In seinem neuen Buch kann man Clemens J. Setz bei seiner Schriftstellerwerdung begleiten, bekommt Einblicke in sein Denken und erfährt auch sehr Persönliches. Es ist ein Dokument beeindruckender Offenheit.
Clemens J. Setz ist einer der originellsten deutschsprachigen Autoren und immer für eine Überraschung gut. Mit seinem im Oktober 2025 erschienen Werk, Das Buch zum Film, ist ihm ein weiterer Coup gelungen. Mit „Film“ ist der Film seines Lebens gemeint. Denn sein Buch versammelt ausgewählte, chronologisch angeordnete Tagebuch-Einträge aus den Jahren 2000 bis 2010.Zu Beginn dieser zum Teil sehr persönlichen Aufzeichnungen ist Setz 18 Jahre alt und beginnt seinen Zivildienst in einer Einrichtung für Menschen mit Behinderung in seiner Heimatstadt Graz. Auf den folgenden 170 Seiten begleitet man den Autor durch sein Leben und Denken, das Buch erzählt seine Coming of Age-Geschichte als Schriftsteller. Angelehnt an ein Internet-Meme heißt es im Vorwort: „Das ist Clemens. Er ist das Konzept, das entsteht, wenn du die folgenden Jahre liest“.
Messieness des Alltags
Wie Setz in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur erzählt, plante er zunächst, seine Lebensgeschichte als Erzählung oder Roman umzusetzen. Mit diesen Versuchen war er jedoch unzufrieden, da ihnen die „Messieness des Alltags, das nicht mit sich immer Einssein“, fehlte. Denn im Gegensatz zu Literatur sei das Leben nicht kohärent. Eine inkohärente Romanfigur sei kaum zu verstehen, auch wenn es natürlich experimentelle Literatur gebe, die das Wirrsal der menschlichen Existenz stilistisch abzubilden versuche. Schließlich kam Setz zu dem Schluss, dass ein „kuratiertes“ Tagebuch mit möglichst kurzen Einträgen am besten geeignet sei, die Sprunghaftigkeit des Daseins abzubilden.Es ist erstaunlich, was Setz in relativ jungen Jahren gelesen hat, sehr abseitige Autoren wie etwa Thomas Traherne, einen mystischen englischen Dichter aus dem 17. Jahrhundert, aber auch den britischen Neurologen und populärwissenschaftlichen Schriftsteller „Oliver Sacks, immer wieder Oliver Sacks, mein literarisches Wachhaltetonikum“. Einzelne Eintragungen bestehen nur aus Titel-Ideen, die teilweise ebenfalls abseitig klingen: „Sorge um das Satyrspiel im Winter. (Titel für Geschichte)“ oder „Eine Geschichte über Schlachthausfliegen“.
Katastrophenstimmung
Gewalttätige Väter sind ebenfalls Thema im Buch, zum einen bei einer frühen Freundin, zum anderen litt Setz unter seinem eigenen Vater: „J. ist zu Hause bei ihren Eltern in Innsbruck, bei ihrem brutalen Vater, der sie schon weiß Gott wie misshandelt hat; ärger als mein eigener mich“. Immer wieder verschwindet sein Vater, manchmal tagelang. Die daraus resultierende heimische „Katastrophenstimmung“ zermürbt und nervt den Sohn: „Wen interessiert sein scheiß Geheimnis“. Zu seiner Mutter findet sich diese Notiz: „Ein Ich besucht seine Mutter. Seine Mutter ist ebenfalls ein Ich. Große Verwirrung“. Geborgenheit findet er beim nächtlichem Radiohören auf einem Weltempfänger.Neben vielen Alltagsbeobachtungen denkt Setz über Literatur sowie den eigenen literarischen Status nach: „Noch ist nichts von dem, was ich von mir gebe, wirklich von mir“, schreibt Setz im März 2002. Im März 2005 ist Setz immerhin von seiner Imagination überzeugt: „Es gibt Dinge, die auf der ganzen Welt nur ich allein denken kann. Aber ich schreibe dann immer nur die anderen auf …“
Mann mit Hut
Als er 2008 zum Ingeborg-Bachmann-Preis eingeladen ist, vergisst er vor der Lesung, seinen Hut abzunehmen, und wird als „Mann mit dem Hut“ angesprochen. Der ebenfalls eingeladene Ulf Erdmann Ziegler habe ihn wohl für „komplett bescheuert“ gehalten. Immerhin gewinnt er den Ernst-Wilner-Preis für eine „höchst hintersinnige Geschichte über das Wägen und Abwägen“, die zeige, was übermäßiger Fleischgenuss aus Männern machen könne. Am Ende der Aufzeichnungen im Januar 2011 hat er bereits zwei Romane geschrieben und hat ein paar Auszeichnungen erhalten. Im selben Jahr nimmt seine Karriere mit dem Preis der Leipziger Buchmesse (für seinen Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes) endgültig Fahrt auf.Das Buch zum Film ist ein Steinbruch an Gedanken, Ideen sowie Bruchstücken aus Setz‘ Leben. Setz liefert zudem die Musik zum Film seines Lebens, seien das die amerikanische Rockbands Eels oder Blind Lemon, das britische Elektronik-Duo Underworld oder das Hilliard Ensemble. Ich kann mich dem Urteil von Michael Wurmitzer in Der Standard nur anschließen: „Eine der zartesten, bezauberndsten Neuerscheinungen der Saison“.
Salzburg: Jung und Jung, 2025, 170 S.
ISBN: 978-3-99027-428-6
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe.
Mai 2026