100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann  Dichtend das Schweigen brechen

Auf einem Schwarz-Weiß-Foto ist die österreichische Schriftstellerin Ingeborg Bachmann zu sein, einen Mittelscheitel tragend, ihre linke Hand ist durch eine gestikulierende Bewegung nur verschwommen zu sehen.
Ingeborg Bachmann bei der Verleihung des Wildganspreises, 1972 © picture-alliance / brandstaetter images/Barbara Pflaum | Barbara Pflaum

Gleich mit ihrer ersten Publikation wurde Ingeborg Bachmann zur gefeierten Starautorin der Nachkriegszeit. Zum 100. Geburtstag wirft Beate Tröger einen Blick auf den Gedichtband „Die gestundete Zeit“, mit dem Bachmann nicht nur der Ungenauigkeit der Sprache entgegentrat, sondern auch gegen das Schweigen über Krieg, Verbrechen und Schuld anschrieb.

Ingeborg Bachmann suchte bereits früh nach einer eigenen und genauen Sprache. Aus dieser Suche gingen zu Beginn ihres Schaffens jene Gedichte hervor, die 1953 unter dem Titel Die gestundete Zeit erschienen. Am 26. Dezember 1952 notiert die damals 26-jährige Autorin, warum schnelles Verstehen, das Wiedererkennen derselben Sprache bei anderen ihre eigene Bereitschaft zum Sprechen mindere: „Ich glaube, es liegt daran, daß die schnellgefundene Sprache schnell zum Spiel und zur Unverbindlichkeit, ja zur Ungenauigkeit verleitet.“

Das Unsagbare sagbar machen

Dieser skrupulöse Blick auf die Sprache beschränkt sich nicht allein auf Bachmanns Gedichte. Vielmehr ist ihr gesamtes Schreiben von einer Sprachnot geprägt – einer Sprachnot, die aus dem Anspruch resultiert, eben nicht bewährten Mustern zu folgen und Gedachtes in schönere Sätze zu übertragen, sondern originäre Bilder zu finden und Ungesagtes sagbar zu machen.

Dieser Anspruch auf eine neue, unverbrauchte Sprache ist gewiss ein Grund dafür, weshalb auch mehr als siebzig Jahre nach dem ersten Erscheinen von Die gestundete Zeit die Gedichte Ingeborg Bachmanns bis heute fortwirken und Bestand haben. Verse wie die letzten vier Strophen von „Psalm“ machen das besonders deutlich:
In die Mulde meiner Stummheit
leg ein Wort
und zieh Wälder groß zu beiden Seiten,
daß mein Mund / ganz im Schatten liegt.
Hier spricht eine Stimme, um „Dunkles zu sagen“, wie ein weiteres Gedicht im Band heißt. Man versteht, weshalb Alfred Andersch im Juli 1953 über Die gestundete Zeit, als deren Herausgeber er fungierte, an die Autorin schrieb: „Ich bin jetzt mehr denn je davon überzeugt, dass das Erscheinen dieses Bandes ein Ereignis sein wird […]. Denn Ihre Gedichte blenden ja nicht, sondern senken sich langsam auf den Grund“.

Von der Gruppe 47 zur Starautorin der Nachkriegszeit

Die gestundete Zeit war nicht nur Bachmanns erster Gedichtband, sondern überhaupt ihre erste selbstständige Publikation. Der Band besteht aus einem Mottogedicht, 23 Gedichten in drei Teilen sowie dem „Monolog des Fürsten Myschkin zu der Ballettpantomime ‚Der Idiot‘“ und erschien in der von Andersch betreuten Reihe „studio frankfurt“ der Frankfurter Verlagsanstalt. Der Ausgabe war nur kurze Zeit beschieden, der Verlag musste bereits vor deren Erscheinen Konkurs anmelden. Doch Andersch sollte recht behalten, die Wirkung der Gedichte hatte eingesetzt. Weitere Auflagen von Die gestundete Zeit folgten, und auch der Aufstieg Bachmanns zur Starautorin der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur schritt voran. 1952 war sie bei der Gruppe 47 in Niendorf aufgetreten, man erkannte ihr dort den Preis zu, der ihr im Sommer 1953 verliehen wurde.

Nicht nur eines, sondern mehrere Gedichte aus Die gestundete Zeit sind kanonisch geworden und wurden in Schulbücher übernommen: „Die große Fracht“, „Herbstmanöver“, „Alle Tage“ und das Titelgedicht. Analytisch auf sie zu blicken, legt rasch die von Bachmann beschworene Genauigkeit offen, etwa die Kreisstruktur des titelgebenden Gedichts „Die gestundete Zeit“, das mit dem Vers „Es kommen härtere Tage“ beginnt und endet. Stellt man sich die kreisenden Zeiger einer Uhr dazu vor, die eine „gestundete Zeit“ messen, wirkt besonders eindringlich, wie hier die Wiederkehr des ewig Gleichen und die Vergänglichkeit sprachlich realisiert werden. Das erhöht die Spannung in diesem Gedicht, umso mehr, wenn man es mehrmals liest und darüber ja tatsächlich Zeit verstreicht.

Die Adressierung eines Dus im Gedicht, die auch als Selbstadressierung gelesen werden kann, gewinnt im Verlauf des Gedichts an Dringlichkeit, wenn die in anfangs als Aussagen formulierten Verse zu Appellen werden, wenn aus „Bald mußt du den Schuh schnüren / und die Hunde zurückjagen in die Marschhöfe“ gegen Ende „Schnür deinen Schuh. / Jag die Hunde zurück. / Wirf die Fische ins Meer. / Lösch die Lupinen! // Es kommen härtere Tage.“ wird.
Ingeborg Bachmann auf einer Pressekonferenz 1960

Als Diva der Literaturszene und tragische Schmerzensfrau wahrgenommen, blieb Bachmanns Werk lange hinter dem Mythos ihrer Person verborgen. | © Fritz Peyer, via Wikimedia Commons

Neue Worte für Wirklichkeit

In Die gestundete Zeit wird sinnliche und poetische Sprache wirksam, was Ingeborg Bachmann dem Gedicht grundsätzlich zutraute und 1954 in einem Zeitschriftenbeitrag so beschrieb: „Ich glaube, daß […] wer Gedichte schreibt, Formeln in ein Gedächtnis legt, wunderbare alte Worte für einen Stein und ein Blatt, verbunden oder gesprengt durch neue Worte, neue Zeichen für Wirklichkeit“.

Liest man in Ingeborg Bachmanns autobiographischen Notaten Senza Casa, die 2024 erschienen, zeigt sich, dass es der Autorin tatsächlich um etwas anderes zu tun war, als Gedichte zu Instrumenten eines abstrahierenden Denkens zu degradieren. Nach Fertigstellung ihres zweiten und letzten Gedichtbandes Anrufung des Großen Bären, der 1956 erschien, notiert sie am 29. August: „Der Gedichtband ist gerade noch beendet worden, ehe er vom Denken bedroht worden ist. Jetzt ist das Denken unvermeidlich geworden.“

Die Bildlichkeit von Bachmanns Gedichten ist also gerade eben keine, deren Einprägsamkeit sich einer einzuübenden und routinierten Haltung verdankt. Die Dichterin erscheint dagegen tatsächlich als Seherin in dem Sinn, dass etwas durch ihre Sprache spricht, das größer ist als ihr subjektives Wahrnehmen.

Wie Bachmann gegen das Verschweigen der NS-Verbrechen anschrieb

Routiniertes Denken hat in Bachmanns Gedichten keinen Platz. Stattdessen geht es, wie sie schreibt, darum „schön ins Unreine“ zu sprechen oder vielleicht auch dichtend das Schweigen zu brechen, das nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Deutschland und Österreich herrschte, wo das Verschweigen historisch gewordener Schuld an der Tagesordnung war. Womöglich ist es auch das Leiden der Autorin an diesem Schweigen, dem eine Sprache entgegengestellt wird, die das Schweigen zwar bricht, aber selbst immer vom Rückzug in die Sprachlosigkeit bedroht ist.
Wo Deutschlands Himmel die Erde schwärzt,
sucht sein enthaupteter Engel ein
Grab für den Haß
und reicht dir die Schüssel des Herzens.

Eine Handvoll Schmerz verliert sich über den Hügel.

Sieben Jahre später
fällt es dir wieder ein,
am Brunnen vor dem Tore.
Blick nicht zu tief hinein,
die Augen gehen dir über.
Solche Verse sträuben sich gegen eine Gesellschaft, in der die Begeisterung für den Krieg und das Mitwirken so vieler am organisierten Massenmord der Juden zwar nachwirkten und die historische Schuld präsent machten, deren Aufarbeitung jedoch weitgehend ausblieb.

Von der traurigen Aktualität von Bachmanns Gedichten

In eine derart spukhafte Sprachlandschaft, die auf Mord, Trümmern, Versehrung und Vernichtung gründete und zugleich Aufbruch und Weitermachen propagierte, müssen diese Gedichte, in ihrem kritischen Impetus verstörend hineingewirkt haben. Der Komponist Hans Werner Henze, mit dem die Autorin befreundet war, hatte Bachmann geschrieben: »in diesen neuen gedichten gibt es etwas alarmierendes, skandalöses, befremdliches, erschreckendes. wenn Du so weitermachst, wirst Du auch die wunderbarsten skandale kriegen, ob Du willst oder nicht.“ Eben das geschah aber nicht. In eine allzu bleierne Zeit hinein wirkten auch verstörend klare Verse wie diese:
Aus der leichenwarmen Vorhalle des Himmels tritt die
Sonne.
Es sind dort nicht die Lebendigen,
sondern die Toten, vernehmen wir.
Und Glanz kehrt sich nicht an Verwesung. Unsere Gottheit,
die Geschichte, hat uns ein Grab bestellt,
aus dem es keine Auferstehung gibt
Etliche der Gedichte spiegeln Bachmanns Auseinandersetzung mit der NSDAP-Mitgliedschaft ihres Vaters und dessen Soldatentum an der Ostfront im Rahmen des Zweiten Weltkriegs, worüber in der Familie nicht gesprochen wurde. Sehr früh hatte die Autorin sich mit dem weiterschwelenden Faschismus und mit dem Völkermord an den Juden befasst, hatte ihr Leben in Österreich und Deutschland aufgrund des fortwährenden Schweigens darüber kaum ertragen. Von heute aus ist das Alarmierende, Skandalöse, Befremdliche und Erschreckende von Die gestundete Zeit anders sichtbar – und die Aktualität dieses Bandes besteht angesichts faschistischer Tendenzen in unserer Gegenwart ungebrochen fort.

 

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