Jugendroman über einen Umzug und einen Neuanfang  Happy End in Mannheim

Küstenmammutbäume im Redwood-Nationalpark, Kalifornien, USA
Küstenmammutbäume im Redwood-Nationalpark, Kalifornien, USA Allie_Caulfield from Germany, CC BY 2.0 , via Wikimedia Commons

Auf keinen Fall will Lou von Hamburg nach Mannheim umziehen. Wie soll sie da überhaupt leben? Aber dann lernt sie Lady Freya in ihrem verrückten Scherbenpalast kennen, außerdem Sari, neue beste Freundin, und Tikey, der ihr gleich sehr gefällt. Und auf einmal spricht so einiges für die Stadt am Neckar.

„Es fing mit Scherben an. Ich wusste sofort, dass jemand gestorben war, als meine Eltern mich mit ihren Blicken in Watte packten, bevor sie zu sprechen begannen. Aber ich wäre nicht darauf gekommen, dass es um mein Leben ging, das zerbrach.“ Lou ist entsetzt, die Familie wird aus Hamburg wegziehen, denn die Mutter, eine Schauspielerin, nimmt ein Theaterengagement in Mannheim an – „Kackmannheim“, wie die Tochter ihren neuen Wohnort bald nennt. In den wütenden Wortwechseln mit den Eltern führt sie sich auf wie eine Dramaqueen. Wie kann sie ohne ihre beste Freundin Nel leben? Ohne ihre Theatergruppe und die Rolle als Titania in Shakespeares Sommernachtstraum? Und was wird aus ihrer Liebe zu Damian, der den Oberon spielt?

Annette Mierswa, preisgekrönte Autorin – am bekanntesten ist das Kinderbuch Lola auf der Erbse (2008) – und bewährte Theaterpädagogin, entwickelt ihr Jugendbuch Der Scherbenpalast wie ein turbulentes Stegreif-Spiel. Lou, als Hauptdarstellerin, setzt hier ihr eigenes Drama in Szene, mit einer ungewöhnlichen Frechheit und Direktheit. Sie zieht ihr Lesepublikum in die Handlung hinein, weil sie typisch ist für pubertäre Stimmungen, aber selten so krass dargestellt wird.

Mierswa: Der Scherbenpalast (Buchcover) © Verlag Freies Geistesleben

Lady Freya und eine Fettnapf-Queen

Wichtige Mitspielerin neben den Eltern, die Lou mit Schweigen erpressen will, die Umzugspläne aufzugeben, ist Lady Freya: eine alte Dame in Mannheim – mit einem ungewöhnlichen Spleen. Dazu Sari, Schülerin im neuen Gymnasium, die sich selbst „Fettnapf-Queen“ nennt, und der faszinierende Junge Tikey, den sie bei Freya kennenlernt, ein Gitarrenspieler und Umweltaktivist.

Schon beim Einzug in die Villa in Mannheim dreht Lou ihre Musikboxen so laut auf, dass die Nachbarn geschockt sind. Nur Freya, die im Nachbargarten vor einem auffallend dekorierten Haus, bekannt als „Scherbenpalast“ sitzt, lächelt sie an. Sie erkennt in der ausgeflippten Jugendlichen ihr Alter Ego. Bei ihr, der älteren Dame in poppiger Kleidung, kann Lou wild sein, so wild wie der Garten, in dem seltene Blumen und Pflanzen und ein Mammutbaum wachsen.

In Gesprächen über deren esoterische Bedeutung und Wirkung und die Gartenarbeit an sich kommen die beiden sich bald näher. Freya erklärt Lou, warum sie immer wieder Porzellan zertrümmert und mit Mörtel gegen die Wände ihres beim Brand zerstörten Hauses wirft. Es helfe ihr gegen die Wut – und wütend sei sie, seit ihr Lebensgefährte sie vor vielen Jahren verließ, um sich einer amerikanischen Umweltaktion zum Schutz der Mammutbäume anzuschließen.

Ein wunderbarer Oberon

Die fiktionale Erzählung wird hier durch die Biografie der Umweltaktivistin Julia „Butterfly“ Hill unterbrochen, die 1997 zwei Jahre lang an der Küste Nordkaliforniens auf einem Mammutbaum lebte, damit er nicht abgeholzt wird. Dieses Motiv nutzt die Autorin, um ihrer Heldin bei der Entscheidung (und dem Happy End) zu helfen. Findet sie hier ihre Aufgabe? Will sie wirklich nach Hamburg zurück?

Denn dort ist ihr von der Freundesclique nur noch Nel geblieben. Und dann verschafft ihr die neue Freundin Sari sogar eine Statistenrolle am Mannheimer Nationaltheater. Nach heftigen emotionalen Turbulenzen schafft Lou es, die Scherben ihres Lebens neu zusammenzusetzen. Sie inszeniert ihren ganz eigenen Sommernachtstraum in Mannheim – und natürlich ist Tikey ihr wunderbarer Oberon.
Annette Mierswa: Der Scherbenpalast
Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben, 2025. 207 S.
ISBN: 978-3-7725-3217-7
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe.