag auch ein Grund liegen, warum Lenz neben Böll, Grass oder Walser immer ein wenig von oben herab behandelt worden ist und nie den Büchnerpreis erhielt. Er war ein bisschen zu leicht und zu unterhaltsam. Dagegen lässt sich sagen, dass er das anbot, woran es so sehr mangelte. Bestand die Sehnsucht der Deutschen nach 1945 nicht genau darin, in den Augen der Welt für harmlos zu gelten? Mit der Kraft der Empathie und der nicht zu brechenden Freundlichkeit, für die Lenz stand, konnte die deutsche Literatur sich wieder sehen lassen.
Siegfried Lenz: Der Geist der Mirabelle. Geschichten aus Bollerup
Hamburg: Hoffmann und Campe, 2012. 96 S.
ISBN: 9783455810783
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Siegfried Lenz: So zärtlich war Suleyken. Masurische Geschichten
Hamburg: Hoffmann und Campe, 2012. 144 S.
ISBN: 9783455810875
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Siegfried Lenz: Lehmanns Erzählungen oder so schön war mein Markt
Hamburg: Hoffmann und Campe, 2017. 112 S.
ISBN: 9783455002973
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