Der Münchner Schriftsteller Friedrich Ani hat ein Buch über seine Kindheit und seine Herkunft geschrieben – es handelt auch davon, wie er durch das Schweigen zum Schreiben und zu seiner literarischen Sprache gefunden hat.
Friedrich Ani wurde bekannt durch seine Kriminalromane um den wortkargen Ermittler Tabor Süden, dessen Spezialgebiet vermisst gemeldete Personen sind. Und er legte weitere Krimireihen vor, etwa mit einem ehemaligen Mönch als Hauptkommissar oder mit einem erblindeten Ermittler. Ani hat sich in seinen Werken, zu denen auch Lyrik, Jugendromane und Hörspiele gehören, als exzellenter Beobachter gesellschaftlicher Milieus, insbesondere von sozialen Randgruppen, erwiesen und wurde vielfach ausgezeichnet – beispielsweise 2026 mit dem Literaturpreis der Stadt München für sein „vielseitiges, tiefgründiges Lebenswerk“.Zuletzt hat Ani Schlupfwinkel herausgebracht. In dieser „Fantasie über eine fremde Heimat“, wie der paradoxe Untertitel lautet, erzählt er autobiografisch grundiert von einer Kindheit in einem kleinen bayrischen Dorf. Es handelt sich um den Ort Kochel am See, wo Friedrich Ani als Sohn einer Schlesierin und eines syrischen Arztes aufwuchs.
Zwei Fremde zeugen einen Einheimischen
Wegen des Sprachkursangebots des Goethe-Instituts, das in Kochel am See 1955 eröffnet wurde und bis in die 1970er-Jahre hinein existierte, kommen lauter „Andershäutige“ in den „4000-Einwohner-Ort“ und mischen sich an den sonntäglichen „Tanztee-Veranstaltungen“ unter die Einheimischen. Einer von ihnen war ein syrischer Medizinstudent namens Ali Ani. Als Zugezogener hat er es nicht einfach, wird als „Kameltreiber“ verunglimpft. Er bandelt mit einer jungen Frau an, die selbst eine Vertriebene ist, sie stammt aus Schlesien. Anfangs können die beiden – mangels einer gemeinsamen Sprache – kaum miteinander sprechen. Doch ihre Beziehung intensiviert sich zumindest zeitweise, bald ist die junge Frau schwanger – ungewollt. Zu dieser Schwangerschaft sagt die Mutter später: „Sie könne bis heute ... nicht verstehen, wie DAS passiert sei.“Zwischen dem heranwachsenden Jungen und seinen Eltern herrscht eine große Fremdheit, sie wird zur Lebenskonstante. Man muss unweigerlich an Karl Valentins berühmten Ausspruch denken, allerdings in einer Variation: Fremd ist der Fremde bei Ani nicht nur in der Fremde. Über die Vater-Mutter-Kind-Beziehung heißt es zwar: „Ein Fremder zeugte in der Fremde mit einer Fremden einen Einheimischen.“ Doch: „Heimisch geworden, sprach ich nicht die Sprache des Vaters, nicht die der Mutter, ich übte ein eigenes Deutsch ein und habe es nie mehr verlernt.“ Zwischen Vater und Sohn besteht zeitlebens eine große Distanz, die beiden wechseln kaum ein Wort. Die Eltern sind für den Jungen seine „Lebensvorgesetzten“, seinen Vater nennt er den „Syrer meiner Mutter“. Es gibt Streit und Gebrüll in der Familie und zwischen den Eheleuten, auch Versöhnung, doch keine zärtlichen Momente: „Kein einziges Mal war ich Zeuge einer Umarmung, eines Kusses, einer Berührung aus bedingungsloser Zuneigung.“
(Ver)Schweigen als Grundtugend
Einen geschützten Ort bietet die Familie also nicht. Seinen „Schlupfwinkel“ muss sich jeder selbst suchen. Für den Vater ist sein kleines Zimmer – die Eltern leben nicht zusammen – der „neue stille Winkel“. Für den Jungen wird sein Zimmer ebenfalls zum Zufluchtsort, noch mehr das Schreiben: „Dichten war sein neuer Atem, er hatte ihn sich selbst eingehaucht und überlebte jetzt damit.“ Das setzt sich im Leben des Autors fort, er erinnert sich an seinen 60. Geburtstag, den er an der Nordsee feiert, die er bildhaft Blanker Hans nennt, „ein weiterer Schlupfwinkel, in dem ich, bilde ich mir ein, nie verloren gehen könnte“.Das Schweigen ist – wie in Anis Romanen – ein weiterer Hauptdarsteller. Doch auch das Schweigen hat Facetten: „Wir schwiegen viel, jeder von uns auf seine ihm gemäße Weise.“ Bei Familientreffen etwa „praktizierte mein Vater sein Schweigen, mit dem er, wie mit einem Stethoskop, die Verwandten abhörte“. Das Verschweigen „zählt zu den Grundtugenden in dieser Familie. Und ich wurde … zum Tugendhaftesten in unserer Sippschaft.“
Wut nicht ins Leere laufen lassen
Schlupfwinkel ist ein Rückblick auf das Verhältnis zu den Eltern. Wut steigt auf, doch Ani weiß, dass Wut ins Leere läuft, wenn man sie nur auf andere richtet. Macht man sich damit doch zum hilflosen Opfer. Gleich im Prolog, als er am Totenbett seines 2012 verstorbenen Vaters steht, heißt es, er habe „nichts als Wut“ empfunden, aber nicht auf den Vater oder die Mutter, sondern auf sich selbst: „Weil ich wieder einmal alles zuließ.“Friedrich Anis lakonische Sätze wirken leicht, haben aber eine große Präzision und Wucht. Genau das ist seine besondere Kunst: das Schwere leicht erscheinen zu lassen. In Schlupfwinkel kann man nicht nur nachlesen, wo Ani herkommt, sondern auch, wie er zu seiner aus dem Schweigen geborenen Sprache gefunden hat und zu so einem exzellenten Beobachter und Erzähler geworden ist.
Berlin: Suhrkamp, 2025, 128 S.
ISBN: 978-3-518-47517-1
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Juni 2026