Dara Brexendorf wählt eine ungewöhnliche Ausgangssituation für ihr Romandebüt: Sie präsentiert Ada, eine junge Frau, die unter Endometriose leidet – und die in ihren Gedanken die Entwicklung ihrer Körperlichkeit nachzeichnet, verbunden mit Freuden, aber auch mit großem Schmerz.
Wie erinnern wir uns an Vergangenes, an Schönes, an Schmerz, an die erste Liebe? In Dara Brexendorfs Romandebüt Paradise Beach geht es um dieses Zurückblicken, um die Erinnerung an den eigenen jugendlichen Körper und um schmerzliche Erfahrungen während eines langen Sommers an der Ostsee. Es sind die Erinnerungen von Ada, die viele heiße Sommertage und -nächte fast schlaflos in ihrer Wohnung verbringt – in einem Stillstand, ausgelöst durch die Nachwirkungen einer Endometriose-Operation.
Sommerfreude und einschneidender Schmerz
Ada denkt daran zurück, wie es damals war, vor 15 Jahren, als sie mit ihrer Cousine Lill die eigene Körperlichkeit entdeckt und damit auch die Wahrnehmung von außen und den einhergehenden Versuch, den eigenen Körper zu „verbessern“. Die Mädchen verbringen ihre Tage hauptsächlich damit, am sommerlichen Ostseestrand zu liegen, andere Strandbesucher*innen zu beobachten und sich am titelgebenden „Paradise Beach“ aufzuhalten, einer Pommesbude an der Strandpromenade.Die dreizehnjährige Ada erfährt in diesem Sommer zum ersten Mal einen besonderen körperlichen Schmerz. Er wird ausgelöst durch ihre erste Menstruationsblutung und begleitet sie fortan: „Das Bluten passiert nicht einfach. Es ist etwas, das ihr passiert. Wie ein großes Unglück, das sie nicht verarbeiten kann.“ Sie unterdrückt den Schmerz, behält diesen für sich, meint, ihn aushalten zu müssen und erlegt sich auf, „sich nicht so anzustellen“. Später vergleicht die erwachsene Ada ihren Uterus „wie eine Landschaft“, wie einen Strand, mit „violettfarbenen Algen, die sich auf die Dünen legen“, versucht so, ein neues Verhältnis zu ihrem Körper zu entwickeln.
Aus der Vergangenheit heraus die Gegenwart verstehen
Die Protagonistin setzt mittels Erinnerung ihr einstiges und ihr gegenwärtiges Selbst zueinander in Beziehung, verklärt die Vergangenheit dabei aber nicht. Ähnlich wie bei der viel gelobten ZDFneo-Serie Chabos, in der Protagonist Peppi, ein typischer Millenial, sich in der Jetztzeit an seine Jugend im Jahr 2006 erinnert, spannt auch Paradise Beach einen Bogen zu den kulturellen und sozialen Codes der 2000er-Jahre und nimmt problematische Strukturen wie (unter anderem) den „male gaze“ und die Objektivierung des weiblichen Körpers in den Blick.Zarte Empfindung
Nicht zuletzt ist Paradise Beach ein Coming-of-Age-Roman und eine zarte Liebesgeschichte: Ada trifft die gleichaltrige Elja erst beim Basketballtraining und später am Strand. Gemeinsam testen sie Grenzen aus, rauchen Gras, betrinken sich. Dabei merkt Ada, dass sie mehr für ihre neue Freundin empfindet. Dieses unbekannte, verwirrende Gefühl beschreibt die junge Frau als „Verschiebung“, als kaum zu definierende Empfindung. Mit Elja findet Ada ihr persönliches „Paradies“, fühlt sich verstanden und ist fasziniert von deren unbeschwertem Umgang mit dem eigenen Körper.Die Verbindung aus poetischer Sprache, Thematisierung des Körpers, aus Erinnerungen und Kritik am Umgang mit dem weiblichen Schmerz machen Dara Brexendorfs Roman zu einem einprägsamen Werk der gegenwärtigen feministischen Literatur – zu einer Lektüre, die lange nachwirkt.
Köln: Eichborn, 2026. 256 S.
ISBN: 978-3-8479-0237-9
April 2026