Mareike Fallwickl & Eva Reisinger über wütende Frauen  Befreiungsschlag für blutrünstige Männerhasserinnen

Kerzen in Penisform in verschiedenen Farben und Größen.
Faszination Phallus: Diese Kerzen in Penisform stehen zwar nicht im Museum, werden aber beim japanischen „Penis Fest“ verkauft. Foto (Detail) © picture alliance / ZUMAPRESS.com | Rodrigo Reyes Marin

Endlich ein Buch für und über Frauen, die keinen Bock mehr haben. Während man ihnen beim Ausbruch aus der Konvention zusieht, fühlt man Erleichterung. Ganz gleich wie überzogen und extrem ihre Reaktionen sein mögen: Wollen wir nicht insgeheim alle die Scheibe des Autos einschlagen, das uns auf der Autobahn rechts überholt hat?

Als ich in den Ankündigungen neuer Werke den Titel Das Pen!smuseum entdeckte, wusste ich: Dieses Buch muss ich lesen. Ich erwartete ein Sammelsurium lustiger Kurzgeschichten über Frauen, die – wie im Klappentext beschrieben – „sich anders verhalten, als die Gesellschaft es von ihnen erwartet und nicht mehr funktionieren müssen“. In der Tat sind einige der Geschichten so lustig, dass Frau beim Lesen lauthals lachen muss. Doch viel nachhaltiger sind die Gefühle von Bitterkeit und Bedrückung, sind der Frust und die Wut, die nach so mancher Geschichte zurückbleiben. Passend – eine der Hauptautorinnen, Mareike Fallwickl, schrieb auch das feministische Erfolgsbuch Die Wut, die bleibt.

Frauenbedürfnisse first

Gemeinsam mit Eva Reisinger (Männer töten) führt Fallwickl uns durch zwanzig Kurzgeschichten, darunter Gastauftritte von Jovana Reisinger (Pleasure) und Sophia Süssmilch. Dabei wechselt die Erzählform zwischen unterschiedlichen Schreibstilen von Erzählung, Loriot-artigem Dialog, Textnachrichten bis hin zu Listen. Die einzelnen Geschichten sind durch wiederkehrende Charaktere miteinander verwoben und werden durch Illustrationen von Andrea Z. Scharf ergänzt. Es geht um Frauen, die sich nehmen, was sie wollen. Nicht, weil es ihnen um ein Statement geht. In mancher Geschichte passiert dies, weil Frauenbedürfnisse hier an erster Stelle stehen – so wie Männerbedürfnisse sonst eben immer. Man erkennt beim Lesen, wie unkonventionell das ist – und wie normal es zugleich sein sollte. So sträubt sich doch zunächst alles in einem, denkt man an eine hochschwangere Frau, die fremdgeht, um ihre sexuellen Bedürfnisse zu erfüllen. Doch haben wir über die umgekehrte Variante – der fremdgehende Mann einer hochschwangeren Frau – nicht schon zuhauf in Büchern gelesen?

Cover des Buchs „Das Pen!smuseum“ © Leykam

Wer flaches Penis-Gerede erwartet, liegt mit dem Buch Pen!smuseum falsch. Leserinnen sollten zwar keine Berührungsängste mit Sex, dem männlichen Glied und diversen Körperflüssigkeiten haben, doch handelt es sich nicht um Erotik. Vielmehr sind hier feministische Geschichten versammelt, die sich manchmal wie eine Genugtuung, die perfekte Rache, ein erlösender Aufschrei, aber auch wie eine tröstende Umarmung und die Worte „Du bist nicht allein“ anfühlen. Oft sprechen mir die Protagonistinnen aus der Seele: mit ihrem Kampf um Gleichberechtigung, der so oft auf taube Ohren trifft, mit ihrer ewigen Erschöpfung und ihrem Aufschrei „Ich will nicht mehr.”

Racheakt der besonderen Art

Schon in der ersten Geschichte erkennt man sich auf ulkige Weise wieder. Obwohl die Situation absurd ist, herrscht ein Verständnis für die Protagonistin und ihre Taten:
Simone lebt in einer lieblosen Ehe, mit einem fremdgehenden Ehemann und ungleicher Verteilung der Haushaltsarbeiten. Sie ist nicht etwa sauer, dass ihr Ehemann sie betrügt, keinen Sex mehr mit ihr möchte oder dass es für ihn selbstverständlich ist, dass sie Essen kocht, während er jeden Tag nach seiner Heimkehr einen Mittagsschlaf macht. Nicht seine freche Annahme, sie umsorgte ihn, während er pausiert, ist es, die sie zur Weißglut bringt, sondern die Tatsache, dass sie selbst nicht die Ruhe hätte, sich zu entspannen, wenn nichts geplant, gekocht und eingekauft ist. So beginnt sie als Racheakt heimlich Bilder seines schlaffen Glieds zu machen. Nicht, um ihn in der Öffentlichkeit lächerlich zu machen – einfach nur für sie persönlich. Ihr ganz privates Penismuseum.

Wie dieses später doch das Licht der Welt erblickt, erfahren wir durch die dann folgenden Geschichten. Während uns Simones Penismuseum durch das Buch begleitet, erkennen wir uns selbst immer wieder: in der Normalität des Fatshamings gegenüber Frauen, im ewigen Lach-Doch-Mal-Leid. Die frisch gebackene Mutter Anna schreibt an ihre Freundin:
Mir reicht’s. Ich will einfach nur schlafen, meine Ruhe und some basic human rights. Kann nicht die ganze Zeit für Veränderungen kämpfen. Ich will morgens aufstehen und will, dass meine einzigen Sorgen sind, wie das Fußballspiel ausgegangen ist und wo ich mit dem Rennrad hinfahre.
Wir fühlen das, Anna.

In einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Penis, der als Machtinstrument in einer patriarchalen Welt fungiert, sollte es nicht überraschen, dass auch schwere Themen, wie sexuelle Gewalt und Nötigung, unmittelbar aufgegriffen werden. Doch es geht hierbei nicht um Frauen in der immergleichen Opferrolle, es geht um Rachefantasien. Die Reaktionen der Frauen sind den Taten der Männer ebenbürtig: emotional kalt, teils blutig, barbarische Poesie.
Die Autorinnen Mareike Fallwickl und Eva Reisinger

Die Autorinnen Mareike Fallwickl und Eva Reisinger | © Pamela Russmann

Absurdes und Reales

Was das Werk auszeichnet, ist die Absurdität mancher Geschichten. Gleichzeitig liegen ihnen wahre Ereignisse zugrunde, die unsere aktuellen Feminismus- und Gleichberechtigungsdebatten stark beeinflussen: Gisèle Pelicot, Mann-oder-Bär-Debatte, Taylor Swift. Gerade dieses Zusammenspiel aus tatsächlichen Begebenheiten und absurden Ausmalungen lässt einen oft innehalten und sich wundern: Sind die Taten der Frauen zu krass? Oder doch verständlich? Sind die Geschichten überzogen? Oder wären sie erwartbar, wenn die Protagonistinnen Männer wären?

Oft fühle ich beim Lesen Genugtuung und Zuspruch. Doch oft auch Wut auf meinen Partner – wenngleich er „einer von den Guten ist”. Ich bin wütend auf ihn, einfach nur, weil er ein Mann ist. Unfair? Vielleicht. Doch fraglich, ob meine Wut all die Situationen aufwiegt, in denen Frauen schlecht(er) behandelt werden, einfach nur, weil sie Frauen sind.
Mareike Fallwickl, Eva Reisinger: Das Pen!smuseum. Belletristik
Graz: Leykam, 2025. 216 S.
ISBN: 978-3-7011-8355-5