Der Wiener Comiczeichner Nicolas Mahler illustriert eine Auswahl an Zitaten berühmter Schriftsteller*innen, die Einblicke in deren Seelenleben geben. Es ist ein großes Jammern und Zetern über die Härten ihres Berufs.
Der Comic-Zeichner und Illustrator Nicolas Mahler hat bereits einige Werke berühmter Autoren wie Thomas Bernhard, James Joyce, Franz Kafka, Robert Musil oder Marcel Proust in Comics umgesetzt. In Ach die dumme Literatur! hat er nun diverse Schriftstellerzitate zusammengestellt, die beschreiben, was für ein Knochenjob das Schreiben ist.Selbstzweifel und Unsterblichkeitsfantasien, Prokrastinieren und Schaffensrausch, Geld- und Alkoholprobleme – niemand schreibt so schön und ausführlich über die Schwierigkeit, ja bisweilen Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz wie Schriftsteller*innen. Die Schreibblockade gibt es als Extra noch obendrauf!
Schreibendes Gesindel
Mahler zitiert bekannte Größen wie Ingeborg Bachmann, Samuel Beckett, Thomas Bernhard, E.M. Cioran, Marguerite Duras, Max Frisch, Peter Handke, Hermann Hesse, James Joyce, Franz Kafka, Friederike Mayröcker oder Marcel Proust aus Tagebüchern, Briefen sowie sonstigen Texten.Geklagt wird über die körperlichen Strapazen, wie etwa Hesse über einen vom langen Sitzen verursachten steifen Nacken, oder den „Ekel vor der Schreibmaschine“ (Max Frisch), aber mehr noch über die seelisch-geistige Mühsal. Den Leistungsdruck und das Nicht-leisten-Können bringt Kafka auf den Punkt: „Arg. Heute nichts geschrieben. Morgen keine Zeit.“
Auch die Beziehungen untereinander sind naturgemäß nicht immer gut. Joyce und Musil leben zeitweise beide in Zürich, haben jedoch „nichts unternommen, um sich kennenzulernen“. Proust kann Oscar Wilde nicht ausstehen, Handke hat keine Lust, mit Beckett zu sprechen, und für Thomas Bernhard sind seine Kolleg*innen „schreibendes Gesindel“.
Narrenhaus Buchmesse
Die Hinter- und Abgründe des Literaturbetriebs werden ebenfalls aufs Korn genommen. Bernhard klagt ausführlich über seine zu geringen Honorare, obwohl ihm Geld gar nichts bedeute. Die Schwierigkeit, sich auf einen Buchumschlag zu einigen, umfasst auch die Farbgestaltung: „Auf keinen Fall ein Violett, denn das bringt Unglück“ schreibt Bachmann an den Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld. Wenigstens hier ist sie sich mit Max Frisch einig, der „lila als Farbe nicht leiden“ kann. Verkaufszahlen sind ebenfalls Thema, allerdings hält Arno Schmidt dem beim Publikum Erfolgreichen entgegen: „Du kannst nie ein Großer werden.“ Lesungen scheinen Vielen eine einzige Quälerei zu sein: „Schon beim Gedanken daran zittern mir meine Beine, und nicht nur meine Beine“, schreibt Beckett. Das Phänomen Buchmesse schließlich findet Arno Schmidt „sehr merkwürdig (und schändlich narrenhäusig! …)“.Auf jeder zweiten Seite findet sich eine Comic-Zeichnung, die eine der manchmal unfreiwillig komischen Notizen im typischen Mahler-Stil illustriert: sehr reduziert, aber trotzdem ausdrucksstark und witzig. So erscheint Bernhard als Dagobert Duck auf dem Weg zu seinem Geldspeicher, während Kafka mit einem Hund auf dem Bauch auf einem Kanapee liegt – der Autor notierte einen entsprechenden „ekelhaften“ Traum in seinem Tagebuch, „eine Pfote nahe beim Gesicht“. Nach dem Erwachen hatte Kafka „noch ein Weilchen Furcht, die Augen aufzumachen und ihn anzusehen“.
Max Frisch stellt die Frage aller Fragen, die nicht nur für Schriftsteller*innen gilt: „Muss ich etwas zu sagen haben?“ Und wenn man etwas zu sagen und vor allem geschrieben hat, wann ist ein Buch eigentlich fertig? Das entscheidet natürlich der oder die Autor*in. Mit der Fertigstellung eines Werks ist für Friederike Mayröcker jedoch keinerlei Ziel erreicht: „Der Text in seiner namenlosen Zappelbewegung endet hier, sage ich, er hat nirgendwohin geführt, aber er ist auch nie zur Ruhe gekommen.“
Berlin: Suhrkamp, 2026, 120 S.
ISBN: 978-3-518-47540-9
Im Literaturhaus Wien ist bis zum 29. Juli 2026 eine Ausstellung mit Mahlers Zeichnungen zu sehen.
Mai 2026