Eine Reise in die Familiengeschichte  Das große Schweigen

Portrait Judith Hermann © Andreas Reiberg

Judith Hermann begibt sich in ihrem neuen Buch nach Polen, auf die Spuren ihres Nazi-Großvaters. Noch mehr aber erzählt sie vom Schweigen in Familien und dem unmöglichen Schließen von Leerstellen.

Seit ihrem sehr erfolgreichen literarischen Debüt Sommerhaus später (1998) gehört Judith Hermann zu den Stars der deutschsprachigen Literatur. Wie alle anderen Bücher von ihr, fand auch ihr neuestes Werk Ich möchte zurückgehen in der Zeit, in dem sie der Geschichte ihres Großvaters, eines überzeugten Nazis und Mitglieds der Waffen-SS, nachspürt, viel Aufmerksamkeit in den Feuilletons und beim Lesepublikum.

Nicht wenige Literturkritiken fielen allerdings negativ aus: Es sei ein „unfertig wirkendes Buch“, Hermanns literarische Methode des Herantastens werde dem Thema nicht gerecht, das „Literarisieren“ des Großvaters, also das Verwischen der Grenze zwischen Fakt und Fiktion sei geradezu „anstößig“. Gleichzeitig wurde das Buch auch verteidigt und trotz kritischer Debatte innerhalb der Jury mit Platz 1 der SWR Bestenliste März 2026 belohnt. Es werde das falsche Maß angelegt, es gehe nicht um die Aufarbeitung von Zeitgeschichte, keine Tätergeschichte werde erzählt, sondern von Leerstellen in den familiären Erzählungen. Im typischen Judith-Hermann-Sound vermittle die Autorin, wie schwer es ist, mit der dunklen Ahnung von Verbrechen zu leben.

Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit (Buchcover) © S. Fischer

„Du literarisierst“

Man kann Hermanns neues Buch als logische Folge ihrer 2023 erschienenen Frankfurter Poetikvorlesungen (Wir hätten uns alles gesagt) betrachten, in denen es auch um ihre zerrütteten Familienverhältnisse ging. Ihr neues Erinnerungsbuch handelt nämlich nicht nur von dem Nazi-Großvater. Ihm ist allerdings der erste und umfangreichste Teil gewidmet. Darin schildert Hermann ihre Recherchereise ins polnische Radom, wo es ein Außenlager des KZ Majdanek und ein Ghetto mit über 30.000 Gefangenen gab, das im April1942 brutal geräumt wurde. Ihr Großvater war in dieser Zeit dort stationiert. Doch niemand in der Familie weiß etwas über diesen Mann. Lediglich ein Foto von ihm gibt es noch, das ihn im Juli 1941 in SS-Uniform auf einem Motorrad in Radom zeigt.

Die fast achtzigjährige Mutter der Ich-Erzählerin hat nur brüchige, widersprüchliche Erinnerungen an ihren Vater, der die Familie nach dem Krieg verließ, als sie noch ein Kind war. Um ihn hüllt sich ein Mantel des Schweigens, der nicht nur aus Unwissen resultiert. Insbesondere ihrer Mutter wird auch eine gewisse Unwilligkeit, sich zu erinnern, unterstellt. Diese wirft der Tochter im Gegenzug vor, eine „Sache“ aus dem Großvater zu machen. „Du literarisierst“, sagt die Mutter mehrfach zur Schriftsteller-Tochter.

Der Großvater, ein Cold Case

Der Großvater ist die große Leerstelle in der Familie – und „ein schrecklich blinder Fleck… Mein Großvater ist in jeder Hinsicht ein Cold Case“. Etwas kriminalistisch geht die Erzählerin diesen Fall auch an. Sie recherchiert – ergebnislos – im Bundesarchiv. Nachdem ihre Mutter eine vorübergehende globale Amnesie erlitt, macht sich die Tochter auf den Weg nach Polen. Es folgt eine Spurensuche im Ungefähren, ohne klares Ziel, ohne klaren Plan.

Als „blasse Deutsche in Wollpullover und Pulswärmern“ irrt sie, sich selbst beobachtend, durch Radom.  In einem Café sitzend und Mitscherlichs Die Unfähigkeit zu trauern lesend, kommt sie sich wie eine „Schaustellerin“ vor, „klar bedenklich, wenn nicht schlicht komplett daneben“. So bleibt auch die Reise ergebnis-, aber nicht folgenlos. Literarisch scheitert sie, das konnte ihrer Ansicht nach auch nicht anders sein: „Wenn ein Text über eine solche Reise gelungen war, war er zugleich missglückt.“

Die Zeit, ein schwarzes Loch

Dem ersten folgt ein zweiter Teil, in dem die Erzählerin von Krakau aus über Wien, wo sie eine Ausstellung über den Holocaust im familiären Gedächtnis besucht, nach Neapel reist, wo ihre Schwester samt Familie lebt und als Archäologin arbeitet. Auch im Leben der Schwester muss über das Böse in der Welt geschwiegen werden – um die Kinder zu schützen: „Meine Schwester ist der sicherlich vernünftigen Ansicht, das Dunkle in der Welt zeige sich früh genug … Aber man könne, bis es so weit sei, nicht darüber sprechen.“ Der Großvater hat am Ende der Episode in Neapel einen Kurzauftritt in der Imagination der Erzählerin, als Geist, der auf eine Bühne tritt, dann aber wieder „verblasst. Kippt ins Dunkle zurück“.

Den Abschluss bildet das dritte und kürzeste Kapitel, überschrieben mit dem schönen dänischen Ausdruck „Tidslomme“ (Zeittäschchen). Hier erfahren wir, dass die Schwiegereltern der Erzählerin einmal tagelang verschwunden waren und nie über das Vorgefallene sprachen. Auch dieses Geschehnis bleibt eine dauerhaft beschwiegene Leerstelle, über die sich nur mutmaßen lässt. Das Leben ist voll solcher Schlupflöcher in der Zeit, das des Großvater ist ein veritables „schwarzes Loch, eine Kaverne, in die hinein sich ein Mahlstrom ergießt“.

Hermann nimmt die eingangs erwähnten Kritikpunkte an ihrem Buch vorweg. In einem SWR-Interview sagt sie, dass Ich möchte zurückgehen in der Zeit kein Buch über den Gespenster-Großvater ist, sondern über „das Schweigen in Familien“ – und es ist eine Introspektion der Ich-Erzählerin. Die Aufarbeitung von Geschichte kann vielleicht immer nur ein Bemühen sein, bei dem kein vollkommenes Gelingen möglich ist. Literarisch gescheitert ist das Buch jedenfalls nicht. Es endet mit einem schönen Gleichnis: In den Nachkriegsruinen von Berlin spielt die Mutter – damals noch Kind – ein Spiel namens „Geheimnis“ und vergräbt Dinge: „Winzige Sarkophage, manche überdauerten, andere nicht.“
Judith Hermann: Ich möchte zurückgehen in der Zeit
Frankfurt: S. Fischer, 2026, 160 S.
ISBN: 978-3-10-397764-6