Wolfram Lotz hat fünf Jahre lang Träume aus Internetforen gesammelt – von Russland bis Portugal. Entstanden ist ein eigenartiges, stilles Buch: kein politisches Europa, kein Manifest, sondern das Porträt eines zahmen Kontinents von innen.
Wenn wir träumen, dann offenbaren sich uns unterdrückte Lüste und Sehnsüchte, bizarre Gestalten und verzerrte Räume, Schreckhaftes und Schauderhaftes. Doch nicht alle Träume sind derart drastisch, oft sind sie auch enorm unspektakulär und regelrecht pointenlos. Man könnte sie also glatt vergessen – oder sie in einem Buch zusammentragen. Das hat jüngst der Dramatiker und Schriftsteller Wolfram Lotz mit Träume in Europa getan und ist damit einmal mehr seinem Ruf als unkonventioneller Literat gerecht geworden.Lotz' Legende der heiligen Schrift
Der in Hamburg geborene Schriftsteller ist in den letzten 15 Jahren zu einer Art Kultfigur der deutschsprachigen Literaturszene geworden. Sein Durchbruch gelang ihm mit seinen Theaterstücken Einige Nachrichten an das All, Der große Marsch und Die lächerliche Finsternis. Als Theatergenie gefeiert, erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, darunter als „Nachwuchsautor des Jahres“ (2011) und „Dramatiker des Jahres“ (2015).Anschließend wurde es still um Lotz. Mit Ausnahme des Sprechtexts Die Politiker (2019) erschien zunächst keine weitere Arbeit des im Schwarzwald aufgewachsenen Dramatikers. Umso überraschender kam 2022 die Veröffentlichung seines 900-seitigen monumentalen „Totaltagebuchs“ Die Heilige Schrift I. Darin schreibt er über sein Leben im Elsass mit seiner dort beruflich tätigen Partnerin und ihren beiden Kindern. Minutiös dokumentiert er über Jahre hinweg den Wahnsinn des profanen Alltags, schreibt sich in eine Manie hinein, 3000 Seiten, unzählige Dateien auf einem alten Computer, der jeden Moment abzustürzen droht. Den Großteil löscht er. Ein Befreiungsschlag, wie Lotz sagt. 900 Seiten überleben dennoch, eher zufällig, als Freunde darauf aufmerksam werden und die Texte schließlich ihren Weg zu seinem Verlag finden. Ein „endloser, unlesbarer Wust, der ihn umgehend zur Legende macht.“
Mit Merkel und Johnson auf der Rückbank
Mit Träume in Europa hat Wolfram Lotz nun ein weiteres eigenwilliges Buch vorgelegt. In knapp 30 Internetforen hat der inzwischen in Leipzig lebende Autor Träume zusammengetragen. Es sind Träume vom Ural bis an den Tejo, aus Russland, Ungarn, Polen, Finnland, Dänemark und Portugal. Aneinandergereiht präsentieren sie ein großes kollektives Subjekt. Nicht zuletzt, weil ihre Urheber anonym bleiben und nicht beim Namen genannt werden.Die Varianz der Träume ist groß und vielfältig. Mal sind es zwei Sätze, mal fünf Seiten. Mal paaren sich ein Apfel und eine Aprikose und zeugen einen Pfirsich, mal ist jemand auf der Flucht vor einem aggressiven Macbook oder sitzt mit Boris Johnson und Angela Merkel auf der Rückbank im Auto.
Wie üblich ist im Traum vieles überraschend, so spricht etwa Tina Turner wie selbstverständlich dänisch und braucht dringend Augentropfen „in grey“. Oft begegnet den Menschen in ihren Träumen etwas, wofür sie sich im realen Leben überhaupt nicht interessieren, zum Beispiel Reese Witherspoon oder Australien.
© S. Fischer | © S. Fischer
Lotz‘ Prinzip der Aufzählung
Nun lässt sich zurecht fragen: Was hat uns all das zu sagen? Worin liegt die schriftstellerische Leistung des Autors, bestehende Texte in ein schmales Büchlein zusammenzutragen? Und was hat das überhaupt mit Europa zu tun?Erhellendes hierüber erfährt man im Gespräch mit dem Autor auf der Verlags-Webseite:
Manchmal war es nur ein Satz, den ich genommen habe, oft ganze Passagen, manchmal fast der komplette Traum, aus dem ich dann aber beispielsweise Zeug herausgeschnitten habe, um ihn in eine literarische Kraft zu klären. […] Manche der Träume bestehen auch aus mehreren montierten Teilen aus völlig unterschiedlichen Träumen, bei denen ich dann die Sprache zu einem Kontinuum verbunden habe.
Das Buch als offenes Puzzle
Wie auch in seinen anderen Texten verfährt Lotz nach dem Prinzip der Aufzählung. Ein Traum folgt hier dem nächsten. Es ist ein fortlaufendes „und, und, und“ – ermüdend für die einen, erhellend für die anderen. Insbesondere, wenn vordergründig nichts Aufregendes geschieht. Doch gerade dort, wo das „Abenteuer-Potenzial ausläuft“ und ein Traum im Nichts endet, wird es für Lotz interessant. Denn in Europa, so seine Beobachtung, gehen die Dinge meistens wieder gut aus – man ist krank, geht zum Arzt und wird gesund, man fährt den Berg hinunter, schlittert und kommt sicher unten an. Diese unspektakuläre „seltsame Sachlichkeit" ist es, der Lotz in den vorgefundenen Träumen gefolgt ist, „eine Traurigkeit, die eben eher undramatisch ist."Neben den zahmen und ereignislosen Träumen sind im Band ebenso irrwitzige, verstörende und obszöne Träume versammelt. So stellt eine Frau in einem Moment bestürzt fest, sie sei Adolf Hitler. In einem anderen Traum finden sich Verwandte zu einer Orgie für Oralsex zusammen. Lotz‘ Leistung besteht auch darin, aus diesem vielstimmigen und vielschichten Texten ein offenes Puzzle zu formen: Jeder Leser wird die offenen Enden auf seine Art miteinander in Verbindung bringen und sein eigenes Traumbild schaffen.
Die sprachliche Gestaltung indes ist wie aus einem Guss. Und dennoch hinterlässt es einen mit mehr Fragen als Antworten. Doch ist das nicht genau das Gefühl, mit dem man aus einem Traum erwacht?
Frankfurt am Main: S. Fischer 2026, 112 S.
ISBN: 978-3-10-397717-2
März 2026