Annekathrin Kohout hat ein äußerst lesenswertes Buch über die Kommunikation im Internet geschrieben. Spätestens nach der Lektüre werden alle Leser*innen den dringenden Wunsch verspüren, ihr eigenes kommunikatives Verhalten zu reflektieren – online und offline.
„Willkommen in der Reaktionskultur!“ Mit diesen Worten begrüßt die Kulturwissenschaftlerin Annekathrin Kohout zu Beginn ihres Buches Hyperreaktiv ihr Lesepublikum – und bietet sich direkt als kompetente Reiseführerin für einen Streifzug durch die mitunter abenteuerliche Welt der modernen Internetkultur an. Qualifiziert ist die Autorin dafür nicht nur aufgrund ihres akademischen Hintergrunds, sondern auch dank ihrer eigenen Userinnen-Biografie.Kohout beschreibt, wie sich der Umgang mit sozialen Medien seit deren Durchbruch in den Nullerjahren verändert hat, Sie tut dies aus der Perspektive einer Beobachterin, die jeden dieser Schritte aus nächster Nähe miterlebte: von der eigenen Hoffnung auf eine Demokratisierung des Diskurses durch Vielstimmigkeit bis zu den mitunter dystopisch anmutenden Zuständen der digitalen Gegenwart. Geschickt verbindet Kohout dabei Analytisches und Anekdotisches. Immer wieder nutzt die Autorin ihren schier unendlichen Fundus an Screenshots, die sie als Beweismaterial über die Jahre angesammelt hat. Anhand von anschaulichen Fallbeispielen zeigt sie im Detail, wie online neue soziale Dynamiken und Machtverhältnisse entstehen, deren Wirkung weit über die Sphäre des Internets hinausgehen.
Die Antwort ist … Was war nochmal die Frage?
Annekathrin Kohut konzentriert sich darauf, eine digitale Diskussionskultur zu beschreiben, die weitgehend kommunikationsverweigernd erscheint. Die Autorin prägt den Begriff „Antwort ohne Rede“ für ein im Netz weit verbreitetes Phänomen: Nutzer*innen sozialer Medien platzieren ihre Reaktionen strategisch – und sind wenig bis gar nicht daran interessiert, ein konstruktives und nuanciertes Gespräch zu lancieren. Viel eher geht es bei der gezielten Inszenierung von Repliken darum, längst feststehende Überzeugungen zu untermauern und sich selbst aufmerksamkeitswirksam zu positionieren. Einer deutlich sichtbaren Verortung der eigenen Online-Persönlichkeit – ob politisch, moralisch oder kulturell – kommt im hyperreaktiven Umfeld der digitalen Kommunikation eine enorme Bedeutung zu: Pausenlos sind User*innen aufgefordert, sich zu gesellschaftlichen Themen zu äußern und Stellung zu beziehen – häufig, ohne in der Lage zu sein, dies auf fundierte Art und Weise zu tun.Bezeichnend ist, dass den vielschichtigen Kaskaden der Reaktion dabei oft ein Grad an Aufmerksamkeit geschenkt wird, der die Beachtung des originären Inhalts übersteigt. Reaktionen erhalten somit einen Werkcharakter – sie entwickeln eine eigene Ästhetik, die je nach Plattform spezifisch ist.
Zu viel Gefühl
Eindrücklich zeigt Kohout auf, wie Bildsprachen entstehen, die dazu genutzt werden können, systematisch Neuinterpretationen von Inhalten zu erzeugen und damit emotional aufgeladene Reaktionen auszulösen. Die perfide Logik, mit der in sozialen Medien algorithmisch Beiträge bevorzugt werden, die ein hohes Maß an Interaktion hervorrufen, tut ihr Übriges: Immer häufiger zählt im Netz nicht das am meisten, was wohlbegründet ist, sondern das, was die Rezipienten emotional dort abholt, wo sie sich bereits befinden.Diesen Trend begünstigt, dass es sich bei der digitalen Sphäre um ein Biotop handelt, in dem Misstrauen regelrecht floriert. Eine grundsätzliche Skepsis gegenüber jeglichen medialen Inhalten gehört zu den Tropen der modernen Online-Kommunikation. Vertraut wird in der Regel den Inhalten, die die eigene Weltsicht bestätigen. Inhaltlich störende Beiträge lassen sich leicht als manipuliert bezichtigen, ohne dass es einer weiteren Erklärung bedarf. Die Gefahr ist groß, dass der zunehmende Einsatz von Künstlicher Intelligenz diese allgemeine Vertrauenskrise dramatisch verschärfen wird.
Plädoyer für Ambivalenz
Am Ende ihres Buches verweist Annekathrin Kohout auf die Schwierigkeit, sich anhand des rasanten technologischen Wandels eine nuancierte Betrachtungsweise zu bewahren. Wie leicht kann es da passieren, dass man zwischen die Fronten eines erbitterten digitalen Kulturkampfes gerät: ausgetragen zwischen uneingeschränkt optimistischem Fortschrittsglauben und dystopischer Untergangsstimmung. Stattdessen wirbt die Autorin dafür, die Ambivalenz als produktive Kraft auszuhalten. Wie gut das den Leser*innen von Kohouts intelligentem Sachbuch gelingen wird, liegt wohl auch in der Bereitschaft jeder Person, das eigene Online-Verhalten kritisch zu hinterfragen. Hyperreaktiv kann da keine allgemeingültigen Verhaltensregeln liefern, sondern lediglich dazu anraten, genauer hinzuschauen, was sich hinter jedem einzelnen „Like“ oder Kommentar verbirgt. Lohnenswert ist ein reflektierter Umgang mit der Online-Kommunikation in jedem Fall. Schon längst lassen sich digitale und analoge Welt nicht mehr voneinander trennen – und damit schwappen viele der beschriebenen Trends unmittelbar in das „reale“ Offline-Miteinander über.Berlin: Klaus Wagenbach, 2025. 160 S.
ISBN: 978-3-8031-3762-3.
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe.
April 2026