Alina Bronskys kulinarische Biografie  Geschmacksvergnügen

Kartoffeln und Ei mit Grüner Soße
Kartoffeln und Ei mit Grüner Soße © Benreis, CC BY 3.0 , via Wikimedia Commons

Essen ist lebensnotwendig, Essen ist Genuss. Alina Bronsky verknüpft Herzensmahlzeiten und persönliche Erlebnisse. Da erinnert Haferbrei an das Frühstück im Geburtsland Russland. Grüne Soße sorgt für Hessen-Vibes in Berlin. Zwölf Geschichten, die sich nachschmecken lassen – mit Rezepten am Kapitelende.

Wohnen, Arbeiten, Schlafen: In einer kleinen, feinen Reihe widmet sich der Hanser Verlag seit einigen Buchzyklen den wesentlichen Dingen des Lebens. Aber während ein Dasein ohne Spielen und Lieben bestimmt langweilig, aber denkbar ist, käme der Mensch ohne Essen nicht sehr weit. Alina Bronsky beschreibt in ihrem Essayband über die Facetten der Nahrungsaufnahme gleich auf der ersten Seite, warum es hier um ein existenziell wichtiges Thema für ausnahmslos alle geht:
„Du kochst wirklich jeden Tag?“ hatte ich … eine ältere Dame aus der … Verwandtschaft gefragt. „Wie hältst du das nur aus?“ „Ich habe eben jeden Tag Hunger“, antwortet ihr Mann für sie.

Brötchen ohne Seele

Aber essen, um zu überleben ist das Eine. Alina Bronsky präsentiert – kurzweilig und anregend – ihre „kulinarische Biografie“. Heißt: Es geht in den chronologisch sortierten Geschichten immer auch um Gefühle und Erinnerungen, die ein bestimmtes Gericht bei der Autorin auslöst: Was genau hat der seit früher Kindheit gelöffelte warme, graugelbe Haferbrei dazu beigetragen, dass Alina Bronsky so und nicht anders über den Unterschied zwischen ebendiesem „Kascha“ und einem ur-deutschen Frühstück denkt? Dieses wird ihr, die gerade mit den Eltern aus dem russischen Jekaterinburg nach Deutschland ausgewandert ist, auf ihrer ersten Klassenfahrt serviert: „Weiße Brötchen. Butter. Milch. Braunes Pulver mit dem seltsamen Namen Kaba. Kalte seelenlose Objekte. Ich frage mich, wie verzweifelt Menschen sein müssen, die so etwas essbar finden. … Die erste Mahlzeit des Tages hat schließlich warm zu sein und muss gelöffelt werden.“

Bronsky: Essen (Buchcover) © Hanser Berlin

Hafer als Liebesbeweis

Aus dem puren Entsetzen des sich zwischen zwei Kulturen befindlichen Kindes erwächst später eine durchaus soziologische Erkenntnis: „Mit etwas Abstand lässt sich sagen, dass ich hier zum ersten Mal eine Zugehörigkeit zu einem kulinarischen Kulturraum wahrnahm.“ Und diese Erkenntnis wiederum wird in praktisches Handeln übersetzt: „Seit ich Mutter bin, gibt es bei uns selbstverständlich jeden Morgen Haferbrei, denn ich habe meine Familie lieb.“ Um beide Welten zu versöhnen und in Einklang zu bringen, endet das Kapitel mit einem Rezept für Hafercookies, schließlich sind die „eine gute Möglichkeit, Zucker und Fett in der Tarnung eines halbwegs gesunden Snacks zu sich zu nehmen“.

Grüne Soße forever

Nahbar, subjektiv, der eigenen Entwicklung nachspürend, nicht moralisierend, keinen Trends folgend, ironisch, bisweilen auch spitz, manchmal gar sentimental: So geht es weiter in der an Herd und Kühlschrank geschulten Entwicklungsgeschichte. Wir lernen Frau Müller kennen, die das Mädchen Alina in die verführerische Welt des zuckrigen Naschwerks einführt. Und wir sind auch dabei, wenn die einst in Frankfurt wohnende und dann nach Berlin gezogene Autorin beim Genuss von selbstgemachter Grüner Soße in der deutschen Hauptstadt etwas für sie verblüffend Neues über ihre Identität lernt: „Ich wollte es lange nicht wahrhaben, aber im Herzen bin ich eine Hessin.“ Nach weiteren kulinarischen Meilensteinen schließt das Buch mit einer herzerwärmenden Weihnachtgeschichte über eine Früchtebrot-Connection mit einem wortkargen, einsamen Nachbarn, dessen Spuren sich über die Jahre verlieren.

Leichte Kost mit Nachwirkung

Das Buch ist, um im Bild zu bleiben, so schmal, dass eine Lektüre zwischen zwei Mahlzeiten zu schaffen ist. Es kommt einerseits sehr leichtfüßig, aber keinesfalls seicht daher und schafft es andererseits, eigene, durchaus vielschichtige Gedankenräume zu öffnen: Was waren die eigenen Lieblingsgerichte? Wer hat sie einem unter welchen Umständen zubereitet? Was blieb einem buchstäblich im Halse stecken und warum? Wie hängen Gesellschaft und Nahrungsgewohnheiten, wie Essen und Gefühle zusammen? Reichhaltiger Stoff für eine höchstpersönliche kulinarische Biografie – aber damit sollte man nicht beginnen, ohne eine gute Grundlage zu schaffen. Deshalb am besten Alina Bronskys letzten Satz beherzigen: „Ich mache jetzt eine Pause, denn es ist Zeit für das Mittagessen.“
Alina Bronsky: Essen
München: Hanser Berlin, 2025. 112 S.
ISBN: 978-3-446-28152-3
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe.